Ärzte Zeitung, 07.04.2009

Wirkung, nur wenn sie gebraucht wird und keine Hypoglykämien

Die Stimulation des GLP-1-Rezeptors ist eine relativ neue Therapie, die für Patienten mit Typ-2-Diabetes einige Vorteile hat. Dies liegt an den verschiedenen Wirkmechanismen und am fehlenden Hypoglykämie-Risiko, erläutert Professor Michael Nauck im Interview mit der "Ärzte Zeitung". Die Möglichkeiten dieser Therapie werden bald erweitert.

"Die Therapie ist sehr sicher im Hinblick auf das Vermeiden von Hypoglykämien."

Professor Michael Nauck

Bad Lauterberg

Ärzte Zeitung: Herr Professor Nauck, die Stimulation des GLP-1-Rezeptors hat besondere Vorteile bei Typ-2Diabetes. Warum?

Professor Michael Nauck: Das besondere bei dieser Therapie ist, dass GLP-1 mehrere Wirkungen gegen verschiedene Facetten des Typ-2-Diabetes hat. Die Stimulierung der Insulinsekretion hängt sehr ausgeprägt vom Blutzucker ab und ist bei geringen Werten gar nicht möglich, auch wenn hohe Medikamentenspiegel vorliegen.

Ärzte Zeitung: Diese DiabetesTherapie wirkt also nur, wenn sie gebraucht wird?

Nauck: Ja, so kann man das sagen. Damit wird die Therapie sehr sicher im Hinblick auf das Vermeiden von Hypoglykämien. Der zweite Angriffspunkt auf den Typ-2-Diabetes ist, dass auch das meist zu hohe Glukagon gesenkt wird. Bei unterdrücktem Glukagon produziert die Leber weniger Glukose. Das ist wichtig, um den Blutzuckerspiegel zu reduzieren. Dritter Angriffspunkt ist die Verzögerung der Magenentleerung. Das führt zu einem langsameren Einstrom von Kohlenhydraten nach den Mahlzeiten. Der vierte Mechanismus ist eine Einwirkung von GLP-1 auf appetitregulierende Zentren im Gehirn. Der Appetit nimmt ab, man wird schneller satt, isst weniger. Langfristig kann man so abnehmen.

Ärzte Zeitung: Für welche Gruppen von Diabetes-Patienten ist denn dieses Therapieprinzip besonders geeignet?

Nauck: Für die Typ-2-Diabetiker, die mit oralen Antidiabetika allein nicht mehr gut eingestellt sind und bei denen sich die Frage stellt, ob nicht eine Insulintherapie begonnen werden sollte. Mit Insulin jedoch nehmen viele Patienten weiter zu. Und es gibt grundsätzlich die Möglichkeit, dass Unterzuckerungen den Tagesablauf stören können. Mit einem Inkretin-Mimetikum sinkt eher das Gewicht um ein paar Kilogramm. Wenn nicht ein anderes, gleichzeitig verabreichtes Medikament Unterzuckerungen auslösen kann, sind die Patienten sicher vor Hypoglykämien.

Ärzte Zeitung: Mit Exenatide ist ein Präparat ja schon auf dem Markt, was ist der Vorteil eines zweiten?

Nauck: Exenatide hat zwar eine deutlich längere Halbwertzeit als das natürliche GLP-1. Aber die zwei Spritzen, die man üblicherweise vor Frühstück und Abendessen gibt, reichen nicht aus, um über den ganzen Tag erhöhte Spiegel aufrecht zu halten. Das neue Liraglutid hat eine längere Halbwertszeit. Eine tägliche Injektion reicht aus, um über 24 Stunden einen nahezu gleich bleibenden Wirkspiegel aufrecht zu halten. Damit hat man über Nacht deutlich mehr blutzuckersenkende Effekte mit Liraglutid. Das zweite ist ein Unterschied im Molekül. Das Echsenderivat hat zu ca. 50 Prozent identische Aminosäuren. Das Liraglutid ist sehr nahe an der Muttersubstanz GLP-1. Da ist lediglich eine Aminosäure ausgetauscht und eine andere angeheftet. Die Kosequenz ist, dass bei Liraglutid anders als bei Exenatide weniger als 10 Prozent der Patienten Antikörper entwickeln.

Regelmäßiges Messen - eine wichtige Voraussetzung für eine gute Diabeteseinstellung.

Foto: Adam Majchrzak©www.fotolia.de

Ärzte Zeitung: Gibt es schon einen direkten klinischen Vergleich zwischen den beiden Substanzen?

Nauck: Die LEAD-6-Studie hat ergeben, dass Liraglutid etwas stärker den Blutzucker und den HbA1c senkt als Exenatide. Das Bremsen der Blutzuckeranstiege nach dem Essen fällt bei Liraglutid etwas geringer aus. Wir glauben, dass die Verlangsamung der Magenentleerung im Laufe der Zeit geringer ausfällt als mit Exenatide.

Ärzte Zeitung: Welchen Stellenwert wird diese Form der Therapie bekommen?

Nauck: Metformin wird als Mittel der ersten Wahl wohl nicht abgelöst. Die Therapie ist in der zweiten Stufe, wenn Metformin nicht mehr genügend wirkt, eine sehr gute Ergänzung.

Ärzte Zeitung: Gibt es Hinweise auf den Schutz von Betazellen bei Liraglutid?

Nauck: Es gibt tierexperimentelle Hinweise und Hinweise aus der LEAD-3-Studie, wonach der HbA1c-Wert über ein Jahr gleich geblieben ist, während man sonst einen leichten Anstieg erwarten könnte.

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