Ärzte Zeitung, 11.03.2013

Sex nach Prostata-Op

Für Männer wichtiger als für Frauen

Der Großteil der Männer, denen die Prostata entfernt wird, hofft darauf, nach der Operation noch Sex haben zu können. Den meisten ihrer Partnerinnen ist das aber nicht wichtig.

Von Thomas Müller

Für Männer wichtiger als für Frauen

Beratungsbedarf: Nach der Prostata-Op gibt es häufig Potenzprobleme.

© JPC Prod / fotolia.com

SAPPORO. Tumorfreiheit, Kontinenz und Erhalt der sexuellen Funktion - das sind bekanntlich die wichtigsten Therapieziele, wenn Chirurgen Männern mit Prostatakrebs die Vorsteherdrüse herausschneiden.

Doch wie wichtig ist die sexuelle Funktion für Paare mit einem an Prostata-Ca erkrankten Mann tatsächlich? Dieser Frage sind nun Forscher um Dr. Yoshikazu Sato aus Sapporo in Japan nachgegangen (Int J Urol 2013, 20: 322-328).

Für eine Studie hatten sie Daten von 162 Paaren vor und bis zu einem Jahr nach einer retropubischen radikalen Prostatektomie ausgewertet.

Dabei wurden sowohl die operierten Männern als auch ihre Partnerinnen vor und nach der Op zu sexuellen Einstellungen und Erwartungen sowie zur sexuellen Funktion befragt.

Insgesamt hatten vor der Op 65 Prozent der Männer, aber nur 13 Prozent ihrer Partnerinnen angegeben, dass sie ein befriedigendes sexuelles Leben für sehr wichtig halten.

Zwei Drittel der Männer hofften zudem, dass die erektile Funktion auch nach der Op erhalten bleibt, aber nur 33 Prozent der Frauen legten Wert auf einen postoperativ potenten Mann.

Situation vor Op maßgebend

Diese Einschätzung wurde sehr davon geprägt, wie sexuell aktiv die Studienteilnehmer vor der Op waren. Paare ohne Sex in den sechs Monaten vor dem Eingriff - das waren immerhin etwa drei Viertel - zeigten erwartungsgemäß ein geringeres Interesse am Erhalt der sexuellen Funktion (58 Prozent der Männer und 22 Prozent der Frauen).

Dagegen war das Interesse bei den wenigen noch sexuell aktiven Paaren sowohl bei Männern (85 Prozent) als auch bei Frauen (62 Prozent) sehr groß.

Zum Teil lassen sich die Unterschiede auch damit erklären, dass es um die Potenz der Männer bei den sexuell wenig interessierten Paaren nicht besonders gut stand: Die Männer erreichten auf einer Skala zur sexuellen Funktion nur halb so hohe Werte wie die noch aktiven Geschlechtsgenossen.

Nach der Op, die nur bei etwa 40 Prozent nerverhaltend erfolgte, hatte die Potenz dann tatsächlich drastisch gelitten. Auf einer 100-Punkte-Skala war der per Fragebogen ermittelte Wert von präoperativ im Schnitt 32 Punkten (etwa 50 Punkte bei den aktiven) auf etwa 10 Punkte ein Jahr nach dem Eingriff gesunken.

Frauen steigern Potenz der Männer

Interessanterweise schien die Potenz nach der Op auch von der sexuellen Haltung der Partnerin abzuhängen. Hatten die Partner vor der Op noch Sex, und waren sie beide der Ansicht, Sex ist wichtig, dann hatten sie auch nach einem Jahr noch häufiger Geschlechtsverkehr als Paare, bei denen lediglich der Mann auf eine körperliche Vereinigung aus war (17 Prozent vs 11 Prozent).

Zudem war die sexuelle Funktion mit 12,2 vs 9,5 Punkten bei Männern in solchen Beziehungen deutlich besser, allerdings ärgerten sie sich auch am meisten über die reduzierte sexuelle Leistungsfähigkeit nach der Op.

Vermutlich, so die Studienautoren, litten sie besonders darunter, die Bedürfnisse ihrer Frauen nicht mehr so gut befriedigen zu können, auf der anderen Seite schienen gerade diese Bedürfnisse zum Erhalt der Potenz beizutragen.

So ist aus Studien mit PDE-5-Hemmern bekannt, dass viel Sex nach der Op - was dann häufig nur noch mit Medikamenten möglich ist - die Regeneration der männlichen Potenz begünstigt.

Sex wird überschätzt

Ein weiteres Ergebnis der Studie: Sex wird offenbar überschätzt. Da der Großteil der Partner schon vor dem Eingriff nicht mehr miteinander schlief, war das Enttäuschungspotenzial insgesamt entsprechend gering.

Dies, so schreiben Sato und Mitarbeiter, ist aber offenbar ein japanischer Sonderfall: Nach diversen Studien sind Japaner weltweit am wenigsten sexuell aktiv.

In Studien zur Prostata-Op in der westlichen Welt war der Anteil von Paaren, die vor dem Eingriff dem Koitus frönten, doppelt so hoch wie in Satos Studie.

Es lohnt sich also hierzulande besonders, vor dem Eingriff zu fragen, ob die Partner noch miteinander schlafen. Das könnte dann für die Therapiewahl und eine postoperative Behandlung mit PDE-5-Hemmern sehr wichtig sein.

[23.10.2016, 17:51:04]
Thomas Georg Schätzler 
Der Titel ist sprachlich misslungen!
"Sex nach Prostata-Op - Für Männer wichtiger als für Frauen" trifft so nicht zu, weil der direkte Zusammenhang sich für Frauen ohne mögliche Prostata-OP gar nicht ergibt. Die Originalarbeit lautet denn auch:
"Dissociation between patients and their partners in expectations for sexual life after radical prostatectomy" von Yoshikazu Sato et al., womit auch keine Diskriminierung homosexueller Beziehungen verbunden wäre.

"Conclusions - There was a significant dissociation in perspectives of postoperative sexual life between patients undergoing radical prostatectomy and their partners. Partners' low expectations are associated with patients' low sexual bother and motivation. Partners' cooperative attitude might contribute to maintaining patients' sexual desire and motivation" besagt in den Schlussfolgerungen nichts anderes, als dass geringe Partner-Erwartungen mit geringeren sexuellen Schwierigkeiten/Ärger/Plagen und Motivationen assoziiert sind. Kooperative Einstellungen der Partner könnten dazu beitragen, sexuelles Verlangen und Motivation der Patienten zu erhalten.

Das ist die Quintessenz! Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund  zum Beitrag »
[11.03.2013, 20:00:42]
Dr. Horst Grünwoldt 
Harte Tatsachen
Für viele Männer dürfte es eine Tragödie sein, wenn sie nach einer Prostatektomie bei schönen, erotischen Gedanken oder dem Wunsch nach "vaginal penetration" keine Peniserektion mehr bekommen.
(Das hatte im Film "1900" der große Burt Lancaster eindrucksvoll gemimt)
Schließlich dürfte die aber bei gesunden Senioren normalerweise nach entsprechender sinnlicher Stimulation bis in´s hohe Alter funktionieren. Das hat nicht zuletzt die Zeugungsfähigkeit einiger Prominenter wie Charles Chaplin oder Pablo Picasso bewiesen.
(Natürlich sollten Männer über 50 das Kindermachen den Dreißigjährigen überlassen, weil die gewiß in der Spermatogenese noch weniger Mutationen produzieren)
Dass bei Frauen jenseits der 50 ohne hormonelle Substitution das Verlangen nach sexueller Vereinigung stark nachgelassen hat, oder gar nicht mehr besteht, dürfte manchen Mann dann zum "Fremdgehen" bewegen.
Schlimm ist nur, wenn die potentielle Freude am guten Sex ausschließlich kompensiert wird durch ein Übermaß an oraler Essbefriedigung und als Folge, auch der Coitus unmöglich wird.
Dr. med. vet. Horst Grünwoldt, Rostock zum Beitrag »

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