Ärzte Zeitung online, 21.04.2016

Transplantation

Ersatzpenisse in Sicht

Penis-Transplantationen sind bereits möglich. Urologen arbeiten aber schon an gezüchteten Gliedern. Davon profitieren könnten etwa verletzte Soldaten und Krebspatienten.

Von Thomas Müller

Ersatzpenisse in Sicht

Des Mannes bestes Stück lässt sich nicht einfach nachzüchten.

© Julian Stratenschulte / dpa / picture alliance

KAPSTADT Die Nachricht sorgte im vergangenen Sommer für viel Aufsehen: Ein 22-jähriger Südafrikaner soll mit einem transplantierten Penis erstmals ein Kind gezeugt haben. Zumindest war seine Freundin schwanger.

Ihr Freund hatte einige Monate zuvor einen Spenderpenis erhalten. Die Ärzte hatten jedoch nicht damit gerechnet, dass der Ersatzpenis so schnell voll funktionsfähig sein würde.

Der Erfolg weckt nun Hoffnungen, wonach eine Penistransplantation auch für viele andere Männer mit schweren Traumata oder Erkrankungen eine Lösung sein könnte. So bereiten sich Chirurgen und Urologen weltweit auf weitere Transplantationen vor.

Jährlich 250 Penisamputationen

Die Nachfrage ist durchaus gegeben. Zwar verliert Mann nicht leichtfertig sein bestes Stück, doch es gibt Länder, in denen ein Penisverlust nicht ganz so selten ist. Dazu gehören etwa Südafrika und die USA. Im Land am Kap der guten Hoffnung gib es weltweit offenbar die meisten Penisamputationen.

Schuld daran sind Initiationsrituale unter miserablen hygienischen Bedingungen, ausgeführt von Amateuren ohne medizinische Kenntnisse. Manche Männer verlieren dabei nicht nur die Vorhaut, sondern den ganzen Penis, wenn dieser sich infolge der Prozedur entzündet. Experten gehen in Südafrika von jährlich rund 250 Amputationen aus.

Ein solches Schicksal traf auch den erwähnten Südafrikaner: Bei ihm musste nach dem missglückten Ritual im Alter von 18 Jahren das Glied entfernt werden. Drei Jahre später konnten ihm Chirurgen von der Universität in Kapstadt einen Ersatzpenis annähen - die weltweit erste erfolgreiche Transplantation.

Mikrochirurgische Meisterleistung

Zwar war es 2006 schon chinesischen Chirurgen gelungen, einem 44-jährigen Mann ein solches Organ zu verpflanzen, allerdings führten psychische Probleme beim Empfänger sowie Schwellungen im Spenderorgan dazu, dass der Penis nach zwei Wochen wieder entfernt werden musste.

Offenbar gab es Perfusionsprobleme, weil nicht alle essenziellen Blutgefäße richtig verbunden wurden, vermuten US-Transplantationsmediziner, die den Eingriff genauer analysiert haben.

Bei der Transplantation acht Jahre später hatten die Chirurgen um Professor André van der Merwe daraus offenbar gelernt: "Wir haben den Penis des Verstorbenen, die Blutgefäße und Nerven sehr sorgfältig freigelegt, bevor wir das Organ abgetrennt haben", erläuterte der deutschstämmige plastische Chirurg Professor Frank Graewe.

Beim Empfänger konnten die Chirurgen zwar die passenden Nervenfasern aufspüren, nicht aber die Blutgefäße, sie waren durch die Infektion zerstört worden. "Wir mussten daher aus Blutgefäßen im Bauchraum kleine Abzweigungen konstruieren, die wir zum Perineum gelegt haben", so Graewe.

Die Chirurgen standen dann vor der Aufgabe, die feinen Gefäße mit einem Durchmesser von einem bis eineinhalb Millimeter sauber anzunähen sowie die wichtigsten Nervenbahnen, den Schwellkörper und die Harnröhre zu verbinden. Das Ganze dauerte rund neun Stunden - eine mikrochirurgische Meisterleistung.

Interesse bei Kriegsversehrten

Auf großes Interesse stößt die Transplantation auch in den USA. Dort sind Penisamputationen aus einem ganz anderen Grund nötig: Die zahlreichen Kriegseinsätze sorgen für viele Soldaten mit schweren Urogenitalverletzungen.

In den Jahren der Afghanistan- und Irakkriege - zwischen 2001 und 2013 - wurden in den USA 1300 Verwundete mit solchen Traumata registriert, bei 86 standen schwere Penisverletzungen im Vordergrund.

 Für die meist noch jungen Männer sei es eine extrem belastende Situation, wenn sie nicht mehr richtig pinkeln können und die Gedanken an eine eigene Familie verdrängen müssen.

Eher zur Herz- als zur Penisspende bereit

Burnett und andere US-Urologen wollen daher primär verwundeten US-Soldaten einen solchen Eingriff anbieten und suchen bereits nach geeigneten Empfängern sowie Spendern für eine Studie mit 60 Betroffenen. Genügend Spender zu finden dürfte jedoch nicht ganz einfach sein.

In Südafrika wollten die betroffenen Männer und deren Angehörige keine Bestattung ohne das beste Stück - mit einer Herzentnahme hätten sie wohl weniger Probleme gehabt.

Vielleicht sehen Männer in den USA eine Penisspende weniger emotional, hoffen die Chirurgen. Sollte es nicht an Spenderorganen mangeln, könnten auch Männer mit Peniskarzinom von einer Transplantation profitieren. Transsexuelle haben ebenfalls ihr Interesse bekundet.

Um die lebenslange Immunsuppression auf einem möglichst niedrigen Niveau zu halten, beabsichtigen die US-Ärzte neben dem Penis auch Knochenmarkzellen des Spenders zu übertragen.

Damit akzeptiert der Körper das Spenderorgan besser und benötigt eine geringere Dosis an Immunsuppressiva. Ein solches Verfahren kommt bereits erfolgreich bei Handtransplantationen zur Anwendung.

Um den Organmangel und Immunsuppressiva zu umgehen, wären gezüchtete Penisse langfristig die beste Option. Im Tierversuch klappt das immerhin schon. Forscher um Professor Anthony Atala vom Wake Forest Institute for Regenerative Medicine in North Carolina ist es bereits vor acht Jahren gelungen, aus autologen Zellen Kaninchenpenisse zu züchten und zu übertragen.

Ein Teil der Tiere war damit in der Lage, Nachkommen zu zeugen. Allerdings ist ein Kaninchenpenis im Vergleich zum männlichen Geschlechtsorgan geradezu winzig - bis Mann sich seinen Ersatzpenis aus eigenen Zellen züchten kann, dürfte es noch einige Zeit dauern.

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