Ärzte Zeitung, 22.01.2007

"Kieler Konzept" erhält oft die Potenz nach Op

Kontinuierliche Therapie mit Potenzmitteln lindert oder verhindert Potenzprobleme nach einer Prostatektomie

HAMBURG (KHS/mut). Bei Männern nach einer Prostatektomie lohnt es sich, nach Potenzproblemen zu fragen. Denn erhalten solche Männer nach dem "Kieler Konzept" einige Monate lang eine kontinuierliche Therapie mit niedrig dosierten PDE-5-Hemmern oder Prostaglandin E1, lässt sich die Potenz oft langfristig wieder herstellen.

Potenzprobleme? Ärzte können Männern nach einer Prostata-Op zu einer kontinuierlichen Therapie mit PDE-5-Hemmern oder Prostaglandinen raten. Foto: DAK

Eine solche Therapie kann die Sauerstoffversorgung des Penis verbessern und eine intrakavernöse Fibrose nach der Op verhindern. Sie trägt damit zur schnellen Verbesserung und zum Erhalt der Erektionsfähigkeit bei, hat Professor Klaus-Peter Jünemann von der Uni Kiel berichtet.

Zu postoperativen Erektionsstörungen kommt es etwa bei der Hälfte der Männer nach einer beidseitig nervenerhaltenden Prostatektomie. Als Ursache gelten operationsbedingte Schädigungen der penilen Innervation. Die Folge ist meist auch eine schlechte Blut- und Sauerstoffversorgung des Penis - es kommt seltener zu nächtlichen Spontanerektionen.

In der Regel dauert es etwa zwei Jahre, bis sich die Potenz wieder verbessert - bei vielen Männern bleibt jedoch ein dauerhaftes Potenzproblem. Der Grund: Durch die schlechte Oxygenierung könne eine intrakavernöse Fibrose ausgelöst werden. Die Fibrose wiederum vermindere nächtlich Spontanerektionen, die normalerweise eine gute Sauerstoffversorgung ermöglichen, so Jünemann.

Dieser Teufelskreis werde durchbrochen, wenn man nach der Op kontinuierlich einen PDE-5-Hemmer einnimmt oder wenn man Prostaglandin E1 in den Schwellkörper injiziert. Tumeszenz und Rigidität bei Nacht würden so verbessert und der Schwellkörper dadurch vermehrt mit Sauerstoff versorgt. Als Folge könne die Erektionsfähigkeit rasch und nachhaltig wiederhergestellt werden. Voraussetzung für diese Therapie sei jedoch, dass der Nervenerhalt bei der Operation gelingt, was inzwischen bei etwa 95 Prozent der Männer mit radikaler Prostatektomie zutrifft.

Eine Dauertherapie verbessert die penile Durchblutung

Dass eine Dauertherapie mit PDE-5-Hemmer die penile Sauerstoffversorgung tatsächlich steigert, hat etwa eine Studie mit 82 Männern belegt, sagte der Urologe auf einer Veranstaltung von Pfizer in Hamburg. In der Studie erhielt eine Gruppe der Männer 50 mg Sildenafil (Viagra®), und zwar täglich, eine andere nur 50 mg bei Bedarf. Eine Gruppe bekam Placebo.

In der Gruppe mit kontinuierlicher Medikation ließ sich nach einem Jahr Therapie und einer Therapiepause von einem Monat eine signifikante Verbesserung des penilen arteriellen Blutflusses nachweisen - gemessen mittels Duplex-Sonografie. Jünemann führt dies auf die höhere Zahl von Spontanerektionen in den REM-Schlafphasen zurück. Über solche nächtliche Spontanerektionen berichteten 57 Prozent der Patienten, die täglich Sildenafil erhalten hatten, aber nur zehn Prozent der Männer, die Sildenafil bei Bedarf eingenommen hatten, und fünf Prozent waren es in der Placebo-Gruppe.

Was schließlich eine kontinuierliche Therapie nach Prostatektomie bringt, hat Jünemann in einer Studie mit 41 Patienten untersucht. Die Patienten wurden in zwei Gruppen aufgeteilt: eine mit 23 Patienten, die täglich zur Nacht 25 mg Sildenafil erhielt, und eine mit 18 Patienten ohne PDE-5-Therapie. Nächtliche Spontanerektionen wurden mittels peniler Tumeszenz- und Rigiditätsmessung dokumentiert.

Nach drei Monaten Therapie hatte sich die Potenz verbessert

Bereits nach einer Dauertherapie von drei bis sechs Monaten zeigte sich, dass sich die Erektionsfähigkeit mit Sildenafil schneller wieder eingestellt hatte als bei unbehandelten Patienten. Bei Männern mit Dauertherapie gelangen nach 24 Monaten 41 Prozent der Koitusversuche auch ohne zusätzliche Medikation. Ohne Dauertherapie seien nur 28 Prozent der Versuche gelungen. Nahmen die Männer mit Dauertherapie vor dem Koitus zusätzlich 100 mg Sildenafil, so waren 86 Prozent der Versuche erfolgreich, nur 66 Prozent waren es in der Kontrollgruppe.

Nach Angaben von Jünemann lässt sich die als "Kieler Konzept" bezeichnete Therapie aber auch nach anderen Formen der Beckenchirurgie anwenden, etwa nach einer Blasen- oder Rektum-Op.

STICHWORT

"Kieler Konzept"

Mit dem "Kieler Konzept" wird nach einer radikalen Prostatektomie die penile Durchblutung und Sauerstoffversorgung verbessert. Dadurch soll die Potenz dauerhaft verbessert werden. Bei Patienten, die noch nächtliche Spontanerektionen haben, wird mit 25 mg Sildenafil täglich zur Nacht behandelt. Sind keine Spontanerektionen mehr möglich, eignet sich die Injektion von 5 bis 10 µg Prostaglandin E1 zwei- bis dreimal pro Woche. Nach zwölf Wochen wird mit 50 bis 100 mg Sildenafil geprüft, ob eine gute Erektion möglich ist. Falls das nicht möglich ist, wird die jeweilige kontinuierliche Therapie fortgesetzt. (KHS)

Das "Kieler Konzept" wird ausführlich beschrieben in der Zeitschrift "Der Mann" unter www.kup.at/kup/pdf/5623.pdf

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