Ärzte Zeitung, 24.08.2010
Hintergrund
Wie Steinmeier spenden viele Menschen zu Lebzeiten eine Niere
Noch machen Lebendnierenspenden, wie sie jetzt der SPD-Politiker Frank-Walter Steinmeier
plant, nur einen Anteil von etwa 21 Prozent aller Nierentransplantationen aus. Seit
zehn Jahren gibt es aber einen positiven Trend.
Von Peter Leiner

Chirurgen transplantieren eine Niere.
© dpa
SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier will sich für "einige Wochen"
aus der Politik zurückziehen, um seiner erkrankten Frau eine Niere zu spenden. Solche
Organtransplantationen nach einer Lebendspende sind zwar in Deutschland noch nicht
so häufig wie die Verpflanzung von Nieren nach dem Tod der Spender, aber es ist
ein Trend zu beobachten: Nach Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation
(DSO) wurden im vergangenen Jahr 600 Nieren von Lebendspendern transplantiert und
2172 Nieren nach dem Tod der Spender. Im Jahr 2008 lag die Zahl der Lebendnierenspenden
bei 565, vor zehn Jahren sogar nur bei 346 Lebendnierenspenden. Derzeit warten etwa
8000 Dialysepatienten auf ein passendes Organ. Lebendspenden sind dem Transplantationsgesetz zufolge nur unter nahen Verwandten
und einander persönlich eng verbundenen Personen zulässig.
Entnommen wird die Spenderniere extraperitoneal durch einen Flankenschnitt, transperitoneal
durch einen Bauchschnitt oder minimal-invasiv durch ein laparoskopisch-endoskopisches
Verfahren. Im Schnitt müssen die Organspender etwa sieben bis zehn Tage in der Klinik
bleiben. Spätestens nach einem Vierteljahr sind die Spender in der Regel wieder
arbeitsfähig.
Die Prognose nach der Verpflanzung einer Niere von einem lebenden Spender ist besser
als bei einer postmortalen Spende: Fünf Jahre nach der Transplantation funktionieren
noch fast 85 Prozent der verpflanzten Organe, der Anteil liegt nach Transplantation
von Organen gestorbener Spender bei etwa 70 Prozent. Die bessere Funktionsrate bei
Lebendspenden beruht vor allem darauf, dass die Dauer der unterbrochenen Durchblutung
des Organs viel kürzer ist, da die Entnahme des Spenderorgans und die Transplantation
im selben Zentrum vorgenommen werden.
Ganz ohne Risiko ist die Lebendspende - wie jeder chirurgische Eingriff - allerdings
nicht: Nach Angaben der DSO kann es zu Frühkomplikationen wie Wundinfekte, Blutungen,
Thrombosen, Lungenembolien und Lungenentzündungen kommen. Bei etwa einem Prozent
der Spender treten schwer wiegende Komplikationen auf. Die Sterberate liegt der
Stiftung zufolge bei 0,03 bis 0,06 Prozent (etwa ein Todesfall bei 1600 Organentnahmen).
Steinmeier und seine Frau sollen nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur
(dpa) bereits an diesem Dienstag in einer Klinik operiert werden. Seine Frau leide
seit einigen Wochen an einer fortgeschrittenen Nierenerkrankung. Steinmeier. "Sie
haben sicherlich Verständnis dafür, dass ich deshalb für einige Wochen nicht auf
der politischen Ebene aktiv sein werde."
Steinmeier sagte, er sei angesichts der ärztlichen Expertise sehr zuversichtlich,
dass er nach dem Eingriff wieder ohne Einschränkung aktiv sein könne. Der SPD-Fraktionschef
kündigte an, er werde die Öffentlichkeit zu gegebener Zeit informieren. Den Ort
des Klinikums, in dem die Entnahme der Niere und die Transplantation stattfinden
werden, nannte der Politiker nicht.
Transplantationsbeauftragte sollen Pflicht werden
Die Koalitionspolitiker Wolfgang Zöller (CSU), Dr. Rolf Koschorrek (CDU) und Ulrike
Flach (FDP) wollen Krankenhäuser mit mehr als 100 Betten und einer Intensivstation
mit Beatmungsplätzen verpflichten, einen ärztlichen Transplantationsbeauftragten
vorzuhalten. Dazu wollen sie im Bundestag einen Antrag zur Änderung des Transplantationsgesetzes
vorlegen. Bisher gebe es nur in drei von vier Krankenhäusern entsprechende Beauftragte.
Von 1350 Kliniken, die von der Koordinierungsstelle betreut werden, melde nur jede
Zweite mindestens eine Organspende im Jahr.

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