Ärzte Zeitung, 13.07.2015

Ebola

"Weiter wachsam sein!"

Etwa 27.500 Menschen sind während des größten Ebola-Ausbruchs aller Zeiten infiziert worden, mehr als 11.200 Patienten gestorben. Trotz Erfolgsmeldungen ist der Kampf noch nicht gewonnen, mahnen Experten.

Von Pete Smith

"Weiter wachsam sein!"

Hilfe vor Ort: Dr. Maximilian Gertler im Projekteinsatz in Guinea.

© Sigge / MSF

BERLIN/MONROVIA. Es ist still geworden um die im Dezember 2013 ausgebrochene Ebola-Epidemie.

In Guinea und Sierra Leone sind die Fallzahlen zurückgegangen, und das mit fast 5000 Toten am schlimmsten betroffene Liberia wurde zwischenzeitlich sogar für ebolafrei erklärt - zu früh, wie die neuen Erkrankungen der vergangenen Tage belegen.

"Solange nicht alle betroffenen Länder melden, dass es keine neuen Verdachtsfälle mehr gibt, müssen wir sehr wachsam sein", sagt Dr. Maximilian Gertler, Epidemiologe und Vize-Vorsitzender der deutschen Sektion von Ärzte ohne Grenzen (MSF).

"Der Ausbruch 2014, den wir auf ein bis zwei Kontaktpersonen zurückverfolgen konnten, hat gezeigt, dass jede einzelne neue Erkrankung ein weiteres Drama verursachen kann."

Öffentliches Interesse lässt nach

Gertler, derzeit als Internist im Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe in Berlin tätig, ist auf dem Höhepunkt der Epidemie im Juli 2014 selbst in Guinea gewesen, um die Ebola-Einsatzteams von MSF zu unterstützen.

Grundsätzlich freue er sich natürlich, dass die Fallzahlen in Guinea und Sierra Leone von damals über 500 Neuerkrankungen pro Woche auf 20 bis 30 zurückgegangen sind.

"Und dass das öffentliche Interesse nach der großen Aufmerksamkeit im vergangenen Jahr nachgelassen hat, ist auch verständlich."

Doch Gertler warnt eindringlich davor, angesichts der messbaren Erfolge im Kampf gegen Ebola vorzeitig zur Tagesordnung überzugehen.

"Was mir am meisten Sorge bereitet, ist, dass es noch immer Übertragungswege gibt, die wir nicht kennen und verstehen", sagt er. "Das haben wir längst noch nicht im Griff."

Auf dem Höhepunkt der westafrikanischen Ebola-Epidemie 2014 war MSF mit 4000 lokalen und mehreren Hundert internationalen Mitarbeitern vor Ort. Derzeit sind es noch 1700 nationale und 90 internationale Helfer.

Auch der Schwerpunkt der Arbeit hat sich verschoben. Da zurzeit weitaus weniger Ebola-Patienten zu behandeln sind als im vergangenen Jahr, hat sich MSF stärker auf die Ausbildung und Schulung von Personal, die Aufklärung der Bevölkerung sowie das Auffinden und Nachverfolgen von Kontaktpersonen verlegt.

Gerade Letzteres sei eine lebenswichtige Aufgabe, betont Gertler. "Von dem 17-jährigen Patienten in Liberia, der Ende Juni an Ebola gestorben ist und zwei Angehörige infiziert hat, wissen wir, dass er weder in Sierra Leone noch in Guinea gewesen ist. Folglich muss er sich in seiner Heimat angesteckt haben."

Die WHO hatte Liberia am 9. Mai dieses Jahres für ebolafrei erklärt, nachdem 42 Tage lang keine Neu-Erkrankungen im Land registriert worden sind. "Die 42-Tage-Regelung ist eine epidemiologische Festlegung mit Blick auf kleinere Ausbrüche von früher", sagt Gertler.

"Aber ob sie bei Infektionszahlen von annähernd 30.000 Personen geeignet ist, wissen wir nicht."

Bekannt sei beispielsweise, dass Männer über ihre Samenflüssigkeit auch noch nach Monaten Ebola übertragen können.

Das komme zwar sehr selten vor. "Aber bei Zehntausenden von Infektionen ist es durchaus möglich, dass sich die eigentlich seltenen Fälle häufen."

Effektive Maßnahmen benötigt

Gertler, der vor seiner aktuellen Tätigkeit als Infektionsforscher am Berliner Robert Koch Institut (RKI) gearbeitet hat, glaubt nicht, dass die Weltgemeinschaft schon ausreichend Lehren aus dem Ebola-Ausbruch in Westafrika gezogen hat.

"Noch gibt es von Seiten der WHO nur Bekenntnisse, dabei brauchen wir dringend effektive Maßnahmen." Die Geberländer müssten die WHO so ausstatten, dass sie auf einen Ausbruch unmittelbar und wirksam reagieren kann - mit Geld, Personal und Know-how.

Aber auch die Staatengemeinschaft selbst müsse sich besser auf solche Szenarien vorbereiten. "Ursache der Katastrophe war ja nicht ein Mangel an technischen Mitteln, sondern ein politisches Versagen.

Monatelang wollte man nicht wahrhaben, was da passiert, und ist erst eingeschritten, als man realisiert hat, dass die Seuche keine Grenzen kennt und insofern auch Europa und Amerika gefährdet."

Gertler mahnt vor allem den politischen Willen an, zu Beginn einer Krise effektive Maßnahmen nicht nur zu planen, sondern auch durchzusetzen.

Darüber hinaus fordert er, die Gesundheitssysteme der ärmsten Länder nachhaltig zu stärken, damit ein Seuchenausbruch nicht in kurzer Zeit ein ganzes Land kollabieren lasse.

Eine positive Seite kann Gertler dem Ausbruch jedoch abgewinnen: "Nach den Ereignissen des vergangenen Jahres verfügt die Welt über so viel Ebola-Erfahrung wie noch nie." Jetzt gelte es, diese strukturell umzusetzen.

Auch im Hinblick auf einen Impfstoff seien "Riesen-Fortschritte" erzielt worden. "Die Ansätze müssen rasch weiterentwickelt werden", fordert der Arzt. "Noch haben wir kein Produkt in der Hand, um einen neuen Ausbruch zu bekämpfen."

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