Ärzte Zeitung, 06.05.2010

Tissue Engineering gegen Stressinkontinenz

Herkömmliche Methoden sind wenig erfolgreich bei Frauen mit Belastungs- inkontinenz, die als Folge einer "hypotonen Urethra" auftritt. Daher wird die Behandlung mit autologem Gewebe klinisch bedeutsam.

Von Annett Gauruder-Burmester

Tissue Engineering gegen Stressinkontinenz

Die aufbereiteten Muskelzellen werden mit einer Sonde in den Rhabdosphinkter der Harnröhre gespritzt. © Innovacell

BERLIN. Bei Patienten mit Belastungsinkontinenz wird zunächst durch die urodynamische Untersuchung sichergestellt, dass der ungewollte Harnabgang nicht mit Detrusorkontraktionen einhergeht. Führen die Hustenstöße während der Füllungszystometrie zum synchronen Harnverlust, spricht man von urodynamischer Belastungsinkontinenz.

Nach den Empfehlungen der ICI (International Consultation of Incontinence) sollte grundsätzlich anfangs eine konservative Therapie erfolgen. Erst wenn diese Maßnahmen versagt haben, ist eine Operation zu erwägen. Bekannte Verfahren mit unterschiedlichen Erfolgsraten sind:

  • Retropubische/ transobturatorische Bänder
  • Kolposuspension
  • Bulking agents
  • Bei Männern mit Belastungsinkontinenz etwa nach Prostatektomie haben die Bandeinlagen neue Optionen für die Blasen-Op eröffnet. Für Frauen dagegen gibt es dabei - abgesehen von Modifikationen und Füllstoffen - keine Neuheiten. Ausnahme ist die Primär- und Rezidivtherapie bei Patientinnen mit "hypotoner Urethra".

    Dabei handelt es sich um eine Schwäche des M. sphincter urethrae externus, der mit seiner quergestreiften Muskulatur eine entscheidende Struktur bei der Aufrechterhaltung der Kontinenz darstellt. Das Krankheitsbild geht in erster Linie auf Alterungsprozesse, vorangehende Eingriffe, Geburten und neurologische Erkrankungen zurück. Mit den konventionellen Möglichkeiten ist der Störung schwer beizukommen, so dass immer häufiger ein künstlicher Sphinkter implantiert wird - bei Frauen allerdings ein komplizierter Eingriff.

    Ziel ist die Stärkung des äußeren urethralen Muskels

    Daher werden heute Versuche unternommen, die Funktion des urethralen Sphinkters mit Tissue Engineering wiederherzustellen. Die ersten Erfahrungen zur Stärkung des äußeren urethralen Muskels bei Harninkontinenz veröffentlichten Professor Michael Chancellor und sein Team von der University of Pittsburgh Anfang dieses Jahrhunderts.

    Am Schweinemodell belegte auch eine Arbeitsgruppe um Professor Hannes Strasser von der Uni Innsbruck, dass innerhalb von zehn Wochen Zellen im Sphinkter eingebaut werden. Daraufhin kam es zu einem Anstieg im Harnröhrendruckprofil, und außerdem wiesen die Forscher histologisch in den integrierten Zellen Muskelfibrillen nach.

    Dr. Gerhard Feil aus Tübingen und seine Kollegen differenzierten mesenchymale Stammzellen sowohl zu glatten als auch zu quergestreiften Muskelzellen, wobei der Anteil der glatten Muskelzellen überwog. Im allogenen Nagermodell belegten sie, dass die Zellen integriert wurden und über 98 Tage nach der Injektion lebensfähig blieben.

    In einer derzeit laufenden Studie am Interdisziplinären Beckenbodenzentrum in Berlin zusammen mit dem Unternehmen Innovacell werden Myoblasten verwendet. Die Zellen zur Behandlung bei Belastungsinkontinenz gewinnen die Forscher durch Biopsie aus dem Pectoralis. Die Probe wird in spezialisierten Labors nach dem Arzneimittelgesetz und den gültigen GMP-Richtlinien (Good Manufacturing Practices) aufbereitet. Danach injizieren die Wissenschaftler die Myoblasten mit einer transurethralen Sonde unter Sonografiekontrolle in den Rhabdosphinkter der Harnröhre.

    Training fördert die Integration der Zellen

    Der minimal-invasive Eingriff selbst dauert ungefähr 30 Minuten. Die Zellen werden danach in den geschädigten Muskel eingebaut, verbessern die Kontraktionskraft und folglich den Verschluss. Da autologes Gewebe genutzt wird, kommt es zu keiner immunologischen Abwehrreaktion. Durch Trainingsprogramme wird die Integration der Zellen gefördert. Die Erfolge sind verheißungsvoll, allerdings sind noch prospektiv randomisierte Studien und eine genauere Analyse der applizierten Zellsuspensionen nötig.

    Dr. Annett Gauruder-Burmester ist Koordinatorin des Interdisziplinären Beckenbodenzentrums in Berlin. Info: www.ibbzentrum.de

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