Ärzte Zeitung online, 27.05.2011

EHEC-Gurken - Spanien wehrt sich

Hunderte EHEC-Fälle sind bekannt und es werden mehr, auch das Ausland ist betroffen. Forschern ist am Donnerstag ein Durchbruch gelungen: Sie haben den Erregertyp ermittelt - und eine Quelle ausgemacht: Salatgurken aus Spanien. Das Land wehrt sich heftig: In keinem anderen Abnehmerland habe es EHEC-Fälle gegeben.

EHEC kam aus der Salatgurke

Gurken aus Spanien: Sind sie die Ursache für die EHEC-Fälle - zumindest in Hamburg?

© dpa

NEU-ISENBURG (nös). Seit Tagen suchen Forscher nach der Quelle des Ausbruchs von enterohämorrhagischen Escherichia coli (EHEC) in Deutschland. Nun haben sie in wenigen Stunden gleich zwei wichtige Dinge herausgefunden: Sie kennen jetzt den Erregertyp und die Ursache - die liegt offenbar in Spanien.

"Wir haben die Quelle gefunden", sagte Hamburgs Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks (SPD) am Donnerstagmittag. Im Visier: Gurken aus Spanien. Eine Eilmeldung sei bereits an alle Gesundheitsämter in der Republik gegangen.

Das saarländische Gesundheitsministerium stoppte am Donnerstagnachmittag den Verkauf von Salatgurken mit Herkunft aus Spanien. Die Großhändler hätten die Ware bereits aus dem Handel genommen, teilte das Ministerium mit. Lebensmittelkontrolleure sollen ab Freitag den Einzelhandel kontrollieren.

Am Mittwochabend wurde noch vor dem Verzehr von Tomaten und Blattsalaten gewarnt. "Unsere Untersuchungen von Salat und Tomaten haben bislang nichts ergeben", sagte Prüfer-Storcks auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit dem Hamburger Hygiene-Institut.

Und weiter: "Die Quelle des Erregers ist eindeutig Spanien." Bislang seien zwei Erzeuger identifiziert. Belastete Gurken seien auf dem Großmarkt in Hamburg sichergestellt worden. Bundesweit würden Gurken dieser Händler aus dem Verkehr gezogen.

Auch andere Lebensmittel könnten kontaminiert sein

Die Gesundheitssenatorin räumte allerdings auch ein, dass die Funde in Hamburg nur bedingt Aussagewert für andere Orte haben. Schließlich seien Proben nur in der Hansestadt genommen worden. "Es ist nicht auszuschließen, dass auch andere Lebensmittel als Infektionsquelle in Frage kommen."

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) bleibt dennoch bei der Warnung für Blattsalat und Tomaten. Wer sicher gehen wolle, sollte in ganz Deutschland auf den Verzehr verzichten, sagte ein BfR-Sprecher. Solange die Fallzahlen stiegen, bleibe die Lage unverändert. Das Bundesumweltamt prüft außerdem, ob die EHEC-Keime durch Abwässer möglicherweise das Trinkwasser belasten könnten.

Untersuchungen in Spanien

Spanien reagierte am Donnerstag verhalten auf die Berichte über kontaminierte Salatgurken. Zunächst hieß es von offizieller Seite: "Wir wissen nicht was los ist." Am Abend leitete das Gesundheitsministerium in Madrid eine Untersuchung ein. Zwei Agrarbetriebe in Málaga und Almería stünden im Fokus. Aus ihnen soll die kontaminierte Ware gekommen sein.

Die Betriebe wehren sich vor einer Vorverurteilung und sehen sich als Sündebock hingestellt. Der Geschäftsführer eines Betriebes in Málaga verwies auf die spezielle Charge, die nach Hamburg geliefert wurde. Sie sei dort im Großmarkt auf den Boden gefallen, beschädigt und später als Ware "zweiter Klasse" verkauft worden.

Nach seinen Worten könnte vielmehr dort die Quelle der EHEC-Keime liegen. Denn: Bislang hat kein anderes Abnehmerland von spanischen Gurken EHEC-Verdachtsfälle gemeldet.

Die deutschen Lebensmittelhändler haben währenddessen reagiert und spanische Salatgurken bis auf Weiteres aus ihrem Sortiment verbannt. Bei den "Veränderungen am Sortiment" handele es sich um reine Vorsichtsmaßnahmen. Sowohl Metro als auch Edeka und Rewe, sowie die Discounter Netto und Penny haben reagiert.

Lebensmittelprüfer gehen davon aus, das Verbraucher von Salatgurken in den kommenden Tagen und Wochen bewusst die Finger lassen werden. "So wie der Teufel das Weihwasser, so wird der Verbraucher die Gurken jetzt meiden", sagte Martin Müller, Vorsitzender des Bundesverbandes der Lebensmittelkontrolleure.

Bauernpräsident Gert Sonnleitner sprach hingegen von einer "Rufschädigung". "Unsere Obst- und Gemüsebauern sind jetzt die Leidtragenden", sagte er der Freitagsausgabe der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Er bezeichnete es als dramatisch, dass Obst und Gemüse zunächst "in einem Atemzug" mit EHEC genannt wurden.

Senatorin spricht von "EHEC-Epidemie in Norddeutschland"

Prüfer-Storcks nannte den ersten Fund einer Infektionsquelle am Donnerstag dennoch einen "Durchbruch". Die Situation in Norddeutschland bezeichnete sie als "EHEC-Epidemie". Diese Einordnung fiel im Zusammenhang mit der Infektionswelle das erste Mal seitens einer Behörde.

Allein in Hamburg sind nach Zahlen der Gesundheitsbehörde vom Donnerstag 300 Menschen mit EHEC infiziert. Insgesamt 66 Menschen seien an der schweren Komplikation, dem hämolytisch-urämischen Syndrom, kurz HUS, erkrankt und würden stationär behandelt.

Die Kliniken in der Stadt gelangen laut Prüfer-Storcks langsam an ihre Kapazitätsgrenzen. Womöglich müssten bald Patienten in Häuser im Umland verlegt werden.

Bundesweit ist bislang die Rede von über 700 EHEC-Infektionen, darunter auch Verdachtsfälle. Mit Ausnahme von Rheinland-Pfalz hat jedes Bundesland Erkrankungen gemeldet. Krisenherd bleibt jedoch Norddeutschland.

Nach offiziellen Angaben gab es am Donnerstag drei bestätigte Todesfälle durch EHEC: Eine 83-Jährige in Niedersachsen, eine 89-Jährige in Schleswig-Holstein und eine 24-Jährige in Bremen. Die Zahl könnte sogar noch höher liegen, denn zwischen dem Zeitpunkt des Todes und dem des Erregernachweises vergehen oft Tage.

Ausbreitung in europäische Länder

Der EHEC-Erreger breitet sich unterdessen von Deutschland auf andere europäische Länder aus. Die EU-Kommission berichtete am Donnerstagmittag von Fällen aus Großbritannien, den Niederlanden, Dänemark und Schweden. Zahlen nannte die Behörde nicht. Die Betroffenen seien aber zuvor in Deutschland gewesen.

In Dänemark wurden bislang vier Fälle bekannt, bei denen der EHEC-Erreger bestätigt wurde. Laborproben hätten den entsprechenden Nachweis gebracht, teilte das staatliche Seruminstitut am Nachmittag in Kopenhagen mit.

Die Betroffenen seien zuvor auf Reisen in Deutschland gewesen. Die Behörde prüft zudem noch weitere Verdachtsfälle bei Patienten, die mit EHEC-Symptomen im Krankenhaus liegen.

Auch Schweden bestätigte mehrere Erkrankungsfälle durch EHEC. Einige Patienten seien schwer erkrankt, zudem prüfe man zehn Verdachtsfälle, hieß es aus der Infektionsschutzbehörde in Stockholm.

Die Betroffenen hätten sich bei Reisen nach Deutschland angesteckt. "Wir sehen die Lage als ernst an", teilte die Behörde mit und mahnte zu erhöhter Vorsicht bei Reisen in die Bundesrepublik.

Der Erreger hat jetzt ein Gesicht

Ein weiterer Durchbruch gelang unterdessen Mikrobiologen der Uniklinik Münster (UKM). Sie haben in der Nacht zum Donnerstag den speziellen EHEC-Stamm identifiziert. Sein Name: HUSEC 41.

Er ist zwar seit einigen Jahren bekannt. Doch bislang ist kein einziger dokumentierter Ausbruch von ihm bekannt - weder in der Bundesrepublik noch weltweit.

HUSEC nennen die Experten EHEC-Bakterien, die mit der schweren Komplikation, dem hämolytisch-urämischen Syndrom (HUS) assoziiert sind.

Das Team um den Chef des UKM-Hygieneinstituts, Professor Helge Karch, hat nach eigenen Angaben eine weltweit einmalige Sammlung von insgesamt 42 EHEC-Typen aufgebaut, die ein HUS auslösen können.

HUSEC 41 ist ein Coli-Bakterium mit dem Oberflächenantigen O104 und dem Geißelantigen (Flagellinantigen) H4 - der Serotyp nennt sich kurz O104:H4.

Dieser Serotyp ist bislang kaum als HUS-Erreger aufgetreten. In der EHEC-Sammlung, die das UKM gemeinsam mit der Außenstelle des Robert Koch-Instituts in Wernigerode aufgebaut hat, taucht O104:H4 nur zweimal auf. Immerhin: Die Datenbank umfasst rund 600 Proben.

Dass es sich um den seltenen Serovar handeln könnte, wurde bereits am Mittwoch bekannt. Erste Analysen des RKI-Referenzlabors für Zoonosen in Wernigerode hatten ihn in fünf Stuhlproben nachgewiesen.

Der Münsteraner EHEC-Experte Karch untermauert diese Funde nun. Er und sein Team hatten Proben von Patienten aus vier Städten der Republik untersucht. Alle Funde wiesen eine "einzigartigen Kombination von Erregereigenschaften" auf, hieß es.

Der jetzige Fund weißt nach Angaben der Mikrobiologen aus Münster einige ganz besondere Merkmale auf. So fehlt ihm ein für EHEC typische Gen, das eae. Es kodiert üblicherweise ein wichtiges Adhäsin, das Protein Intimin. Damit gelingt es den Keimen, sich leichter im Darmepithel anzuheften.

Karch: "Aber er besitzt dafür das für die Eisenaufnahme und Anheftung wichtige iha-Gen." Iha, das "Iron-regulated Gene A homologue adhesin", sorgt ebenfalls für die Haftbarkeit des Erregers. Außerdem produziert der jetzt gefundene Typ das Shigatoxin stx2. Das Gift ist entscheidend für die hämolytische Wirkung.

Außerdem zeigt der jetzige Erreger Resistenzen gegen Antibiotika, er bildet Extended-spectrum-β-Lactamasen (ESBL). Daher sind nur Carbapeneme wirksam.

Bei EHEC sind Antibiotika allerdings kontraindiziert. Das Problem ist das Shigatoxin. Werden viele Bakterien gleichzeitig antibiotisch zerstört, wird schlagartig eine erhöhte Menge des Toxins freigesetzt - mit dramatischen Folgen für die Progression.

Nun soll in Münster ein hochspezifischer Test für diesen speziellen Typ entwickelt werden. Neue Verdachtsfälle sollen dann schneller bestätigt werden können. Der Test soll bereits in wenigen Tagen zur Verfügung stehen.

Die Wissenschaftler arbeiten derzeit an der vollständigen Sequenzierung des Bakteriengenoms. Denn der jetzige Erreger könnte sich im Vergleich zu früheren HUSEC-41-Proben verändert haben.

Mit der Entzifferung des Erbguts erhoffen sich die Wissenschaftler neue Erkenntnisse über die Virulenz des Bakteriums. Dann kann vielleicht auch erklärt werden, warum bei dem jetzigen Ausbruch überwiegend jüngere Frauen betroffen sind.

[26.05.2011, 13:18:59]
Dr. Joachim Malinowski 
Wie sieht es denn in Spanien selbst aus?
Aus Spanien hört man so gar nichts von EHEC-Fällen. Essen die etwa ihre eigenen Gurken nicht? Oder gibt es für den Export "Sondergurken", wenn das alles so stimmen sollte?

Man darf gespannt sein, wie es weiter geht.

Und die Nachforschung mit Beseitigung der Ursache muss nun erst richtig anlaufen. Bis dahin kann es vernünftigerweise keine Entwarnung geben.

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