Ärzte Zeitung, 09.12.2010

Hintergrund

Neue Wege aus dem Organmangel - in der BRD nur nach Gesetzesänderungen

Über 12 000 Patienten warten in Deutschland auf Spenderorgane, mehr als 8000 auf Nieren. Der Ton, mit dem nun viele Mediziner Liberalisierungen bei der Organspende fordern, ist schärfer geworden.

Von Nicola Siegmund-Schultze

Neue Wege aus dem Organmangel würden in Deutschland Gesetzesänderungen erfordern

Vorbereitungen im Op für die Transplantation einer Spenderniere.

© horizont21 / fotolia.com

In vielen Ländern hat sich die Organspende deutlich stärker diversifiziert, als dies die gesetzlichen Rahmenbedingungen in Deutschland erlauben. Dies gilt für die postmortale wie für die Lebendorganspende.

In den USA, in Kanada und Australien, aber auch in den Beneluxländern, die wie Deutschland dem Eurotransplant-Verbund (ET) angehören, ist der Spenderkreis bei beiden Formen der Organspende durch Gesetze weniger eingeschränkt: In den Niederlanden etwa ist - anders als in Deutschland - eine Lebendorganspende auch ohne persönliche Verbundenheit mit dem Empfänger möglich, und zwar in Form von Poolspenden. So stammen dort 65 Prozent der verpflanzten Nieren von lebenden Personen. Die Zahl postmortaler Organspender liegt jedoch mit 12,3 pro eine Million Einwohner (im Jahr 2009) noch unter der in Deutschland (14,6), so dass die Situation für Patienten, die auf Herzen, Lungen oder Lebern warten, "extrem schwierig" sei, sagte Professor Bruno Meiser, Präsident von ET, bei der Jahrestagung der Deutschen Transplantationsgesellschaft in Hamburg.

Bei der Konferenz wurde deutlich: Der Ton, mit dem viele Mediziner Liberalisierungen bei der Organspende fordern, ist schärfer geworden. Dass die Lebendorganspende gegenüber der postmortalen gesetzlich nachgeordnet ist (Subsidiarität), nannte Professor Björn Nashan vom Klinikum Hamburg-Eppendorf angesichts der im Allgemeinen deutlich besseren Transplantationsergebnisse "schlicht unpassend".

Um die Zahl der Organe von toten Spendern zu erhöhen, plädierte Professor Hermann Reichenspurner, ebenfalls vom Klinikum Hamburg-Eppendorf, für die Rekrutierung von "Non-Heart-Beating-Donors" (NHBD): Bei ihnen darf ohne Hirntoddiagnostik kurz nach Aussetzen der Herztätigkeit mit der Organentnahme begonnen werden - eine Zustimmung des Spenders oder der Angehörigen vorausgesetzt.

In den Niederlanden zum Beispiel stammen 40 Prozent der postmortal verpflanzten Nieren von NHBD. Als Professor Heinz Angstwurm, Neurologe aus München und Mitglied der Ständigen Kommission Organtransplantation bei der Bundesärztekammer (BÄK), die Möglichkeiten einer sicheren Feststellung des Todes bei NHBD bezweifelte, wurde gefragt, ob er zahlreichen Ländern Tötungen unterstellen wolle. Allerdings hatte 2008 ein Bericht aus den USA über drei erfolgreiche Transplantationen der Herzen von Kindern, die 1,25 bis 3 Minuten nach Herzstillstand für tot erklärt worden waren, international Zweifel an Kriterien für NHBD ausgelöst (NEJM 2008; 359: 709).

Angesichts von durchschnittlich 4,5 Jahren Wartezeit auf die Niere eines toten Spenders und gleichzeitig zunehmendem Trend zur Verpflanzung vorgeschädigter Organe, wird vielfach die Abschaffung der Subsidiarität von Lebendorganspenden gefordert und eine Erweiterung des Spenderkreises auf Menschen, die dem Empfänger nicht persönlich nahe stehen müssen. Während in Deutschland lediglich ein Organtausch zwischen zwei Paaren - als cross-over bezeichnet - von einigen Zentren angeboten wird, um Blutgruppen- oder Gewebe-Inkompatibilitäten zwischen Spender und Empfänger zu überwinden, entwickeln sich in anderen Ländern wie den USA, in Kanada oder Australien regionale und nationale Programme für einen erweiterten Organtausch zwischen drei und mehr Paaren. Dabei ist es den Beteiligten freigestellt, ob sie sich kennenlernen möchten oder nicht.

Professor Adam W. Bingaman vom Texas Transplant Institute in San Antonio im US-Bundesstaat Texas berichtete bei der 23. Tagung der Transplantation Society in Vancouver in Kanada von Erfahrungen, die sein Transplantationszentrum seit der Implementierung eines "paired-exchange donation"-Programms im Dezember 2007 gemacht hat. Vier Monate nach dem Start erfolgte der erste Organaustausch, die Zwei- Jahresfunktionsraten liegen bei 92 Prozent. Auf mehr als 500 Spender und Empfänger ist die Datenbank des Instituts in den folgenden zweieinhalb Jahren gewachsen. Etwa 100 Nieren wurden seither verpflanzt, inklusive einer Kette von Transplantationen, die durch einen anonymen, altruistischen Spender in Gang gesetzt worden war (NEJM 2010; 363: 1091).

"Wir können mit dem Programm das Alter von Spender und Empfänger, die Größe der Organe und die Gewebeverträglichkeit besser aufeinander abstimmen, als dies bei nur wenigen Beteiligten der Fall wäre", sagte Bingaman. So ließen sich nicht nur viele Lebendspenden überhaupt realisieren, sondern oft auch Risiken für die Empfänger minimieren: Viele seien immunologisch sensibilisiert, mit hohem Risiko für Abstoßungen bei nicht optimal passendem Spenderorgan. 42 Prozent der Empfänger hätten eine andere Blutgruppe als der ursprüngliche Spender.

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