Ärzte Zeitung online, 24.08.2009

Bei systemischer Sklerose sind fast immer auch Magen und Darm betroffen

KOPENHAGEN (arn). Eine gastrointestinale Beteiligung ist bei der progressiven systemischen Sklerose ist ausgesprochen häufig und kompliziert den Erkrankungsverlauf weiter. Tipps für die Therapie bei GI-Symptomen gab's beim Rheuma-Kongress in Kopenhagen.

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Bei rund 90 Prozent aller Patienten mit einer systemischen Sklerose ist der Gastrointestinaltrakt mit betroffen, was sich ausgesprochen negativ auf ihre Lebensqualität auswirkt, erklärte Dr. Dinesh Khanna von der University of California in Los Angeles. Zur diagnostischen Abklärung plädierte er für den Einsatz bildgebender Verfahren, etwa von Bariumkontrast-Untersuchungen im Falle von Motilitätsstörungen oder der Endoskopie zur Erfassung von Schleimhautläsionen.

  • Oropharynx: Eine Beteiligung des Oropharynx tritt laut Khannah häufig bei Patienten mit Sjögren-Syndrom auf und kann das Kauen behindern. Man solle den Patienten raten, immer nur kleine Portionen zu sich zu nehmen. Als ausgesprochen wichtig bezeichnete er eine gute Mundhygiene mit Mundspülungen, zuckerfreien Kaugummis und regelmäßigen zahnärztlichen Untersuchungen.
  • Ösophagus: Der Ösophagus ist bei der systemischen Form der Sklerodermie so gut wie immer betroffen. Ursächlich für die gestörte Motilität ist der herabgesetzte oder gänzlich fehlende Druck des unteren Ösophagussphinkters und die verringerte Amplitude der Ösophagus-Peristaltik. Obwohl bislang keine Daten kontrollierter Studien vorlägen, so Khannah, empfehle die EULAR den Einsatz von Protonenpumpenhemmern, um der Entwicklung von Refluxösophagitis, ösophagealen Ulzera und Strikturen vorzubeugen. Bei Sklerodermie-bedingten Motilitätsstörungen seien Prokinetika indiziert, um Symptome wie Dysphagie, rasches Sättigungsgefühl oder Pseudoobstruktionen in den Griff zu bekommen. Beide Medikamente sollten etwa eine Stunde Minuten vor jeder Mahlzeit eingenommen werden. Auch Allgemeinmaßnnahmen wie der Verzicht auf Kaffee und Schokolade, Nichtrauchen, frühes Abendessen und Hochlagerung des Kopfes können hilfreich sein. Bei trotz Behandlung anhaltenden Beschwerden plädierte Khanna für einen Bariumkontrast-Einlauf und eine Endoskopie; die Manometrie sei dagegen meist überflüssig. Operative Eingriffe sind bei diesen Patienten in der Regel kontraindiziert, da die Dysphagie meist noch verstärkt wird. Sie sollten ausschließlich Patienten mit schwerem, therapierefraktärem und kompliziertem Reflux vorbehalten bleiben und nur in erfahrenen Zentren erfolgen, mahnte Khanna.
  • Magen: Auch Veränderungen der Magenmotilität und eine gestörte Magenentleerung sind häufige Komplikationen bei systemischer Sklerodermie. Betroffene Patienten leiden unter Übelkeit, Erbrechen, Bauchschmerzen und extremen Blähungen und verlieren in der Folge stark an Gewicht. Etwa 10 Prozent der Patienten entwickeln aufgrund vaskulärer Ektasien im Antrum eine Eisenmangelanämie, die wiederholte Bluttransfusionen erforderlich machen kann. Khanna empfahl in diesen Fällen eine endoskopische Behandlung mit dem Argon- oder Nd:YAG-Laser, wobei meist mehrere Sitzungen notwendig sind. Die Langzeitergebnisse mit dieser Methode bezeichnete er jedoch als gut.
  • Dünndarm: Durch die Hypomotilität des Dünndarms bei 40 bis 80 Prozent der Sklerodermie-Patienten kann es zu einer Überwucherung mit anaeroben Bakterien kommen, was die Malabsorption verstärkt. Die Symptome ähneln denen der Gastroparese; zusätzlich können Durchfälle mit blassem und fettigem Stuhl auftreten. Zur Diagnose sind der Glukose- und der Laktulose-H2-Atemtest gut geeignet. Als Behandlung empfahl Khanna die empirische Therapie über zwei bis vier Wochen mit einem Breitspektrum-Antibiotikum, das Anaerobier mit erfasst. Auch bei einer Besserung der Beschwerden sollten die Patienten eng nachbeobachtet werden, da Rezidive häufig sind. In diesem Fall sprach er sich für einen zyklischen Antibiotika-Einsatz über zwei Wochen mit zwei- bis vierwöchigen Pausen aus. Um bakterielle Resistenzen zu verhindern, sollten dabei unterschiedliche Antibiotikaklassen verwendet werden. Beim Auftreten schwerer obstruktiver Symptome kann die Gabe von Octreotid (50 µg zweimal täglich subkutan) während akuter Attacken nach Khannas Erfahrungen die gastrointestinale Motilität deutlich verbessern.
  • Anorektum: Bei Patienten mit anorektalem Befall sprach er sich für die Überweisung zu einem spezialisierten Chirurgen aus. Durch Implantation eines Schrittmachers zur Sakralnerv-Stimulation können Inkontinenz-Episoden deutlich reduziert und damit auch die Lebensqualität erheblich verbessert werden. Sowohl die kurz- als auch die langfristigen Ergebnisse dieser Methode sind nach Khannas Erfahrungen zufriedenstellend.

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