Ärzte Zeitung online, 31.12.2013

Nach Prostatektomie

Ist Harnverlust beim Orgasmus häufig?

Nach einer Prostatektomie haben Männer ein erhöhtes Risiko, während des Orgasmus den Harnfluss nicht kontrollieren zu können.

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Sex spielt für die meisten Männer eine wichtige Rolle - auch nach der Prostatektomie.

© moonrun/fotolia.com

SALT LAKE CITY. Bei Männern, die wegen eines Prostatakarzinoms nur chirurgisch oder kombiniert mit einer Bestrahlung behandelt werden, ist mindestens jeder Vierte während des Orgasmus harninkontinent.

 Hinweise auf diese hohe Prävalenz liefert eine anonyme Befragung.

Unmittelbar nach der radikalen Prostatektomie oder Radiatio sind nur sehr wenige Männer kontinent. Nach drei Monaten war etwa in einer deutschen Studie vor wenigen Jahren noch jeder zweite Patient harninkontinent.

Bisher gibt es nur wenige Daten dazu, wie groß der Anteil der Männer ist, die während des Orgasmus einen ungewollten Harnverlust haben.

Anonyme Befragung bei 900 Männern

Um mehr Informationen über die Prävalenz dieser Form der Inkontinenz zu erhalten, wählten US-Urologen um Dr. Brock B. O'Neil mehr als 900 Männer für eine anonyme Befragung dazu aus.

Mit 46,7% schickte jeder Zweite den komplett ausgefüllten Fragebogen zurück, von 412 Männern im Alter zwischen 62 und 64 Jahren konnten schließlich die Antworten für die Studie ausgewertet werden (J Urol 2013, online 17. September)

67,7% waren operiert worden, 26,7% bestrahlt, und 5,6% wurden nach der Op auch bestrahlt. Zum Zeitpunkt der Befragung lag die Op. im Median 20,3 Monate, die Radiatio 23,9 Monate und die Kombitherapie 10,2 Monate zurück.

Sexuell aktiv und orgasmusfähig waren 71% der operierten Männer, 68% der Bestrahlten und 52% der Befragten mit beiden Therapieformen.

Fast 30% der Operierten gaben Harnverlust an

In der Befragung berichteten 28,3% der Operierten von ungewolltem Harnverlust beim Orgasmus. Mit 28,6% war der Anteil bei Männern mit der kombinierten Behandlung ähnlich hoch. Bei Patienten, die ausschließlich bestrahlt worden waren, betrug der Anteil nur 5,2%. Ein Vergleich mit der übrigen männlichen Bevölkerung ist nicht möglich, weil es keine verlässlichen Daten dazu gibt.

An US-Kliniken mit sexualmedizinischer Versorgung, auch an ihrer eigenen Klinik, würden nur ganz wenige Männer von diesem Symptom berichten, so O'Neil und seine Kollegen.

Die Multivariatanalyse ergab, dass nur operierte im Vergleich zu nur bestrahlten Männern ein um fast das Vierfache erhöhtes Risiko für ungewollten Harnverlust während des Orgasmus haben (Odds Ratio, OR: 3,94; 95%-Konfidenzintervall zwischen 1,43 und 13,93; p = 0,015).

Auch durch eine bestehende Harninkontinenz war die Wahrscheinlichkeit für den Harnverlust beim Orgasmus signifikant erhöht (OR: 3,09; 95%-Konfidenzintervall zwischen 1,66 und 5,88; p ‹ 0,001).

Auffallend war, dass signifikant mehr beim Orgasmus inkontinente Männer Erektionshilfen nutzten, vor allem medikamentöse (OR: 2,24; 95%-Konfidenzintervall zwischen 1,08 und 4,93; P = 0,035).

Nervenschäden wohl keine Ursache

Die US-Urologen gehen nicht davon aus, dass Nervenverletzungen bei der Op Ursache des ungewollten Harnverlusts sind, unter anderem, weil es keinen Unterschied in der Häufigkeit zwischen Männern gab, bei denen der Eingriff mehr als ein Jahr zurücklag, und denen, die innerhalb der vergangenen zwölf Monate operiert worden waren.

In früheren kleineren Studien wurde festgestellt, dass der ungewollte Harnverlust beim Orgasmus die sexuelle Befriedigung stark beeinträchtigt. O'Neil und seine Kollegen können das mit ihrer Umfrage nicht bestätigen. Allerdings solle in künftigen Studien geprüft werden, wie das sexuelle Empfinden der Partner beeinflusst wird.

Als einfache längerfristige Maßnahme gegen den Harnverlust plädieren die Urologen für Beckenbodentraining. Nicht zuletzt akut lasse sich das Problem weitgehend lösen, indem vor sexuellen Aktivitäten die Blase weitgehend entleert wird, so O'Neil und seine Kollegen. (ple)

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