Ärzte Zeitung online, 25.05.2011

EHEC-Welle spitzt sich zu - Warnung vor Gemüse

EHEC hat die Republik weiter im Griff: Immer mehr Fälle werden gemeldet, Ärzte rechnen mit weiteren Toten. Deutschlands oberste Seuchenschützer greifen jetzt zur Keule und warnen die Bürger vor Salat, Gurken und Tomaten. Erste Verschwörungstheorien machen die Runde. Der Erreger aber bekommt langsam ein Gesicht.

EHEC-Fälle nehmen kein Ende

EHEC-Abstrich am UKE in Hamburg: Immer mehr Fälle, immer mehr Laboranalysen.

© dpa

NEU-ISENBURG/BERLIN (nös/sun). Auch am dritten Tag in Folge wächst die Zahl der Menschen, die mit dem enterohämorrhagischen Escherichia coli (EHEC) infiziert sind.

In der gesamten Republik sind bislang mehr als 600 Verdachtsfälle registriert, bei manchen steht er endgültige Labornachweis noch aus. Die Welle hat zudem fast die gesamte Republik erfasst, Meldungen kommen aus 15 Bundesländern.

Norddeutschland ist jedoch nach wie vor der Krisenherd der Infektionen. Allein in Schleswig-Holstein und Hamburg wurden am Mittwoch über 400 Verdachtsfälle bekannt. Dort waren die ersten Infektionen aufgetreten.

Was aber noch bedrohlicher ist: Die Zahl derjenigen, die an der schwerwiegenden Komplikation, dem hämolytisch-urämischen Syndrom (HUS), erkrankt sind, ist extrem hoch. Sie ist in den letzten zwei Wochen auf über das Doppelte des üblichen Jahresschnitts gestiegen.

Das Robert Koch-Institut (RKI) in Berlin sprach am Mittwoch von rund 140 HUS-Fällen, die bis Dienstagabend bekannt geworden seien. Tags zuvor war noch von 80 Fällen die Rede. Die Fallzahlen ändern sich stündlich.

Der Präsident des RKI, Professor Reinhard Burger, sagte Mittwochabend, Deutschland erlebe den stärksten je registrierten Ausbruch von EHEC. Es gebe so viele Erkrankte pro Woche wie sonst im Jahr.

Warnung vor Salat, Gurken und Tomaten

So verwundert denn auch nicht die bemerkenswerte Warnung, die das RKI und das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) am Mittwochabend ausgaben: Verbraucher sollten bis auf weiteres Tomaten, Salatgurken und Blattsalate nicht roh essen. Besonders gelte diese Warnung für Menschen in Norddeutschland.

RKI-Experten hatten zuvor gemeinsam mit Kollegen aus Hamburg herausgefunden, dass die Erkrankten in der Hansestadt deutlich häufiger rohe Tomaten, Gurken und Blattsalate gegessen hatten.

Die Wissenschaftler hatten nach den Ausbrüchen bereits am vergangenen Freitag angefangen, die Erkrankten nach ihren Essgewohnheiten zu befragen. In die bisherige Auswertung sind die Antworten von 25 kranken und als Vergleichsgruppe 96 gesunden Menschen eingeflossen.

Studie ein "wichtiger Schritt"

Bei der jetzigen Studie handelt es sich allerdings nur um eine epidemiologische und lokale Momentaufnahme. Sie hat nur bedingt Aussagekraft auch für andere Orte, sagt selbst das RKI. Auch wurde bislang kein kausaler Zusammenhang nachgewiesen.

Bundesverbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU) nannte die Warnung am Abend dennoch einen "wichtigen ersten Schritt". Verbrauchen könnten so das Infektionsrisiko verringern.

"Die Studie aus Hamburg ist ein sehr wichtiger Schritt", sagte auch RKI-Sprecherin Susanne Glasmacher am Mittwochabend der "Ärzte Zeitung".

Sie räumte ein, dass die jetzt vorliegende Studie sehr schnell durchgeführt wurde. "Wir haben noch Antworten von weiteren Patienten, die jetzt ausgewertet werden."

Wichtig seien nun Ergebnisse aus anderen Bundesländern. Sobald diese vorlägen, habe man ein besseres Bild von der Lage. Klar sei aber schon jetzt, so Glasmacher, "dass die Quelle in Norddeutschland liegt".

Kamen die EHEC-Keime über Salatbars?

Die ist bislang allerdings immer noch nicht gefunden. Weiterhin sind vor allem Hypothesen im Raum. Die Rede ist beispielsweise von Gülle auf Gemüsefeldern. Landwirte haben sich bereits beeilt, diesen Verdacht aus der Welt zu räumen. Auch über verseuchtes Trinkwasser wird spekuliert.

Die ärztliche Leiterin des Labors an den Hamburger Asklepios-Kliniken, Dr. Susanne Huggett, brachte am Mittwoch eine neue Theorie ins Spiel. "Im Moment sieht es so aus, als wenn Salatbars, also vorbereitet Salatteile, eine Rolle spielen", sagte sie im "ARD-Morgenmagazin".

Die Untersuchungen seien aber noch nicht abgeschlossen. Das Großlabor überprüft seit den ersten Verdachtsfällen etliche Proben auf EHEC-Toxine.

EHEC absichtlich ausgebracht?

Nach Verschwörungstheorie klingt hingegen das Worst-case-Szenario des Mikrobiologen Professor Alexander Kekulé. "Der Fall zeigt, dass Infektionserreger und Lebensmitteltransporte schneller sind als die Gesundheitsbehörden", schrieb der Experte aus Halle in einem Gastbeitrag für den "Tagesspiegel".

Bislang sei nicht einmal geklärt worden, ob alle Erkrankungen durch ein und denselben EHEC-Stamm verursacht worden. Und Kekulé folgert: "Bis dahin kann auch der sehr unwahrscheinliche, aber theoretisch denkbare Worst-case nicht ausgeschlossen werden, dass die Bakterien absichtlich ausgebracht wurden."

RKI-Sprecherin Glasmacher wies dies am Mittwochabend als reine Spekulation zurück. Die Experten im Institut hätten dazu keinerlei Hinweise.

Experten zeigten sich am Mittwochmittag dennoch zuversichtlich, die Ursache bald ermittelt zu haben. Man sei sehr dicht dran, hieß es zunächst.

Am Donnerstag sollen dem Vernehmen nach in Hamburg, das zur Region mit den meisten Infektionen zählt, neue Ergebnisse bekanntgegeben werden - welche, war zunächst unklar.

Experten vermuten einen seltene EHEC-Typ

Das Bild des Erregers wird allerdings langsam schärfer. Das Problem bei EHEC: Es gibt verschiedene Typen, die Serovare. Sie werden über die Oberflächenantigene unterschieden. Häufige Typen sind O26, 103, O91 und O157 - letztere ist besonders oft mit HUS assoziiert.

Doch bei den jetzigen Fällen könnte es sich nach ersten Analysen um EHEC-Erreger mit einer seltenen Serogruppe handeln. Bei ersten Untersuchungen des Nationalen Referenzlabors im sachsen-anhaltinischen Wernigerode wurden nach Informationen des "Tagesspiegels" EHEC-Erreger vom Typ O104 gefunden.

Der RKI-Arbeitsgruppenleiter für gastrointestinale Infektionen und Zoonosen, Professor Klaus Stark, zeigte sich zuversichtlich: "Im Moment deutet alles daraufhin, dass ein E.-coli O104 Ursache der Infektionen ist."

Stark: "Dieser Erreger ist äußerst selten." In der eigenen EHEC-Sammlung im Institut mit rund 600 Isolaten aus 20 Jahren tauche O104 nur zweimal auf.

Ärzte befürchten weitere Tote

In Hamburg sorgen sich Ärzte unterdessen um das Wohl der betroffenen Patienten. Am Uniklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) befürchtet man, dass weitere Infizierte sterben könnten.

Der Nephrologe Professor Rolf Stahl von der UKE-Poliklinik für Nephrologie sagte am Mittwoch: "Wir müssen damit rechnen, Patienten zu verlieren." An der Klinik würden einige schwer erkrankte Patienten behandelt.

Der ärztliche Direktor, Professor Jörg Debatin, bezeichnete dies als "die größte Herausforderung seit mehreren Jahren".

Nach Angaben des UKE steigt die Zahl der alleine dort behandelten Patienten weiter. In einer eigens eingerichteten Notfallambulanz seien am Dienstag 50 weitere Verdachtsfälle aufgenommen worden. Bei fast allen sei der Verdacht bestätigt worden.

Derzeit werden am UKE 33 Erwachsene und 14 Kinder mit einem HUS behandelt. Neun von ihnen seien intensivpflichtig, 20 befänden sich in der Plasma-Separationsphase, sieben benötigten eine Dialyse.

Dem Robert Koch-Institut sind bislang zwei bestätigte Todesfälle offiziell gemeldet. RKI-Sprecher Glasmacher: "Das kann morgen früh schon ganz anders aussehen." Weitere Meldungen gebe es ohnehin über die lokalen Medien.

Am Mittwoch war eine 89-jährige Patientin im schleswig-holsteinischen Oldenburg an den Folgen der Infektion gestorben. Bei zwei weiteren gestorbenen Frauen bestehe zudem der Verdacht auf EHEC als Todesursache, teilte das Gesundheitsministerium Kiel mit.

Bei einer über 80 Jahre alten Frau, die im schleswig-holsteinischen Kreis Stormarn verstorben war, hat sich der Verdacht indes nicht erhärtet. Sie hatte zwar EHEC im Blut, die Infektion sei aber nicht Todesursache.

Bahr: Kein Krisenstab

Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) sprach am Mittag von einer "bedrohlichen Situation". Er stehe in engem Kontakt mit dem RKI. Das Institut unterstütze die Bundesländer mit Hochdruck bei der Ursachensuche.

Bahr: "Ich bin optimistisch, dass das RKI die Ursache bald finden wird und die entsprechenden Maßnahmen veranlassen wird."

Nach Bahrs Worten sind derzeit 15 Mitarbeiter der Instituts in Hamburg im Einsatz. Dort waren vergangene Woche die ersten Fälle bekannt geworden.

Forderungen nach einem speziellen Krisenstab wies der Gesundheitsminister allerdings zurück. Dafür gebe es keinen Anlass, die bestehenden Mechanismen seien völlig ausreichend.

Parlamentarier stellen Fragen

Während die Experten in Kliniken, Labors und Ämtern fieberhaft auf der Suche der Quelle sind, nahm Mittwochmorgen der Gesundheitsausschuss im Bundestag die EHEC-Welle auf die Tagesordnung.

RKI-Chef Professor Reinhard Burger äußerte am Rande der Veranstaltung die Erwartung aus, dass die Fälle abflauen werde. "An sich muss das jetzt abfallen, das kann nicht weitergehen."

Zurückhalten äußerte er sich zu den Spekulationen über eine mögliche Quelle für die Infektionen. Möglicherweise werde man nie eine eindeutige Ursache finden können, sagte Burger.

[28.05.2011, 16:33:30]
Stefanie Körner 
Studie zu Nahrungsgewohnheiten
In der Studie des RKI wurden die Speisen von 25 Erkrankten und 96 Gesunden Menschen analysiert.
Nun hatten 2/3 der Erkrankten, aber nur 1/3 der Gesunden Salat, Tomaten, Gurken verzehrt.
Was bitte sagt mir das??
Das wären bei den Erkrankten etwa 16 Salatesser und bei den Nichterkrankten 32 Salatesser...
Hier könnte man doch auch leicht die Studie in Umkehrschluss stellen.
Ich nehme von den 32 gesunden Salatessern 25 Personen um zwei gleich große Vergleichsgruppen zu erhalten. Und welch eine Sensation, schon bietet mir Salatessen einen 100%igen Schutz vor EHEC-Infektion.


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[26.05.2011, 10:36:23]
Maren Reed 
Frage an die Fachleute:
Ich frage mich bzgl. der Aussagen allerdings, ob es denn bei uns (zumindest in Norddeutschland) zzt. tatsächlich schon so viel "mit Gülle gedüngte" Freilandware gibt - oder ob nicht der größte Teil noch aus Treibhäusern kommt - oder aus dem Ausland.

Die Bauernverbände sgen, mit Gülle würde gar kein Gemüse oder keine Gemüsefelder gedüngt. Berichte von Anwohnern sagen etwas anderes. Und in Treibhäusern wird es wohl eher sowieso nicht verwendet. Wie käme es dann ggf. dort hin? Über das Wasser?

Und wenn die gesunden "Studienteilnehmer" so Kandidaten waren wie einige Personen, die ich kenne - die essen sowieso selten Salat, Tomaten und Gurken. Ob die dann repräsentativ waren?

Ich wäre die Suche ganz anders angegangen: Wenn O + G in Verdacht stand, hätte ich die Betroffenen gefragt, "WO kaufen sie ihre Ware ein". Daraus hätte sich dann bestimmt ein Muster herauskristallisiert - z.B. "diese oder jene Supermarktkette". Dann hätte ich die gefragt, woher sie ihre Ware beziehen - und woher die Lieferanten die Ware beziehen. Ggf. noch den Hamburger Großmarkt als Hauptumschlagquelle für Obst und Gemüse mit einbezogen.

Dann wäre man der Ursache auf der Spur. So "verurteilt" man pauschal die Frucht - und nicht den Bauern. Ob das wirklich weiterhilft?
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