Ärzte Zeitung online, 05.01.2009

Rheuma - fürs Herz so schlecht wie Diabetes

BERLIN (gvg). Bei Patienten mit Rheumatoider Arthritis (RA) ist das Risiko kardiovaskulärer Erkrankungen und Ereignisse gegenüber der Normalbevölkerung um mindestens den Faktor zwei erhöht. Die Europäische Rheumaliga (EULAR) hat deswegen spezifische Empfehlungen zum Risikomanagement vorgelegt.

Rheuma - fürs Herz so schlecht wie Diabetes

Die Gelenkzerstörung bei Rheumatoider Arthritis ist hier bei einem Modell dargestellt.

Foto: Roche Pharma und Chugai Pharma

"Wir wissen heute, dass Patienten mit RA bezüglich des kardiovaskulären Risikos ähnlich ungünstig dastehen wie Typ-2-Diabetiker", sagte der Leiter der EULAR Task Force "Cardiovascular Risk Management in Rheumatoid Arthritis", Dr. Mike Nurmohamed vom Jan van Breemen Instituut in Amsterdam. Neue Daten dazu lieferte die von der EULAR initiierte CARRÉ-Studie, deren erste Ergebnisse im August in der Fachzeitschrift Annals of Rheumatic Diseases publiziert wurden.

An der Untersuchung nahmen 352 Patienten mit RA teil, die jeweils mindestens fünf Jahre nachbeobachtet wurden. Als Vergleichsgruppe diente eine altersgleiche Kohorte von Probanden ohne RA. "Wir konnten zeigen, dass die Prävalenz bekannter kardiovaskulärer Erkrankungen bei den im Mittel 63-jährigen Patienten bei 13 Prozent lag, genauso hoch wie bei den Diabetikern in der Vergleichsgruppe. Bei den Probanden, die weder Diabetes noch RA hatten, lag sie bei 5 Prozent", so Nurmohamed.

Jährliche Herz-Ereignisrate liegt bei über drei Prozent

Ähnlich bei der Inzidenz neuer kardiovaskulärer Ereignisse: Sie lag bei RA-Patienten mit 3,3 Prozent pro Jahr etwa so hoch wie bei Diabetikern und mehr als doppelt so hoch wie in der gesunden Vergleichsgruppe. Die Quoten wurden auf diverse Störgrößen hin überprüft, darunter Alter und Geschlecht sowie Vorliegen anderer kardiovaskulärer Risikofaktoren. Es blieb beim Befund eines in etwa verdoppelten Risikos. "Die RA ist damit ein unabhängiger Risikofaktor für kardiovaskuläre Erkrankungen", betonte Nurmohamed.

Die EULAR hat deswegen Empfehlungen zum kardiovaskulären Risikomanagement bei Rheuma erarbeitet, deren vorläufige Fassung jetzt vorliegt. Demnach sollte bei allen Patienten mit chronisch inflammatorischer Arthritis jährlich das kardiovaskuläre Risiko mit Standardscores wie SCORE oder PROCAM ermittelt werden, vor allem auch nach jedem Therapiewechsel.

Ergebnis von Risikoscore mit Faktor 1,5 multiplizieren

Das Ergebnis sollte dann bei einem Teil der Patienten mit 1,5 multipliziert werden, und zwar bei allen Patienten, die eine RA haben, ferner bei Patienten, die länger als zehn Jahre eine andere chronisch-inflammatorische Arthritis haben, bei allen Patienten, bei denen Anti-Citrullin-Antikörper nachweisbar sind und bei allen Patienten mit stark extraartikulären Manifestationen ihrer Grunderkrankung. Die auf diese Weise modifizierte Risikoeinschätzung dient dann als Grundlage für das kardiovaskuläre Risikomanagement entsprechend den bekannten Leitlinien der Gefäßmedizin.

Noch nicht ganz ausdiskutiert ist die Frage, was genau dazu führt, dass das kardiovaskuläre Risiko bei RA erhöht ist. Einen Erklärungsansatz liefert die chronische Entzündung, die die Arteriosklerose verstärken könnte. Doch das ist strittig. "Wirklich guten Daten, die belegen würden, dass die Arteriosklerose bei RA-Patienten schneller abläuft, haben wir nicht", sagte Professor George Kitas vom Russels Hall Hospital in West Midlands, Großbritannien.

Herzrisiko bei Rheuma von Hormonen abhängig?

Eine andere Theorie sieht hormonelle Faktoren am Werk. So berichtete Dr. Suat Simsek vom Universital Medical Center Amsterdam von einer um den Faktor zwei bis drei höheren Inzidenz des Hypothyreoidismus bei Patientinnen mit RA. Der wiederum führe unbehandelt zu einem Anstieg der Lipidwerte und des Blutdrucks. Auch der Zuckerstoffwechsel sei bei RA in Richtung diabetischer Stoffwechsellage verändert, was sich unter anderem durch eine TNFα-Blockade rückgängig machen lasse. Auch das könnte ein Erklärungsansatz für ein höheres kardiovaskuläres Risiko sein, zumal Registerdaten darauf hin deuten, dass TNFα-Blocker das kardiovaskuläre Risiko bei RA-Patienten senken können. Einig waren sich die anwesenden Experten, dass die neuen EULAR-Empfehlungen nur ein Anfang sein können und dass noch reichlich Forschungsbedarf besteht.

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