Ärzte Zeitung, 27.03.2008

HINTERGRUND

Blaue Pillen statt Nashornpulver - die Revolution im Schlafzimmer wird zehn Jahre alt

Von Thomas Müller

 blaue pillen statt nashornpulver - die revolution im schlafzimmer wird zehn jahre alt

Die rautenförmige Viagra-Tablette ist längst zu einem Synonym für Potenzmittel geworden.

Foto: dpa

Viagra gilt als das weltweit bekannteste Medikament. Daran wird jeder beim Blick in sein E-Mail-Fach erinnert. Doch wer sich über die tägliche E-Mail-Flut beklagt, in der für Viagra zum Schleuderpreis geworben wird, sollte eines bedenken: Wäre nicht zufällig der Wirkstoff Sildenafil als Potenzmittel entdeckt worden und vor zehn Jahren auf den Markt gekommen, dieselben Absender würden uns heute vermutlich mit ähnlichen Mails belästigen. Nur dass es in den Spam-Mails dann nicht um blaue Pillen sondern um Präparate mit Nashornpulver ginge, oder um Extrakte aus einer exotischen Pflanze, deren Name noch niemand gehört hat.

Vor 1998 half oft nur der Glaube an ein Wundermittel

Das Versprechen, mit Pillen, Pulvern und Tinkturen die Manneskraft zu stärken, ist wohl so alt wie Adam selbst. Doch vor 1998 hatten alle diese Mittel eines gemeinsam: Ihre Wirkung - sofern sie überhaupt eintrat - beruhte wohl weitgehend auf dem Glauben an eine stärkere Potenz. Im besten Fall enthielten solche Pillen und Pülverchen nur Kreide, im schlimmsten Fall tatsächlich Teile von seltenen Tieren und Pflanzen.

Einer der Mythen, die sich um Viagra ranken, lautet daher: Die erste wirksame Potenzpille hat mehr für den Artenschutz getan als sämtliche Umweltschutzorganisationen zusammen. Dies bestreiten solche Organisationen zwar heftig, doch der Gedanke hat etwas Tröstliches, dass das eine oder andere Geschöpf mit seinem Leben davon kommt, weil endlich jemand eine Potenzpille entwickelt hat, die tatsächlich wirkt. Zumindest bei Menschen mit Zugang zu moderner Medizin dürfte die Nachfrage nach obskuren biologischen Präparaten in den vergangenen zehn Jahren deutlich eingebrochen sein.

Grund dafür sind ein paar schlichte Fakten: Etwa 80 Prozent der potenzschwachen Männer bekommen mit dem Wirkstoff ihre Manneskraft wieder zurück, bei KHK-Patienten und Diabetikern, die häufiger schwerere Formen einer erektilen Dysfunktion (ED) haben, sind es immerhin noch 60 bis 70 Prozent.

Zum Vergleich: Mit wirkstofflosen Kreidepillen waren es in Studien bei solchen Patienten zum Teil weniger als 15 Prozent. Kein Wunder also, dass bei der Einführung der Arznei in Leitartikeln von der sexuellen Befreiung der Männer geschwärmt wurde, dass es Viagra in die Titelzeilen von Zeitungen und Magazinen schaffte oder die Diskussionen in Talkshows bestimmte. Kein Wunder ist auch, dass sich Viagra zu einem der größten Blockbuster für Pfizer mauserte: Im vergangenen Jahr wurden mit dem Potenzmittel immer noch knapp 1,1 Milliarden Euro umgesetzt.

Sildenafil wurde zunächst als Antihypertensivum getestet

Dabei sah es am Anfang nicht gerade nach einer Erfolgsgeschichte aus. Als Sildenafil Ende der 80er Jahre synthetisiert wurde, dachte noch niemand an ein Medikament gegen Potenzschwäche. Forscher bei Pfizer waren vielmehr auf der Suche nach einem neuen Blutdrucksenker. Dabei nahmen sie den Botenstoff zyklisches Guanosin-Monophosphat (cGMP) ins Visier. Der Botenstoff entspannt die glatten Muskelzellen in den Gefäßen und senkt damit den Blutdruck.

Die Forscher des Unternehmens suchten also nach Substanzen, die für mehr cGMP in den Zellen sorgen. Eine kannten sie bereits: das bisher nicht zugelassene Zaprinast. Die Substanz hemmt das Enzym Phosphodiesterase (PDE), welches cGMP abbaut und damit die Konzentration des Botenstoffs in den Zellen erhöht. Durch Veränderungen am Zaprinast-Molekül versuchten sie, einen starken PDE-Blocker zu entwickeln. Mit Sildenafil wurden sie fündig.

Die ersten Studien mit Sildenafil begannen Anfang der 90er Jahre - sie verliefen enttäuschend. Sildenafil hatte kaum einen Einfluss auf Blutdruck und Blutfluss. Der Grund: Von dem Enzym PDE gibt es zahlreiche Varianten. In der glatten Gefäßmuskulatur ist vor allem die Aktivität von PDE-3 für die Vasodilatation entscheidend. Sildenafil blockierte jedoch vorwiegend eine andere Variante: PDE-5.

Der Blutdruck war unverändert, dafür besserte sich die Potenz

Damit wäre das Schicksal von Sildenafil eigentlich besiegelt gewesen. Doch einige Männer in den Pilotstudien wollten die Therapie nicht beenden. Denn im Bett klappte es wieder besser. Wie die Forscher schnell erkannten, wird der penile Blutfluss über PDE-5 gesteuert. Der Rest ist Geschichte.

Inzwischen sind weltweit über 35 Millionen Männer mit Viagra behandelt worden. Und noch immer steht das Medikament auf Platz fünf der umsatzstärksten Arzneien von Pfizer, auch wenn seit 2003 mit Tadalafil (Cialis®) und Vardenafil (Levitra®) zwei weitere PDE-5-Hemmer auf dem Markt sind, von denen Tadalafil mit bis zu 36 Stunden sogar deutlich länger wirkt als die Konkurrenten.

Neue Indikation bei pulmonaler Hypertonie

Sildenafil wird jedoch nicht nur gegen Potenzschwäche verwendet. Forscher haben sich wieder an die ursprüngliche Idee erinnert, die Substanz als Blutdrucksenker zu verwenden - und zwar im Lungenkreislauf. Dort ist, wie man jetzt weiß, PDE-5 in Gefäßmuskelzellen der Lunge aktiv. Das Medikament entspannt die Gefäße vor allem in den gut belüfteten Arealen und verbessert dadurch die Sauerstoffversorgung - getestet wurde dies etwa bei Bergsteigern im Himalaja. Seit zwei Jahren ist Sildenafil als Revatio® auch gegen pulmonale arterielle Hypertonie (PAH) erhältlich.

Möglicherweise hilft das Medikament auch Schichtarbeitern: In Studien verminderte es die Auswirkungen eines künstlich erzeugten Jetlags - bislang allerdings nur in Versuchen mit Hamstern.

STICHWORT

Stichwort Sildenafil (Viagra®)

Erstzulassung gegen ED: 27. März 1998 in den USA. In Deutschland ab 1. Oktober 1998 erhältlich.

Anwender: Etwa 35 Millionen Männer weltweit.

Wirkmechanismus: Der Wirkstoff Sildenafil blockiert das Enzym PDE-5, das etwa in glatten Muskelzellen des Corpus cavernosum vorkommt. Dadurch werden die Muskelzellen entspannt, Blut kann in den Penis strömen. Der Mechanismus funktioniert jedoch nur bei sexueller Erregung, wenn Signale aus dem Gehirn den Weg für eine Erektion freigeben.

Wirkdauer: Die Wirkung beginnt nach etwa 30 Minuten, die Halbwertszeit liegt bei drei bis fünf Stunden, die Arznei wirkt bis zu zwölf Stunden.

Häufigste unerwünschte Wirkungen: Kopfschmerz, Flush, Dyspepsie, Schwindel.

(mut)

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