Ärzte Zeitung, 27.08.2009

Ein anderer Blickwinkel auf die Welt: Aufrichte-Operation bei Morbus Bechterew

Letzte Option bei M. Bechterew ist eine Aufrichte-Op. Sie dauert bis zu neun Stunden. Über seine Erfahrungen spricht Ludwig Hammel von der Bechterew-Vereinigung.

Von Petra Eiden

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Ludwig Hammel vor und nach der Aufrichte-Operation. Durch den Eingriff kann er auch wieder geradeaus gucken.

Foto: DVMB

Der Geschäftsführer der Deutschen Vereinigung Morbus Bechterew (DVMB), Ludwig Hammel, hat sich vor wenigen Monaten einer Aufrichte-Op unterzogen. Sein Ziel ist es, durch seinen Bericht anderen Betroffenen, die so einen Eingriff erwägen, die Entscheidung zu erleichtern.

Hammel hat das Für und Wider ein Jahr lang gewissenhaft abgewogen, bevor er sich zur Op entschloss. Als Geschäftsführer der DVMB wusste er seine Situation sehr gut einzuschätzen: Er kannte seine Erkrankung, seine verbliebenen Behandlungsoptionen und die entsprechenden Experten. Hammel ist seit 30 Jahren an M. Bechterew erkrankt. Aufgrund des progredienten Verlaufs versteifte seine Wirbelsäule bereits in den ersten fünfzehn Jahren völlig. Hammel hat damals fast alle verfügbaren NSAR eingenommen und Basistherapeutika, obwohl diese nicht für die Indikation zugelassen waren. "Leider hat es nicht viel genützt", bedauert er im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung". Nur die regelmäßige Bewegung, etwa in Form von Gymnastik, half ihm.

Irgendwann kam Hammel an den Punkt, an dem er nicht mehr wollte. Durch die Fehlstellung konnte er Menschen nicht mehr ins Gesicht blicken, Bekannte beschwerten sich, weil er sie auf der Straße nicht sah. Das Atmen war mühsam, jeder Gang nach Hause war anstrengend, Vorträge konnte er nur unter großem Kraftaufwand verbunden mit Schweißausbrüchen halten.

Andererseits: Es ging ihm nicht schlecht. Er nahm in den vergangenen 15 Jahren keine Arzneien ein, hatte kaum Schmerzen. Daher musste sich Hammel fragen, was ihn erwartet, wenn er sich auf eine bis zu neunstündige Aufrichte-Op einlässt, die natürlich Risiken birgt.

Letztlich entschied sich Hammel für die Op und ließ sie im April in der Zentralklinik Bad Berka vornehmen. Direkt vor dem Eingriff sagte Hammel dem NDR, der ihn begleiten durfte: "Ich freue mich darauf, nach der Operation einen anderen Blickwinkel auf die Welt zu haben".

Es gab keine Komplikationen und Hammel hat heute tatsächlich einen neuen Blickwinkel. Doch um seine Schmerzen zu lindern, muss er täglich ein Opioid, ein Laxantium, ein NSAR und einen PPI einnehmen. Hammel: "Das sind je fünf Tabletten morgens und abends sowie eine nachts. Wenn man vorher 15 Jahre keine Medikamente eingenommen hat, ist das schon frustrierend." Seine Beinmuskulatur, die sich aufgrund der jahrelangen Fehlhaltung verkürzt und verhärtet hat, bereitet ihm noch große Schmerzen: "Das braucht seine Zeit."

Doch er berichtet auch von Erfolgen: Zwölf Zentimeter ist Hammel durch den Eingriff "gewachsen", von 1,62 auf 1,74 Meter. Viele Handgriffe sind einfacher geworden, er kann wieder ein Glas im Stehen austrinken und anderen Menschen in die Augen sehen. Auch einen halbstündigen Vortrag hält Hammel heute problemlos ohne Schweißausbrüche im Stehen. Wenn ihn andere Bechterew-Betroffene, die vor einer ähnlichen Entscheidung stehen, etwa über die DVMB um Rat bitten, hält Hammel sich allerdings zurück: "Die Entscheidung kann einem niemand abnehmen." Um sie zu erleichtern, hatte er dem Fernsehen zugestimmt, die Op zu filmen.

www3.ndr.de - Sendung Visite, mehr Infos: www.bechterew.de

So lief die Aufrichte-Operation ab

Um den Rücken aufzurichten und die natürliche Doppel-S-Form wieder herzustellen, hat Dr. Heinrich Böhm von der Zentralklinik Bad Berka den dritten Lenden- und den zwölften Brustwirbel osteotomiert. An der LWS wurde im Rahmen einer Pedikelsubtraktionsosteotomie von dorsal ein Keil entnommen und der Rücken "hochgeklappt". An der Brustwirbelsäule entfernte Böhm zunächst von dorsal einen Teil des Wirbelbogens. Dann durchtrennte er die verknöcherte Bandscheibe mittels Schlüssellochtechnik durch den Brustkorb und füllte den Spalt mit Knochenmaterial, um eine weitere Aufrichtung zu erzielen und eine vorhandene Seitenverschiebung zu korrigieren.

Anschließend wurde die Wirbelsäule vorsichtig gestreckt und mit sechzehn Schrauben sowie zwei langen Stäben in der neuen Position fixiert. Um das Risiko von Rückenmarksverletzungen zu minimieren, erfolgte eine ständige Kontrolle durch Ableitung von evozierten Potenzialen. (pe) Zudem machte Böhm einen Aufwachtest: Hammel wurde intraoperativ kurz aus der Narkose geholt, um Hände und Füße zu bewegen.

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