Ärzte Zeitung, 16.07.2012

Kommentar des Experten

Das Hirn und das metabolische Syndrom

Was haben Süßkartoffeln, das Gehirn und Fett in der Leber gemeinsam? Beim IDF-Kongress in Dubai gab es die Antworten.

Von Prof. Hellmut Mehnert

Prof. Hellmut Mehnert

Sicherheit der Insulintherapie im Langzeitversuch dokumentiert

© sbra

Arbeitsschwerpunkte: Diabetologie, Ernährungs- und Stoffwechselleiden: Diesen Themen widmet sich Prof. Hellmut Mehnert seit über 50 Jahren.

Erfahrungen: 1967 hat er die weltweit größte Diabetes-Früherfassungsaktion gemacht sowie das erste und größte Schulungszentrum für Diabetiker in Deutschland gegründet.

Ehrung: Er ist Träger der Paracelsus-Medaille, der höchsten Auszeichnung der Deutschen Ärzteschaft.

Sprinter aus Jamaika sind Weltklasse. Bei den letzten Olympischen Spielen haben Männer und Frauen aus dem Land in den Sprint-Disziplinen sämtliche Goldmedaillen abgeräumt.

Besonders auch die Ernährung ist hierfür mitverantwortlich, sagt Professor Erroll Morrison von der University of Technology in Kingston. Zusammen mit seinem deutschen Kollegen (s.u.) wurde er beim Kongress der Internationalen Diabetes-Vereinigung (IDF) in Dubai mit dem von Unesco und UN begründeten Hellmut Mehnert Award ausgezeichnet.

Ein wichtiger Faktor für die Sprint-Leistungen der Jamaikaner ist nach Ansicht von Morrison der hohe Anteil von Yams (auch Mehlwurzeln oder Süßkartoffeln genannt) in der täglichen Kost.

Die Bevölkerung dort deckt damit 90 Prozent ihres Bedarfs an Kohlenhydraten (KH) ab, berichtete der Forscher in seinem Vortrag zur Preisverleihung. Enthalten sind darin besonders viele Vorläufer von anabolen Steroiden (4 mg pro g KH), und damit ein Vielfaches mehr als in anderen KH.

Diese sogenannten Phytosteroide sind als Vorstufen von anabolen Steroiden sicher leistungsfördernd. Günstig ist in Jamaika auch der häufige Verzehr von grünen Bananen, deren Phytokine den Glukose- und ATP-Stoffwechsel fördern.

Ursache für Diabetes?

Eine solche Ernährung ist aber nicht immer gesund: Überdurchschnittlich oft entwickeln gerade auch sportliche Jamaikaner später ein Metabolisches Syndrom und einen Typ-2-Diabetes.

Morrison sieht auch hier eine Ursache im erhöhten Anteil von Steroiden in der Nahrung. Anfangs werde damit die sportliche Leistung begünstigt, später aber womöglich ein Steroiddiabetes ausgelöst.

Aber auch in Jamaika ist oft eine hochkalorische ungesunde Ernährung die treibende Kraft für die Entwicklung eines Typ-2-Diabetes. Die überwiegend schwarze Bevölkerung ist hier aufgrund ihrer Gene besonders gefährdet.

Ebenfalls für Arbeiten zum Metabolischen Syndrom wurde Professor Hans-Ulrich Häring aus Tübingen ausgezeichnet. Sein Team hat in großen Studien Menschen mit Prädiabetes und die Auswirkungen eines intensiven Interventionsprogramms mit gesunder Kost und Bewegung untersucht.

Die Maßnahmen beugen dem Metabolischen Syndrom und Typ-2-Diabetes vor und verringern die Insulinresistenz.

Dabei ist auch das Gehirn von Bedeutung, da es große Mengen an Glukose verwertet. Auch Hirngewebe enthält Insulinrezeptoren und ist Insulin-sensibel, so Häring in seinem Vortrag.

Viele Faktoren bei der Diabetes-Pathogenese

Wichtig bei Insulinresistenz ist auch die verminderte periphere Wirkung des Hormons in der Leber. Besonders die Fettleber wird in der Pathogenese bei Metabolischem Syndrom immer noch unterschätzt.

Die Insulinresistenz der Leber steht nämlich in engem Zusammenhang mit der Fettakkumulation in diesem Organ, wobei verschiedene Studien Zusammenhänge zwischen intrahepatozellulärem Triglyzeridgehalt und Insulinresistenz gezeigt haben.

Typ-2-Diabetiker haben außerordentlich häufig eine solche Fettleber, die eng mit der Insulinresistenz korreliert ist.

Ähnlich wie im Fettgewebe und an der Muskulatur sind in der Fettleber Entzündungsprozesse bedeutsam, was man zum Beispiel durch CRP-Messungen verifizieren kann.

Durch mehr Bewegung und gesunde Kost ließ sich bei Metabolischem Syndrom die Leberfettmasse reduzieren und der Insulinresistenz entgegenwirken.

Interessant ist auch, dass der insulinsensitivierende Effekt von Metformin und Glitazonen bis zu einem gewissen Grade von deren Einwirkung (Verminderung) auf den Leberfettgehalt abhängig ist.

Fazit: Bei Metabolischem Syndrom sind außer bekannten Symptomen - wie Hypertonie, Dyslipoproteinämie, androide Fettsucht, gestörte Glukosetoleranz und Gerinnungsstörung - auch die Insulinresistenz im Gehirn und die Fettleber maßgebliche Faktoren der Pathogenese.

[18.07.2012, 07:39:19]
Dr. Franz-Josef Wittstamm 
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