Ärzte Zeitung, 18.02.2016

Selbstmedikation mit Folgen

Nase frei, Blase voll

Es fing mit einer banalen Erkältung an - und endete mit heftigen Unterleibschmerzen in der Notaufnahme. Was war der Grund für die schmerzhaften Symptome eines ansonsten kerngesunden Mannes?

Von Beate Schumacher

Nase frei, Blase voll

... eigentlich wollte der Patient nur seine Erkältungssymptome lindern.

©Granata68/Fotolia.com

DARTFORD. Wie wichtig eine sorgfältige Medikamentenanamnese sein kann, illustriert der Fall eines jungen, ansonsten gesunden Mannes mit akutem Harnverhalt. Der 34-Jährige suchte eine Notaufnahme auf, weil er seit fünf Tagen an Unterleibschmerzen litt und das Harnlassen ihm Schwierigkeiten machte (J Clin Urol 2015, online 30. Dezember).

Wie sich bei der Untersuchung rasch herausstellte, war ein massiver Harnverhalt die Ursache der Beschwerden. Die sofortige Katheterisierung ohne Diurese förderte ein Restharnvolumen von ungefähr einem Liter zutage.

Weniger offensichtlich war der Auslöser für die plötzliche Harnsperre. Der Patient war vorher gesund gewesen und hatte auch keine LUTS (Lower Urinary Tract Symptoms) aufgewiesen. Bei der rektalen Untersuchung ließ sich eine kleine Prostata mit glatter Oberfläche tasten. Die Blutwerte waren alle normal und auch die Urinkulturen ohne Befund.

Erkältungssymptome am Tag zuvor

Des Rätsels Lösung lieferte die Medikamentenanamnese. Der Mann hatte einen Tag, bevor die Symptome begonnen hatten, wegen einer banalen Erkältung ein freiverkäufliches Medikament gekauft, das er seitdem entsprechend der Dosierungsanweisung eingenommen hatte.

Das Erkältungsmittel enthielt - wie einige Kombinationspräparate gegen Erkältungen oder allergische Rhinitis - das Sympathomimetikum Pseudoephedrin. Weil Pseudoephedrin die Blutgefäße verengt, trägt es zum Abschwellen der Nasenschleimhaut bei.

Seltener unerwünschter Effekt

Der Wirkmechanismus hat aber häufig auch unerwünschte Effekte zur Folge, wie Palpitationen, Unruhe, Schlaflosigkeit und Angst. Bei dem beschriebenen Patienten war jedoch keine dieser bekannten Nebenwirkungen aufgetreten - sondern nur die seltene Nebenwirkung eines Harnverhaltes.

48 Stunden, nachdem der Mann das Erkältungsmittel abgesetzt hatte, hatte sich auch der Harnabfluss normalisiert.

Üblicherweise geht man davon aus, dass Pseudoephedrin vor allem bei solchen Männern einen Harnverhalt hervorruft, die aufgrund urologischer Erkrankungen, insbesondere einer Prostatahyperplasie, besonders anfällig dafür sind.

Der Patient wurde deswegen einige Wochen später nochmals einbestellt. Dabei ergaben sich jedoch keine Hinweise auf LUTS, im International Prostate Symptome Score erreichte der Mann null Punkte.

Für die Urologen um Mohammed El Hadi vom Darent Valley Hospital in Dartford lehrt der Fall, "wie wichtig eine gründliche Medikamentenanamnese ist, wenn man bei einem ansonsten gesunden Erwachsenen nach den Ursachen eines Harnverhalts sucht".

Die britischen Ärzte betonen aber, dass auch bei positiver Medikamentenanamnese (zum Beispiel für Anticholinergika) die Patienten sorgfältig urologisch untersucht werden müssen, um andere Ursachen einer Harnsperre wie Prostatavergrößerung, Harnsteine oder Tumoren auszuschließen.

[18.02.2016, 10:06:46]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
"Aspirin® Complex, Aspirin® Complex Heißgetränk -
Wirkstoffe: Acetylsalicylsäure und Pseudoephedrin-Hydrochlorid" (PSE) -
http://www.aspirin.de/de/produkte/aspirin-complex/

Die auch zum Thema Nebenwirkungen und Verträglichkeit publizierte, eher "hauseigene" Studie mit dem Titel "Acetylsalicylsäure und Pseudoephedrin - Wirksamkeit der Kombination bei Infektionen der Atemwege" von Ron Eccles (1), Uwe Gessner (2) und Michael Völker (3) (1 Common Cold Centre, Universität Cardiff, Großbritannien, 2 Bayer HealthCare AG, Leverkusen, korrespondierender Autor, 3 Bayer HealthCare AG, Leverkusen) beschäftigt sich vorsichtshalber gar nicht erst differenziert mit Harnabflussstörungen als urologische Komplikationen.

In der Publikation Pharmazeutische Zeitung online 10/2014 unter Seiten-ID:
http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=51169
heißt es
"Verträglichkeit
Alle unerwünschten Ereignisse, die in der Studie dokumentiert wurden, entsprachen den bekannten Nebenwirkungsprofilen der Wirkstoffe. Insgesamt wurden bei 37 (15,7 Prozent) Patienten, die mit ASS plus PSE behandelt worden waren, unerwünschte Ereignisse festgestellt. Die Häufigkeiten in den anderen Studiengruppen betrugen 11,3 Prozent (27 Patienten) unter ASS, 11,8 Prozent (28 Patienten) unter PSE und 11,6 Prozent (14 Patienten) unter Placebo. Keiner der 833 Patienten musste die Studie aufgrund eines unerwünschten Ereignisses abbrechen. Am häufigsten wurden unerwünschte Ereignisse im gastrointestinalen Organsystem dokumentiert, gefolgt von Beschwerden des Nervensystems. Unerwünschte Ereignisse, die auf die Medikation zurückgeführt wurden, traten grundsätzlich seltener auf mit Häufigkeiten von 6,4 Prozent (ASS plus PSE), 5,4 Prozent (ASS), 3,4 Prozent (PSE) beziehungsweise 3,3 Prozent (Placebo)."

Unerwünschte Ereignisse in einer Häufigkeit von 15,7 Prozent erscheinen mir bei einem frei verkäuflichen OTC-Präparat bedenklich, insbesondere wenn die Bayer-AG alle Aufwendungen von notwendigen Patienten-Rückfragen, -Beratungen und Behandlungen kostenfrei auf die Ärzte abwälzen kann: "Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt ..."
Die Apotheker haben wenigsten Umsatz mit dem Verkauf gemacht!

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

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