Ärzte Zeitung, 19.02.2010

Therapie mit Antikörpern kommt auch bei periodischen Fiebersyndromen zum Zuge

Interleukin-1-assoziierte Erkrankungen sind selten, aber qualvoll. Ein Silberstreif am Horizont: neue Biologicals.

Von Philipp Grätzel von Grätz

Therapie mit Antikörpern kommt auch bei periodischen Fiebersyndromen zum Zuge

Urtikaria bei einem Kind mit kälteinduziertem autoinflammatorischem Syndrom. © Novartis Pharma

Periodische Fiebersyndrome wie das CAPS sind Kolibris unter den rheumatischen Erkrankungen. Verläuft die Erkrankung schwer, dann bestimmt sie das Leben. Bisher jedenfalls, denn neue Anti-Interleukin-1-Therapien können eindrucksvoll wirksam sein.

Nein, eine Volkskrankheit ist das Cryopyrin-assoziierte periodische Syndrom (CAPS) nicht. Etwa 80 Patienten leiden in Deutschland darunter. Bei CAPS handelt es sich um einen Vertreter der autoinflammatorischen Erkrankungen, rheumatische Entzündungsreaktionen also, bei denen keine Autoantikörper nachgewiesen werden konnten. Das weit häufigere familiäre Mittelmeerfieber gehört in dieselbe Kategorie.

CAPS-Patienten machen oft lange Odyssee durch

Weil die Erkrankung so selten ist, machen CAPS-Patienten oft eine jahrelange, mitunter auch jahrzehntelange Odyssee durch, bevor die Diagnose gestellt wird. Wo ein CAPS-Patient ist, finden sich meist mehrere. Denn die Erkrankung ist erblich, in der Regel über einen autosomaldominanten Erbgang.

CAPS gibt es in einer leichten Variante als familiäres kälteinduziertes autoinflammatorisches Syndrom (FCAS). Diese Patienten haben eine kälteinduzierte Urtikaria, Arthralgien und gelegentlich Bindehautentzündungen und kommen mit der Erkrankung meist klar. Die schweren Varianten von CAPS, das Muckle-Wells-Syndrom und das Neonatal Onset Multisystem Inflammatory Disease (NOMID), können das Leben dagegen zur Hölle machen. "Die Patienten haben Fieber, entstellende Exantheme und schwere Augenkomplikationen", betonte Professor Falk Hiepe von der Medizinischen Klinik mit Schwerpunkt Rheumatologie der Charité Berlin.

Die Erkrankung kann außerdem zu Taubheit führen, die Gelenke zerstören und im Extremfall mit einer progressiven aseptischen Meningitis und Vaskulitis einhergehen, die zahlreiche neurologische Schäden bis hin zum Schlaganfall verursachen kann. "Dazu kommen dann noch die langfristigen Folgen", so Hiepe. Ständig erhöhte Entzündungsparameter führen bei einem Teil der Patienten zu einer systemischen Amyloidose mit den bekannten Folgen für Niere und andere Organe.

Die Ursache des ganzen Übels ist bei CAPS-Patienten eine aktivierende Mutation im NALP3-Gen, das über mehrere Zwischenschritte Interleukin-1-beta und damit die unspezifische Immunantwort hochreguliert. "Bis vor Kurzem konnten wir diesen Patienten kaum etwas anbieten", sagte Hiepe bei einer von Novartis Pharma unterstützten Veranstaltung. Eine dabei anwesende NOMID-Patientin, die einen sehr schweren Krankheitsverlauf hat, hatte unter anderen Methotrexat, Azathioprin, hochdosiertes Prednisolon, hochdosiertes Urbason und - nach einem Verschluss der Arteria cerebri media mit glücklicherweise reversibler Halbseitensymptomatik - Etanercept und Thalidomid bekommen. Das alles war vor ihrem 14. Lebensjahr.

Vor ein paar Jahren kam dann mit Anakinra das erste Biological auf den Markt, das spezifisch gegen IL-1 gerichtet ist. Ende vergangenen Jahres wurde mit Canakinumab ein neues Biological von Novartis im Rahmen eines Orphan-Drug-Programms der EU spezifisch für CAPS-Patienten zugelassen. Es ist die CAPS-Arznei, die spezifisch gegen das beim CAPS hochregulierte Interleukin-1-beta wirkt und die qua Zulassung bereits ab einem Alter von vier Jahren eingesetzt werden kann. Ein weiterer Vorteil: Es muss nur alle acht Wochen subkutan injiziert werden, ist also vergleichsweise komfortabel.

Antikörper zeigt schon nach einer Injektion Wirkung

Die Daten aus der im New England Journal of Medicine (360, 2009, 2416) publizierten Zulassungsstudie sind eindrucksvoll: Von 35 Patienten erreichten in der ersten, offenen Studienphase nach einmaliger Gabe von Canakinumab (Ilaris®) 34 ein vollständiges Ansprechen, wobei die Symptome in der Regel innerhalb von 24 Stunden verschwanden. In der zweiten, randomisiert-kontrollierten Therapiephase, in der die Patienten insgesamt drei Injektionen über 24 Wochen erhielten, hielt die Remission bei allen Patienten im Verum-Arm durchgängig an, während ein Patient nach dem anderen im Placebo-Arm einen Rückfall erlitt. In einer weiteren offenen Studienphase am Ende der Studie mit dann 31 Patienten blieben 28 bis zum Studienende nach weiteren 16 Wochen in Remission.

Der monoklonale Antikörper Canakinumab

Canakinumab (Ilaris®) ist ein vollständig humaner, monoklonaler Antikörper gegen Interleukin-1-beta. Er fängt das Interleukin ab, das dadurch nicht mehr an seinen Rezeptor binden kann. In der Zulassungsstudie sprachen 97 Prozent der Patienten auf eine einmalige Therapie an, und 90 Prozent bleiben in dauerhafter Remission. In Sachen Sicherheit sei Canakinumab ähnlich wie andere Biologicals, betont Professor Falk Hiepe von der Charité Berlin. Ein Studienpatient erlitt eine Sepsis.

Jan Schulte vom Unternehmen Novartis weist darauf hin, dass die hohen Jahrestherapiekosten von derzeit 81 000 Euro künftig sinken dürften, wenn das Präparat für weitere Indikationen zugelassen werde. Unter anderen wird es bei Patienten mit therapierefraktärer Gicht, Morbus Still, Diabetes und COPD untersucht. (gvg)

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