Ärzte Zeitung, 09.09.2009

Sturzrisiko: Da lohnt ein Check der Medikation

Stürze bei älteren Menschen haben oft schwerwiegende Folgen wie Hüftfrakturen. Es gibt jedoch effektive Maßnahmen zur Sturz-Prophylaxe.

Von Ingrid Kreutz

Nicht alle Risikofaktoren für Stürze bei älteren Menschen lassen sich verringern oder gar vermeiden. Eines lohnt sich nach Auffassung des Hamburger Geriaters Professor Wolfgang Renteln-Kruse allerdings auf jeden Fall: die regelmäßige, lückenlose Bestandsaufnahme und Bewertung der von einem Patienten angewendeten rezeptierten sowie nicht-rezeptpflichtigen Arzneimittel (Der Internist 50, 2009, 493). Arzneimittel können das Sturzrisiko über verschiedene Mechanismen erhöhen, etwa durch Beeinträchtigung von Vigilanz und Balance oder durch Veränderung der Sehschärfe, der Blutdruckregulation oder des Muskeltonus.

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Auch Arzneien können das Sturzrisiko erhöhen.

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Eine Metaanalyse hat ergeben, dass sich bei Patienten über 60 Jahre das Sturzrisiko erhöht, wenn sie mit mehr als drei oder vier Medikamenten gleichzeitig behandelt werden. Es wurde eine signifikante Zunahme des Sturzrisikos für die Behandlung mit Psychopharmaka festgestellt. Schwächere Korrelationen ergaben sich für Diuretika, Digoxin und Antiarrhythmika vom Typ IA.

Studien zu Psychopharmaka belegen, dass unerwünschte Effekte dosisabhängig sind. So steigt demnach das Risiko für Verletzungen unter einer Benzodiazepintherapie bei über 65-jährigen Patienten unabhängig von der Halbwertzeit der Präparate mit höherer Dosierung besonders für Flurazepam, Chlordiazepoxid und Oxazepam.

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Viele Sturzrisikofaktoren sind endogen.

Auch für andere psychotrope Mittel wurde gezeigt, dass das Risiko für unerwünschte Wirkungen wie Stürze und daraus resultierende Femurfrakturen mit der Dosis steigt. Daher wird nach Angaben des Hamburger Geriaters jetzt generell empfohlen, immer mit der niedrigst möglichen Dosierung zu beginnen und bei ausbleibender Wirkung diese nicht sofort zu verdoppeln.

Es kann sich auch lohnen, ein psychotropes Medikament abzusetzen, wenn es der Gesundheitszustand des Patienten erlaubt: In einer Interventionsstudie konnte, wie Renteln-Kruse berichtet, nachgewiesen werden, dass sich durch fraktioniert ausschleichendes Absetzen psychotroper Medikamente, vor allem Benzodiazepine, Antidepressiva und Neuroleptika, die Sturzrate um 66 Prozent verringern lässt.

Auch das Absetzen von Herz-Kreislauf-Medikamenten oder die Dosisreduktion ist bei Sturzneigung zu erwägen: In einer prospektiven Kohortenstudie konnten bei über der Hälfte von 139 Patienten einer geriatrischen Tagesklinik Arzneimittel, die das Sturzrisiko erhöhen, meist komplett abgesetzt oder in der Dosis reduziert werden. Es waren zu 39 Prozent Psychopharmaka und zu 55 Prozent Mittel zur kardiovaskulären Therapie. In der dreimonatigen Nachbeobachtungszeit stürzten signifikant weniger Patienten, bei denen die Arzneimittel abgesetzt wurden. Herz-Kreislauf-Mittel wie Antihypertensiva können bekanntlich eine orthostatische Hypotension, einen vasovagalen Kollaps oder Karotis-Sinus-Hypersensitivität auslösen oder verstärken und somit Stürze fördern.

Lesen Sie dazu auch:
Checkliste zur Vermeidung von Stürzen

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