Ärzte Zeitung, 01.06.2015

Kopftransplantation und Co.

Skurrile Forschungsansätze am eigenen Leib testen!

Kopftransplantation, Keimbahntherapie, Mitochondrienspende - manchmal verfolgen Wissenschaftler schon ungewöhnliche Ideen. Sollten für solche Forschungen Patienten als Versuchsobjekte dienen?

Von Peter Leiner

Skurrile Forschungsansätze am eigenen Leib testen!

Ein Gehirn und tausend Ideen: Manche Wissenschaftler kommen auf ungewöhnliche Forschungsansätze.

© Andrea Danti / fotolia.com

NEU-ISENBURG. Es ist wohl die derzeit am meisten verstörende Ankündigung eines Wissenschaftlers: In zwei Wochen will der italienische Neurologe Dr. Sergio Canavero aus Turin auf der Tagung der US-amerikanischen Akademie der neurologischen und orthopädischen Chirurgen in Annapolis sein Projekt, die erste Kopftransplantation - oder je nach Blickwinkel: Körpertransplantation -, vorstellen.

"HEAVEN-GEMINI: Head Transplantation: The Future Is Now" betitelt er seriös seinen Impulsvortrag. Er ist überzeugt davon, dass er die Hürden, die im vergangenen Jahrhundert Versuche mit Affen haben scheitern lassen, überwinden und das Vorhaben bis 2017 erstmals bei einem Hirntoten realisieren kann. Im Detail beschrieben hat er das bereits vor zwei Jahren (Surg Neurol Int 2013; 4: S335-342).

Vielleicht würde es gelingen, rein biologisch betrachtet. Wenn man ihn ließe. Aber selbst wenn er alle biologischen Hürden beseitigen könnte, bleibt die Einschränkung, dass nicht alles, was technisch machbar ist, auch realisiert werden sollte, weil die Folgen nicht absehbar sind.

Gegen die Kopftransplantation spricht vieles, vor allem, dass Gehirn und Körper eine Einheit bilden. Zudem wäre es ein Menschenversuch ohne ausreichende Erfahrungen aus Tierexperimenten - mit sehr ungewissem Ausgang.

In der naturwissenschaftlichen und medizinischen Forschung hat es immer Vorstöße gegeben, deren Folgen ungewiss waren und die man später als Pioniertaten feierte, sobald sie zur Routine wurden.

Aber selbst bei der ersten Herzkatheterisierung beim Menschen konnte der spätere Nobelpreisträger Werner Forßmann sich nicht mit seinem Plan durchsetzen, den ersten Katheter bei einem Patienten zu schieben, weil Vorgesetzte und Kollegen keinen Patienten gefährden wollten. So blieb ihm 1929 nur der Selbstversuch.

Zuallererst nicht schaden!

Außer etwa bei der Kryokonservierung des Gehirns für erhoffte bessere Zeiten, wie das beim US-Unternehmen Alcor in Arizona praktiziert wird, sollten Forscher - wenn sie so sehr von ihrer Methode überzeugt sind - nach ausgedehnten Tierversuchen zuerst auf Selbstversuche bauen, bevor sie Patienten damit traktieren. Auch wenn die Patienten vermeintlich todkrank sind.

Beispiele dafür, dass das möglich ist, gibt es genug, außer Forßmann etwa auch der australische Nobelpreisträger Barry Marshall, der durch Trinken einer Bakterienlösung mit Helicobacter pylori belegen konnte, dass der Keim Auslöser einer Gastritis sein kann - was zuvor von Kollegen als absurd abgetan worden war.

So ist zu fordern, dass - wo immer möglich - eine bei Menschen noch nie erprobte Methode von beteiligten Forschern an sich selbst geprüft wird, sei es eine neuartige Gentherapie, die vielleicht auch Krebs auslösen könnte, oder die Injektion fetaler Zellen ins Gehirn gegen Parkinson, die vielleicht entarten könnten.

Primum nil nocere - zuallererst nicht schaden! Das sollte auch bei jedem neuen medizinischen Verfahren oberstes Gebot sein.

"Wir sind sehr gut darin, Technologien zu entwickeln, aber nicht gut darin, ihre Auswirkungen vorherzusagen und die sozialen Effekte einer Technologie oder ihren Einfluss auf moralische Muster abzuschätzen", so der Ethiker Professor Bert Gordijn von der Dublin City University in einem Interview mit dem Physiker Dr. Roman Brinzanik vom Max-Planck-Institut für molekulare Genetik in Berlin, der über Systembiologie forscht.

Und so gibt es Forschungsbereiche, bei denen es sich verbietet, sie an Menschen zu erproben, weil deren Folgen nicht abschätzbar sind. Dazu gehört vor allem die Keimbahntherapie, mit der man sich etwa erhofft, genetisch bedingte Krankheiten ausrotten zu können.

Da unklar ist, wie sich die künstlich erzeugte genetische Veränderung in den nachfolgenden Generationen auf die Betroffenen auswirken wird, sprechen sich die meisten Wissenschaftler zu Recht für das Verbot aus.

Mitochondrienspende noch intensiv diskutiert

Das ist nicht immer selbstverständlich, wie das Beispiel "3-Eltern-Kind" im Zusammenhang mit der Mitochondrienspende zeigt, die seit Kurzem in Großbritannien erlaubt ist.

Bei dem Verfahren, mit dem die Weitergabe defekter Mitochondrien verhindert werden soll, wird vor der künstlichen Befruchtung das entkernte Ei einer gesunden Frau mit dem Eizellkern der Patientin mit mitochondrialer Erkrankung bestückt.

Die Folge: Der entstehende Embryo enthält genetisches Material nicht nur von den Eltern, sondern auch von der Eizellspenderin.

Welchen Einfluss das zusätzliche Erbmaterial auf die Entwicklung hat, wird unter Wissenschaftlern noch immer intensiv diskutiert. Ausgang offen.

Auch wenn es immer wieder Menschen geben wird, die sich für die Forschung zur Verfügung stellen, etwa für die Kopftransplantation ein russischer Patient, bedeutet das nicht, dass Forscher solche "Angebote" in jedem Fall annehmen sollten.

Es bleibt zu hoffen, dass Canavero sich umstimmen lässt und so ein Musterbeispiel für andere Wissenschaftler wird, die Forschungsprojekte mit unabsehbaren Folgen vorantreiben wollen.

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[01.06.2015, 12:25:28]
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Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund  zum Beitrag »

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