Ärzte Zeitung, 03.06.2016

Chinesische Studie

Zum vorzeitigen Samenerguss gehören immer zwei

Zu früh ist nicht immer zu früh: Der vorzeitige Samenerguss ist nicht immer ein Problem. Chinesische Wissenschaftler zeigen anhand eines Indexes , wie gut Paare sexuell zusammenpassen.

Von Robert Bublak

Chinesischer Index zeigt, wie zufrieden Paare mit der Sexlänge sind

Je mehr die Erwartungshaltung zweier Partner übereinstimmt, umso zufriedener sind beide mit ihrem Sex. Chinesische Forscher haben zur Messung hierfür einen Index entwickelt.

© KatarzynaBialasiewicz / iStock

GUANGZHOU. Ein wichtiges Instrument, einen vorzeitigen Samenerguss zu diagnostizieren, ist die Stoppuhr. Gestoppt wird damit die intravaginale Ejakulationslatenz (IELT). Wo man dabei die Grenze zum Pathologischen ansetzt - bei einer, eineinhalb oder zwei Minuten -, unterliegt freilich einer gewissen Willkür. Doch was ist schon natürlich an Sex mit der Stoppuhr in der Hand?

Alles eine Frage der Erwartungshaltung

Fixe Grenzen werden dem Problem der vorzeitigen Ejakulation jedenfalls nur bedingt gerecht, wie eine Gruppe von Sexualmedizinern der Sun-Yat-Sen-Universität in Guangzhou, China, festgestellt hat.

"Wenn ein Paar zusammen binnen einer Minute zum Orgasmus kommt, wird sie die kurze Latenz wenig stören", schreiben Liuhong Cai und Kollegen in einem Artikel für die Fachzeitschrift "International Journal of Impotence Research" (Int J Impot Res 2016; 28: 101-105).

"Wenn andererseits der Mann nach einer Viertelstunde ejakuliert, seine Partnerin aber zehn Minuten länger bräuchte, könnte es sein, dass sie wegen angeblich kurzer Latenz medizinische Hilfe suchen."

Zur Ejaculatio praecox gehören immer zwei...

Cai und Mitarbeiter sehen im vorzeitigen Samenerguss weniger ein Problem der absoluten als vielmehr der relativen Latenz - relativ zu den Erwartungen der Partner. Passen die Erwartungen zur Realität, spielt die absolute Latenz keine große Rolle.

Stehen Wirklichkeit und erwartete Latenz in einem Missverhältnis, verhilft womöglich auch eine lange intravaginale Ejakulationslatenz nicht zu befriedigendem Sex.

Eins als die magische Zahl

Aus diesen Vorstellungen heraus haben die chinesischen Mediziner einen IELT-Index entwickelt. Dieser berechnet sich aus der tatsächlichen IELT, dividiert durch die Summe der jeweils durch zwei geteilten Erwartungswerte der beiden Partner.

Im Idealfall liegt der Quotient bei 1, wenn etwa echte und von den Partnern erwartete intravaginale Ejakulationslatenz übereinstimmen.

Partner, die unter vorzeitigem Samenerguss leiden, sind psychisch unzufriedener

In einer Studie mit 103 Patienten, die eigenen Angaben zufolge zu früh ejakulierten, und 59 Kontrollpersonen haben die Forscher um Cai ihre Formel getestet. Die intravaginale Ejakulationslatenz der Patienten betrug im Mittel 1,7 Minuten, jene der Kontrollen 14,5 Minuten

 Die Erwartungswerte lagen in beiden Gruppen höher. Die Patienten gaben im Durchschnitt einen Erwartungswert von 15,7 Minuten, ihre Frauen von 14,2 Minuten an. Bei den Kontrollen betrugen die Werte 21,3 und 20,0 Minuten. Der berechnete IELT-Index lag für die Patienten und ihre Partner bei 0,14 und für die Kontrollen bei 0,83.

Wann sind Paare am zufriedensten mit der Sexdauer?

Sodann zeichneten Cai und Mitarbeiter die Kurve der Receiver Operating Characteristic für den IELT-Index. Als bester Cut-off-Wert entpuppte sich dabei ein IELT-Index von 0,66. Die Spezifität erreichte für diesen Grenzwert 66,1 Prozent, die Sensitivität 99,1 Prozent. Der positive Vorhersagewert lag bei 83,5 Prozent, der negative Vorhersagewert bei 97,6 Prozent.

Die chinesischen Wissenschaftler halten ihre Formel für eine Bereicherung der Diagnostik des vorzeitigen Samenergusses - dies besonders deshalb, weil die Erwartungen des Partners hierbei in die Diagnose mit einfließen.

Ihrer Ansicht nach kann die Formel sogar helfen, sexuelle Harmonie herzustellen. "Diejenigen, deren IELT-Index ungünstig ausfällt, sollten versuchen, ihre Erwartungen zu erhöhen oder zu senken, bis schließlich eine Übereinstimmung beim Sex erreicht ist", empfehlen die Wissenschaftler.

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