Ärzte Zeitung online, 17.11.2009

Gesundheit im Spitzensport: Die Tabuisierung des Leidens

TÜBINGEN (eb). Über den extremen Druck, dem Spitzenathleten ausgesetzt sind, wird immer erst nach Ereignissen wie der Selbsttötung von Nationaltorhüter Robert Enke geredet. Dabei sind stressbedingte Beschwerden im Spitzensport durchaus keine Ausnahmeerscheinungen, wie die unter der Leitung des Tübinger Sportwissenschaftler Professor Ansgar Thiel entstandene Studie "Gesundheit im Spitzensport" belegt, die in wenigen Wochen im Hoffmann-Verlag Schorndorf erscheinen wird.

Gesundheit im Spitzensport: Die Tabuisierung des Leidens

Spitzensportler fokussieren auf die körperliche Leistungsfähigkeit. Dabei kann die seelische Gesundheit auf der Strecke bleiben.

Foto: aleksandar kamasi©www.fotolia.de

Die Analyse mit über 700 Spitzenathleten, Trainern und Funktionären aus den Sportarten Handball und Leichtathletik zeigt die gesundheitsbezogenen Schattenseiten des Spitzensports. Fast die Hälfte der befragten Athleten berichtete beispielsweise über Phasen von Ausgebranntsein und Kraftlosigkeit, fast 30 Prozent gaben an, mindestens einmal im Monat an Schlafstörungen zu leiden und mehr als ein Fünftel klagte über gelegentliche Depression und Melancholie.

Das Problem sei aber, so Thiel, "dass diese Probleme aufgrund der Fokussierung auf die körperliche Leistungsfähigkeit weitestgehend tabuisiert werden". Bei der Jagd nach dem sportlichen Erfolg ist für das Zeigen von Schwäche kein Platz.

Gesund sein heißt im Spitzensport, sportlich leistungsfähig zu sein. Spitzensportler sind daher im Allgemeinen sehr leidensfähig, wenn sie ihre sportlichen Ziele erreichen wollen. Sich an körperlichen Grenzen zu bewegen, ist für sie Normalität. Für den Erfolg ernähren sie sich meist bewusst, rauchen kaum und trinken wenig Alkohol. Und sie erleben ihr Leben und die Welt in überdurchschnittlichem Maße als sinnhaft, verstehbar und beeinflussbar - jedenfalls solange die sportliche Leistung stimmt.

Der Studie zufolge ist im Spitzensport vor allem der Umgang mit Verletzungen problematisch. "Der extreme Leistungsdruck führt zwangsläufig dazu, dass langfristige Gesundheitsrisiken bei einem Großteil der Athleten und auch der Trainer ausgeblendet werden", so Thiel. Co-Autor Jochen Mayer fügt hinzu: "Eigentlich werden nur traumatische Verletzungen wie etwa Frakturen, Sehnen- oder Bänderrisse, die ein Weitermachen unmöglich machen, wirklich ernst genommen. Körperliche Schmerzen, Überlastungssyndrome oder chronifizierte Beschwerden werden oft solange nicht thematisiert, bis die Athleten ausfallen." Die Schuld ist nach Thiel dabei vor allem im System zu suchen. "Die Athleten wollen unbedingt Wettkämpfe bestreiten. Dafür verheimlichen oder ignorieren sie nicht selten Schmerzen und Beschwerden. Die Trainer wiederum, die grundsätzlich eigentlich offen für die Beschwerden ihrer Athleten wären, geben sich damit zufrieden, wenn ein Athlet sagt, es sei alles in Ordnung."

Zur Bekämpfung von Schmerzen nehmen einige Spitzenathleten Schmerzmittel in einem Maße ein, dass die Schmerzmittel produzierende Pharmaindustrie als Sponsor einsteigen könnte, wie es ein Spieler in einem Interview ausdrückte. Der Wiedereinstieg nach Verletzungspausen erfolgt häufig zu früh, was wiederum nicht selten regelrechte Verletzungsserien nach sich zieht. Athleten und Trainer verdrängen häufig den Gedanken an potenzielle Folgeschäden und Nebenwirkungen eines solchen Verhaltens. In diesen Fällen ist auch die von den Verbänden und Vereinen angebotene medizinische Versorgung keine Hilfe. Der Studie zufolge ist der Arzt im Normalfall in erster Linie Reparateur. Athleten, aber auch Trainer, verlangen vor allem "Fit machen", nicht "Gesund machen". Dies gilt, solange die Athleten trainieren oder einen Wettkampf bestreiten können.

Erst wenn die Verletzungen oder die Krankheiten so schwer sind, dass sie einen Wettkampf oder das Training unmöglich machen, gibt es einen "Rollen-Switch": Der Athlet wird zum Patient, der Arzt zum Heiler und die Logik des Medizinsystems greift. Aber dies ist nicht selten zu spät. "In der Leichtathletik ist beispielsweise zu beobachten, dass Athleten solange ein ‚Ärztehopping‘ betreiben, bis sie jemand gesund schreibt oder fit für den Wettkampf macht. Fallen die Athleten aufgrund der Verletzung langfristig aus, dann ist dies oft auch psychisch traumatisch", berichtet Jochen Mayer.

"Unsere biographischen Interviews weisen darauf hin, dass die Wurzeln dieses langfristig ungesunden Verhaltens bereits im Jugendalter liegen. Schon jüngere Athleten machen offenbar oft erst sehr spät auf Beschwerden aufmerksam oder versuchen, diese zu verheimlichen", so Thiel. Da im Jugendalter drastische Veränderungen auf der körperlichen, psychischen und sozialen Ebene ablaufen, ist dies besonders problematisch. Denn in diesem Alter sind das Ignorieren körperlicher und psychischer Beschwerden oder eine Fehl- oder Mangelernährung auch auf lange Sicht besonders gefährlich und führen im Extremfall sogar zu irreversiblen Schäden.

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