Ärzte Zeitung online, 23.05.2011

Experten ratlos: Schon hunderte EHEC-Fälle

Ärzte und Infektiologen sind noch immer ratlos: Seit Tagen werden neue Infektionen mit dem gefährlichen EHEC-Keim bekannt, die Rede ist von hunderten Betroffenen. Experten vermuten, dass noch weitere Fälle hinzukommen. Die Suche nach der Quelle läuft auch Hochtouren.

Experten ratlos: Schon hunderte EHEC-Fälle

EHEC-Kultur am Hamburger Instituts für Hygiene und Umwelt: Der Keim sorgt für Aufregung in der Republik.

© dpa

Update vom 24.05.: Deutschland im "EHEC-Fieber" - erste Todesfälle

NEU-ISENBURG (nös). Ein Keim geht um in Deutschland. Es ist die äußerst unangenehme Schwester des allseits bekannten Escherichia coli - sie nennt sich EHEC, enterohämorrhagische Escherichia coli. Und sie hält die Republik in Atem.

Seit dem vergangenen Wochenende sorgt sie in der Republik für Aufregung. Vermutlich einige hundert Menschen haben sich infiziert, bei manchen ist der Verdacht noch nicht bestätigt.

Viele liegen derweile allerdings mit Komplikationen im Krankenhaus. Ihnen hat EHEC gravierende Nierenprobleme bereitet, manche liegen gar im Koma. Experten suchen indes fieberhaft nach der Quelle des Ausbruchs.

Ausbruch schätzungsweise Mitte Mai

Begonnen hat die Welle von EHEC-Infektionen schätzungsweise um den 10. Mai. Erste Berichte kamen aus dem Norden der Republik. Zehn Tage später wandten sich die Behörden an die Öffentlichkeit.

Man sei über ein "vermehrtes Auftreten von bakteriell bedingten blutigen Durchfallerkrankungen" durch EHEC informiert worden, ließ das Gesundheitsministerium in Schleswig-Holstein am Freitag verlauten.

Bis zum Sonntag spitzten sich dann die Meldungen zu. Am Montag wurden immer wieder neue Zahlen von Neuerkrankungen gemeldet. Die Rede ist von bereits mehr als 300 Erkrankten.

Allein in Hamburg sind nach offiziellen Angaben von Montagmittag 40 Menschen erkrankt. Sie werden in Krankenhäusern behandelt, die meisten im Uniklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE). 32 Patienten seien weiblich, im Alter von neun bis 81 Jahre. Die Lage sei weiter ernst, der Gesundheitszustand einiger Patienten kritisch, so ein Behördensprecher aus der Hansestadt.

Die Asklepios-Kliniken in der Hansestadt sprachen am Montagabend von rund 50 bestätigten Fällen. Den Unterschied erklärte die Klinikführung mit der sich stündlich ändernden Datenlage: "Die Asklepios-Statistik ist zum jetzigen Stand die aktuellere Zahl."

Problematisch sei auch die mit rund 36 Stunden langwierige Labordiagnostik. Deshalb gebe es zwar viele Verdachtsfälle aber noch kein verlässliches Bild.

Dutzende Kranke auch im zweitgrößten Flächenland

In Niedersachsen sind nach Angaben des Gesundheitsministeriums von Montag 67 Menschen mit EHEC infiziert. Zehn von ihnen sollen schwer erkrankt sein. "Bei einigen besteht Lebensgefahr", sagte der Präsident des Landesgesundheitsamtes, Dr. Matthias Pulz. Er geht von verunreinigten Lebensmitteln aus: "Das Lebensmittel muss sich irgendwo im Handel befinden", sagte er.

Über das Wochenende hatte sich die Zahl der Betroffenen in dem Bundesland zunächst verdoppelt. Ministeriumssprecher Thomas Spieker nannte die Fälle eine "beunruhigende Häufung in kurzer Zeit".

Auch an der Medizinischen Hochschule in Hannover ist die EHEC-Welle nicht vorbeigegangen. Seit Freitag sei die Zahl der Betroffenen von vier auf zehn gestiegen, sagte Privatdozent Jan Kielstein, Oberarzt in der Nephrologie. "Wir gehen von weiteren Fällen aus."

Vor allem Großstädte sind betroffen

53 Menschen sind nach Angaben von Montag im Land Bremen erkrankt, zehn in Bremen und 43 in Bremerhaven. Bei den meisten handelt es sich bislang aber nur um Verdachtsfälle. Lediglich bei zweien sei EHEC bestätigt worden, teilte die Gesundheitsbehörde mit. Bei neun Patienten gebe es einen "schweren Verlauf".

Ein ähnliches Bild bietet sich in Schleswig-Holstein. Dort sind nach jüngsten Angaben 90 EHEC-Verdachtsfälle aufgetreten, 13 Erkrankte hätten ein hämolytisch-urämisches Syndrom entwickelt. Allein in Lübeck werden rund 20 Verdachtsfälle behandelt.

Das Gesundheitsministerium nannte die Ausbreitung "alarmierend". Die Situation sei "Ernst zu nehmen", da der Anteil schwerer Krankheitsverläufe "ungewöhnlich hoch ist".

Mecklenburg-Vorpommern meldet drei bestätigte und fünf weitere Verdachtsfälle, teils mit schweren Krankheitsverläufen. Sieben Patienten würden stationär behandelt, fünf davon an der Uniklinik Rostock in Behandlung, teilte das Landesamt für Gesundheit und Soziales mit.

Auch Fälle in Hessen und NRW gemeldet

In Nordrhein-Westfalen gab es bis Montagabend vier Verdachtsfälle. Bei einem Erwachsenen wurde der Erreger bereits nachgewiesen.

Mindestens drei Menschen sollen im Saarland erkrankt sein. Ein weiterer Verdachtsfall werde derzeit geprüft, teilte das Gesundheitsministerium am Montag mit. Zwei der Patienten befinden sich momentan auf der Intensivstation.

In Hessen ist die Lage unübersichtlicher. Das Gesundheitsministerium sprach am Montag von 25 Verdachtsfällen, darunter Frankfurt am Main, Darmstadt, Gießen und Offenbach.

Das Frankfurter Gesundheitsamt sprach zur gleichen Zeit allerdings von "wahrscheinlich über 60 Personen" alleine in Frankfurt. Zehn hätten bislang ein hämolytisch-urämischen Syndrom entwickelt. Fünf von ihnen sind intensivpflichtig, zwei liegen nach Angaben des Uniklinikums im künstlichen Koma.

War eine Kantine in Frankfurt schuld?

In Hessen verdichten sich zudem die Hinweise, wonach die meisten Betroffenen um den 10. Mai erkrankt sind. Viele von ihnen sind Angestellte bei der Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers (PwC).

In der Nähe hat das Gesundheitsamt am Montag vorsorglich zwei Kantinen geschlossen. Man wolle sichergehen, dass nicht etwa Küchenmitarbeiter den Keim übertragen haben, hieß es seitens der Behörde. In Anbetracht der bundesweiten Fällen sei es allerdings eher denkbar, dass ein Händler kontaminierte Lebensmittel geliefert hat.

Ursache unklar - RKI arbeitet "mit Hochdruck"

Angesichts der ungewöhnlich hohen Erkrankungszahlen geben sich Experten in der Republik weitgehend ratlos. Der Chef der Infektionsepidemiologe am Robert Koch-Institut (RKI), Privatdozent Gérard Krause, sagte am Sonntag: "Wir haben eindeutig eine ungewöhnliche Situation." Und: "Der Ausbruch ist noch nicht vorbei."

Im Hessischen Rundfunk legte er mit Blick auf die Fälle in Frankfurt und Darmstadt nach: Hier gebe es mehrere Infektionsfälle und "sehr, sehr viele" Verdachtsfälle.

Am Samstag kamen Experten des RKI und aus norddeutschen Gesundheitsbehörden zu einer Krisensitzung in Hamburg zusammen.

Rätselraten bereitet den Infektiologen vor allem die Quelle des jüngsten EHEC-Ausbruchs. Denkbar sind laut RKI-Mann Krause vor allem rohes Obst und Gemüse. Fleisch und Rohmilch schieden nach den bisherigen Erkenntnissen als Infektionsquelle aus.

"Zur Ursache gibt es nichts neues", sagte RKI-Sprecherin Susanne Glasmacher am Montag der "Ärzte Zeitung". Hinweise auf Rohmilch oder Rohfleisch als Infektionsquelle gebe es aber nicht. Erste Befragungen von Erkrankten hätten das ausgeschlossen, so Glasmacher.

"Auch andere Lebensmittel sind denkbar"

Im Blick stünden nun Gemüse, Obst und Salat. "Es können aber auch andere Lebensmittel im Spiel sein." Das RKI arbeite unter Hochdruck an der Aufklärung.

Typisches Reservoir für EHEC sind Wiederkäuer, vor allem Kühe. Über den Kontakt mit ihrem Kot oder damit kontaminierte Lebensmittel können sich Menschen infizieren. Auch von Mensch zu Mensch oder über verunreinigte Badegewässer werden die Keime übertragen.

Zu den aktuellen Erkrankungszahlen konnte Glasmacher am Montag zunächst keine neuen Angaben machen. "Die Informationen vom Wochenende werden gerade gesichtet und zusammengetragen."

Die Zahlen vom Sonntag, wonach mehr als 40 Menschen erkrankt sind, müssten als veraltet gelten. Glasmacher: "Wir sprechen von einem ungewöhnlich großen Ausbruch."

Auch die Altersgruppe bezeichnete sie als ungewöhnlich. Infiziert sind derzeit vor allem erwachsene Frauen. "Klassisch betroffen sind Schulkinder, die auf dem Bauernhof leben."

Ausbrüche von EHEC in der Bundesrepublik sind nicht neu, allerdings haben sie eher Seltenheitswert. Jährlich erkranken rund 1000 Menschen, in den Jahren 2008 und 2009 wurden jeweils rund 830 Infektionen gezählt, die bundesweite Inzidenz liegt bei 1:100.000. Den jahreszeitlichen Höhepunkt bilden die Sommermonate.

Hauptsächlich betroffen sind Kinder im Alter bis neun Jahren. Im Jahr 2009 machten allein die unter Fünfjährigen 44 Prozent der Erkrankungsfälle aus.

Akutes Nierenversorgen als HUS-Symptom

Das Besondere an enterohämorragischen E.-coli-Stämmen sind neben der Adhärenz an intestinalen Epithelzellen vor allem die Shigatoxine, auch Verotoxine genannt. Sie werden über die Gene stx1 und stx2 codiert und sind für den hämolytischen Verlauf einer EHEC-Infektion maßgeblich.

Während der Inkubationszeit von drei bis vier Tagen siedeln die Keime vor allem im Kolon an. In schätzungsweise 90 Prozent der Fälle entwickelt sich das typische Syndrom, geprägt von zunächst wässriger Diarrhö, starken abdominellen Schmerzen, Übelkeit und Erbrechen. Fieber ist meist nicht mit im Spiel.

Üblicherweise beherrscht ein gesunder Körper die Infektion, so dass in vier bis zehn Tagen eine vollständige Remission eintritt. In zehn bis 20 Prozent der Fälle entwickelt sich jedoch eine hämorrhagische Kolitis. Sie ist geprägt von blutigem Stuhl und krampfartigen Schmerzen im Abdomen.

Bei rund der Hälfte der Erkrankten verschlimmern sich die Symptome in den darauf folgenden Tagen - dem hämolytisch-urämischen Syndrom (HUS). Die Letalität liegt bei etwa zwei Prozent.

Das Problem: Rote Blutkörperchen fungieren in dieser Akutphase als Träger des Shigatoxins. Erreichen sie etwa die renalen Gefäße, werden dort die Endothelzellen zerstört. Die Toxine binden an spezielle Zellwandrezeptoren und blockieren die Proteinsynthese. Die Folge ist die schnelle Apoptose.

EHEC besitzen zudem die Fähigkeit eigene Proteine in die Zielzelle zu "injizieren", darunter auch zelltoxische Proteine oder Intimin. Diese Protein verleiht EHEC die gute Haftbarkeit am Epithel.

In der Folge der Erkrankung - es reicht schon eine Infektionsdosis von weniger als 100 Keimen - kommt es schließlich zur Hämolyse, mit der Folge von Nierenfunktionsstörungen bis hin zum Nierenversagen.

Kennzeichnend für diese Phase der Erkrankung sind außerdem Fieber, eine hämolytische Anämie und Thrombozytopenie (Klinik: ≤ 150.000 Zellen/mm3).

Therapeutisch stehen vor allem supportive Maßnahmen zur Symptombegrenzung im Vordergrund. Mittels Apherese wird das Blut der Patienten von den Pathogenen und Toxinen gereinigt.

Bei fortgeschrittener Nierenfunktionsstörung ist die Dialyse erforderlich. Von Antibiotika rät die einschlägige Literatur ab, da durch die Bakterienlyse vermehrt Shigatoxine freigesetzt werden können.

Nur wenige HUS-Fälle in der Republik

Die Inzidenz für das HUS liegt bei unter 0,1 je 100.000 Einwohner. Im Jahr 2009 wurden 66 Fälle gemeldet, zwei starben. Für 2010 hat der Robert Koch-Institut 65 erfasst. 71 Prozent aller Fälle im Jahr 2009 waren Kinder unter fünf Jahren.

Zu einem besonderen HUS-Ausbruch kam es zwischen Oktober und Dezember 2002. Damals stiegen die Erkrankungszahlen, was für die Jahreszeit unüblich ist. Betroffen war der süddeutsche Raum (Epid Bull 2003; 22: 171-175).

Insgesamt 48 Patienten erkrankten damals, bei 27 von ihnen wurde die Sorbitol-fermentierende (Sf) Variante des EHEC-Serovars O157:H- nachgewiesen. Erkrankt waren vor allem Kinder, der Altersmedian lag bei 32 Monaten. Sechs Erkrankte starben.

Zunächst gingen die Behörden von der sogenannten Apfelhypothese aus: Viele der betroffenen Familien gaben an, Apfelsaft von einem Bauernhof bzw. einer kleineren Mosterei getrunken zu haben.

Die Hypothese hielt allerdings nicht stand, vor allem die große räumliche Distanz ließ sie für die Forscher unplausibel erscheinen. Auch andere gemeinsame Infektionsquellen oder -orte könnten die Forscher nicht ausmachen.

Lesen Sie dazu auch den Hintergrund:
E. coli - nicht nur ein harmloser Schmarotzer

Lesen Sie dazu auch:
Merkblatt zu hämorrhagischen E. coli-Bakterien
Wenn Darmbakterien surfen gehen

[24.05.2011, 11:42:16]
Dr. Joachim Malinowski 
Obst, Gemüse als Überträger? Frage an den Experten:
Bei dem o.g. vermutetem Übertragungsweg und der begonnenen Erdbeersaison liegt doch der Verdacht nahe, dass die meist roh verzehrten und wenig waschbaren weichen Früchte eine mögliche Ursache sein könnten. Vor allem, wenn diese evtl. vor kurzem noch mit Fäkalien gedüngt wurden, was sowieso verboten ist.
Ist das und ähnliches schon gecheckt worden?

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