Ärzte Zeitung online, 05.01.2011

Transplantationsmedizin: Biomarker sollen Abstoßung vorhersagen

VANCOUVER (nsi). Biomarker sollen nicht-invasiv anzeigen, ob nach einer Organtransplantation Ruhe im Immunsystem ist oder die Zeichen eher auf Sturm stehen.

Transplantationsmediziner wollen mit Biomarkern Abstoßungen vorhersagen

Eine entnommene Niere wird für den Transport vorbereitet.

© horizont21 / fotolia.com

Insgesamt 250 000 Menschen leben in Europa mit einem fremden Organ, und der Bedarf an Transplantationen wird künftig wegen des demografischen Wandels und der zunehmenden Inzidenz chronischer Erkrankungen weiter steigen. Angesichts des Organmangels und eines erhöhten Risikos für Organverlust bei Retransplantation hat die Früherkennung von Abstoßungsreaktionen eine entscheidende Bedeutung.

Als die zuverlässigste Methode gilt die Biopsie. Für die invasive Probenentnahme wird jedoch intensiv nach einer nicht-invasiven Ersatzmethode gesucht, wie beim Kongress der Transplantation Society in Vancouver deutlich wurde. Denn statistisch habe jede zweite Biopsie ein negatives Ergebnis, sei also retrospektiv überflüssig, erläuterte Professor Manikkam Suthanthiran vom Presbyterian Hospital in New York. Zugleich gebe es bei 5 bis 10 Prozent der Biopsien Komplikationen.

Die Suche nach Biomarkern, die anzeigen, ob die Aktivität des Immunsystems normal oder erhöht ist, gehört zu den derzeit am intensivsten erforschten Fragestellung in der Transplantationsmedizin. "Die Entwicklung von Biomarkern auf der Ebene des Genoms und des Proteoms zielt darauf ab, Risiken für Abstoßungsreaktionen vor und nach der Transplantation quantitativ und qualitativ erkennbar zu machen, um die Immunsuppression optimal anzupassen.

Diese Forschung wird die Transplantationsmedizin in nicht allzu ferner Zukunft revolutionieren", sagte der Mitorganisator des Kongresses, Professor Paul Keown von der University of British Columbia in Vancouver, zur "Ärzte Zeitung".

Nachweis der Aktivität von vier Proteinen schon erprobt

Der Gehalt an Boten-RNA (messenger-RNA, mRNA) etwa kann eine Aktivierung von T-Zellen anzeigen und wird in der Phase nach der Transplantation genutzt. Ein bereits klinisch erprobtes Beispiel ist der Nachweis der Syntheseaktivität von vier Proteinen, nämlich Perforin, FOXP3, IP-10 und TGF-ß1, im Urinzentrifugat von Nierenempfängern.

In einer Multizenterstudie unter Federführung von Suthanthiran sind mehrere tausend Urinpellets von 497 Probanden mit Hilfe einer quantitativen PCR analysiert worden.

Der Gehalt an mRNA für die Synthese dieser Proteine korrelierte mit der Nierenfunktion und ließ mit einer Spezifität von 91 und einer Sensitivität von 66 Prozent eine akute Abstoßungsreaktion vorhersagen. Nicht-immunologisch verursachte Transplantatdysfunktionen ließen sich von Abstoßungsreaktionen differenzieren.

Auch Antikörper gegen HLA-Antigene sind gute Kandidaten für die Verlaufsbeobachtung. Antikörper gegen HLA sind die häufigste Ursache für Nierentransplantatversagen nach dem ersten postoperativen Jahr. "Es gibt heute keinen Biomarker für die Abstoßung oder das Abstoßungsrisiko, der allgemein akzeptiert wäre", bedauerte Professor Michel Goldman vom Institut d'Immunologie Médicale in Charleroi in Belgien.

"Hier müsste man genauso vorgehen wie in der Krebsforschung, um zu einer Vereinheitlichung von Tests zu gelangen." Die Initiative Transplant Research Integration in Europe (TRIE), die von Goldman koordiniert wird, hat sich daher vorgenommen, zusammen mit der Industrie und den Regulierungsbehörden die besten Biomarker als Prognose-Tools für eine Abstoßung zu bestimmen, um den Langzeiterfolg der Organtransplantation zu verbessern.

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