Ärzte Zeitung, 20.02.2004

Wärme mindert männliche Fertilität - Kühlung des Skrotums hilft

Schon langes Sitzen ist für Samenfäden schädlich / Analyse potenziell Sperma-schädigender Faktoren aufgrund bisheriger Literaturberichte

Als vor wenigen Jahren Berichte über Studien kursierten, die dem deutschen Mann eine nachlassende Zeugungskraft bescheinigten, war die Aufregung groß. Die Zahl der Spermien, die mit der Fertilität korreliert, habe drastisch abgenommen - so lautete damals die beunruhigende Nachricht. Über die Ursachen für den Niedergang der Qualität des Ejakulates wurde eifrig diskutiert. Als potenziell Sperma-schädigende Faktoren wurden dabei auch Wärme, Radar- und elektromagnetische Wellen genannt.

Von Marianne Dietrich

Spermien unter dem Mikroskop. Ihre Qualität leidet bei heißen, ausschweifenden Vollbädern. Foto: dpa
Dr. Andreas Jung von der Universität in Gießen hat zur Diskussion potenziell Sperma-schädigender Faktoren die Literatur unter die Lupe genommen (Uro-News 1, 2003, 32). Eine beruhigende Nachricht liefert die Analyse: Derzeit ist unter Alltagsbedingungen nicht von einer ernsthaften Gefährdung der Spermatogenese durch elektromagnetische Felder auszugehen ist, wie es Jung schreibt.

Allerdings: Hochwertige Studien zur Exposition durch elektrische Geräte in Beruf und Haushalt gibt es kaum. Denn bisher wurde darauf verzichtet, die Exposition durch das Tragen eines Dosimeters am Körper möglichst exakt zu ermitteln, so Jung. Ein echtes Manko, meint er, da sich etwa bei Computermonitoren bei gleicher Distanz vom Gerät Unterschiede der Feldstärken um einen Faktor bis zu 40 ergeben können.

Mikrowellenstrahlung zur Kontrazeption

Auch zur Wirkung von Radarstrahlen sind klare Aussagen schwierig, nachdem Studien mit Soldaten unterschiedliche Ergebnisse gebracht haben.

Als unzweifelhaft schädlich für die Spermienreifung hat die Forschung hingegen die Mikrowellenstrahlung bestätigt - ein Umstand, den sich jene Angehörige der US-Armee zunutze machten, die nach anekdotischen Berichten ihre Gonaden zwecks Kontrazeption in Radarstationen den Mikrowellen aussetzten. Bei sachgemäßem Umgang mit Mikrowellenstrahlung, so Jung, komme ihr aber keine schädigende Bedeutung zu.

Der fertilitätshemmende Effekt der Mikrowellenstrahlung beruht im übrigen wohl in erster Linie auf einer Hitzeschädigung, einer der wohl am besten studierten Spermien-Störfaktoren. Dabei leidet die Samenqualität nicht nur unter heißen, ausschweifenden Vollbädern - in anderen Kulturen gab es zu diesem Zweck sogar einen speziellen Heizblock fürs Skrotum - oder bei hohem Fieber.

Keine Bedenken gegen gelegentliche Saunabesuche

Wie Messungen der Skrotalhaut-Oberflächentemperatur belegen, wird es auch bereits bei körperlicher Untätigkeit in gewöhnlicher Bekleidung - etwa nach langem Sitzen am Schreibtisch oder im Auto - bedenklich warm in den Testis. Daß auch enge Hosen den Samenfäden zusetzen, wie vielfach berichtet, hält Jung allerdings noch nicht für belegt.

Mit häufigen heißen und zum Beispiel täglich ein bis zwei Stunden andauernden Vollbädern könne die Samenqualität bis in den Grenzbereich zur Krypotzoospermie verschlechtert werden, so Jung. Mit einer Normalisierung der Samenqualität könne, wenn auf die heißen Vollbäder verzichtet werde, dann wieder innerhalb einiger Monate gerechnet werden.

Gegen gelegentliche Saunagänge - zum Beispiel einmal im Monat - mit zeitlicher Begrenzung der einzelnen Saunagänge auf unter 15 Minuten sowie geschlossener Beinhaltung beim Saunieren, sodaß das Skrotum nur teilweise der heißen Umgebungsluft ausgesetzt ist, bestünden aus andrologischer Sicht keine Bedenken. Valide Daten zu denkbaren Schäden bei Solarien-Besuchen, bei Benützung von Heizdecken oder von beheizten Fahrersitzen gebe es bisher nicht.

Therapeutisch scheint der Versuch naheliegend, eine verminderte Spermatogenese durch Kühlung auf Trab zu bringen. Dabei sind Zeugungswillige keineswegs mehr auf die kalte Skrotaldusche oder die genitale Eisbeutel-Applikation angewiesen.

Denn mittlerweile gibt es verfeinerte Methoden wie ein tragbares Kühlgerät, die dafür sorgen, daß das Skrotum durch einen perigenitalen Luftstrom gekühlt wird. Durch diese Techniken besserten sich zuvor pathologische Spermiogramme. Das Kühlgerät verhalf in einer Studie mit 64 infertilen Patienten 27 Prozent der betroffenen Paare sogar zu einer Schwangerschaft.

Der Wermutstropfen: eine deutlich ungenügende Compliance. Das scheint verständlich, besteht der Kühleffekt bei der Gerätschaft doch darin, daß die Verdunstungskälte einer Flüssigkeit genutzt wird, die aus einem am Körper getragenen Reservoir kontinuierlich in eine das Skrotum umgebende modifizierte feuchte Unterhose abgegeben wird. Für die Zukunft hofft Jung auf weitere, tragbare Kühlgeräte für Männer mit eingeschränkter Samenqualität, die - unsichtbar und geräuschlos - optimale Temperaturen, etwa unter 35,5° C garantieren.

FAZIT

Unter den fertilitätsmindernden Faktoren bei Männern ist besonders die testikuläre Überwärmung bewiesen. Dabei hat bereits Schreibtischarbeit eine ungünstige Hodenerwärmung zur Folge. Versuche, bei Männern mit eingeschränkter Samenqualität mittels Kühlung die Spermatogenese zu stimulieren, waren erfolgversprechend. Elektromagnetische Felder bergen nach heutigem Wissen unter alltäglichen Bedingungen keine Gefahr für die Fertilität. (mf)

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