Ärzte Zeitung online, 28.05.2011

EHEC: Kliniken setzen auf neuen Antikörper

Hunderte Patienten liegen seit der EHEC-Welle mit einem hämolytisch-urämischen Syndrom in deutschen Kliniken. Viel Auswahl haben Ärzte bei der Therapie nicht. Doch nun tut sich womöglich eine neue Option auf: Ein Antikörper hat drei Kindern mit HUS das Leben gerettet. Erste Kliniken setzen den Wirkstoff jetzt ein.

EHEC: Ein Antikörper ist die Hoffnung

Notaufnahme einer Hamburger Klinik: Ärzte setzen nun den Antikörper Eculizumab gegen das HUS ein.

© dpa

HEIDELBERG/HANNOVER/HAMBURG (nös). Er könnte ein kleiner Hoffnungsschimmer sein für die Patienten, die seit der EHEC-Welle mit einem hämolytisch-urämischen Syndrom (HUS) in deutschen Kliniken liegen: der monoklonale Antikörper Eculizumab.

Denn die übliche Therapie aus Plasmapherese und Dialyse bei Nierenversagen kommt in manchen Fällen schlicht an ihre Grenzen. Bei der jetzigen EHEC-Welle sind an den Folgen des HUS bereits mindestens zehn Menschen gestorben.

Ein am Mittwoch hochrangig im "New England Journal of Medicine" publizierter Leserbrief kommt deshalb wie gerufen: Drei Kinder, die bereits im vergangenen Jahr am HUS erkrankt waren, konnten durch den Antikörper Eculizumab gerettet werden.

Ihre Situation habe sich "binnen 24 Stunden nach der ersten Infusion dramatisch verbessert", schreiben die Autoren aus Heidelberg, Paris und Montreal (NEJM 2011, online 25. Mai).

Die drei Kinder, jeweils drei Jahre alt, waren im vergangenen Jahr alle an dem Shigatoxin bildenden enterohämorrhagischen Escherichia coli (EHEC) erkrankt. Bei allen wurde eine Hämodialyse durchgeführt, zwei der kleinen Patienten wurden zudem mittels Plasmapherese behandelt.

Trotz der Therapie mittels Plasmaaustausch entwickelten beide in den folgenden fünf Tagen eine "fortschreitende Beteiligung des zentralen Nervensystems", schreiben die Autoren, darunter der Leiter der pädiatrischen Nephrologie am Heidelberger Uniklinikum, Professor Franz Schaefer.

Die Ärzte entschieden sich für den Antikörper Eculizumab. Der Grund: Bei beiden Patienten wurde eine erhöhte Serumkonzentration von C3b nachgewiesen. C3b entsteht durch die Aktivierung der C3-Konvertase im Komplementsystem. C3b wiederum aktiviert schließlich die C5-Konvertase, die im nächsten Schritt den sogenannten Membranangriffskomplex für die Lyse bildet.

Hier kommt Eculizumab ins Spiel, der eigentlich zur Therapie bei paroxysmaler nächtlichen Hämoglobinurie (PNH) zugelassen ist: Der monoklonale Antikörper bindet an C5 und unterbricht die Komplementkaskade an dieser Stelle.

Dass das von EHEC gebildete Shigatoxin 2, kurz Stx2, das Komplementsystem aktiviert, konnte bereits vor zwei Jahren gezeigt werden. "Stx2 aktiviert das Komplementsystem deutlich", berichtete damals ein Forscherteam aus Innsbruck, Münster und Manchester (J Immunol 2009; 182: 6394).

Die Forscher kamen nach zahlreichen In-vitro-Experimenten zu dem Schluss: "Die Aktivierung der Komplementkaskade durch Stx2 führt zu einer Zerstörung der Nieren und anderen Organen."

Das Team um Schaefer kannte den Beitrag und unternahm daher den Versuch mit Eculizumab. Auch das dritte Kind, dass keine Plasmapherese erhalten hatte, erhielt den Wirkstoff.

Die Ärzte verabreichten jedem Kind jeweils eine Infusion im Abstand von sieben Tagen. Bei zwei Kindern wurde die Infusion einmal und bei dem dritten dreimal wiederholt.

Schon einen Tag nach der ersten Gabe verbesserte sich der neurologische Status der Kinder "dramatisch", wie es in dem Leserbrief heißt. Die klinische Verbesserung war verbunden mit einer "schnellen Normalisierung der Krankheitsmarker": Die Thrombozytenzahlen stiegen, der LDH-Wert sank.

Die Hämodialyse konnte anschließend nach einigen Tagen beendet werden. Die Nierenfunktion war wieder weitgehend hergestellt. Bei zweien der Kinder verblieben eine "milde Proteinurie und Bluthochdruck".

Neun, 20 bzw. 35 Tage nach der ersten Eculizumab-Infusion konnten die Kinder mit einem normalen neurologischen Status entlassen werden. Die volle Remission war nach sechs Monaten erreicht.

Das Heidelberg Team um Schaefer und seine Kollegen aus Kanada und Frankreich vermuten in der Komplementkaskade deshalb einen potenziellen Therapieansatz bei HUS mit schweren Komplikationen. Schaefer: "Wir hoffen nun, dass diese Ergebnisse den akut Erkrankten zu Gute kommen."

Und das ist bereits geschehen: Kurz nach der Publikation am Mittwoch haben die Heidelberger ihre Ergebnisse an die Kollegen in der Republik weitergeleitet.

Erste Kliniken setzen Eculizumab jetzt bei schweren HUS-Fällen ein. So etwa an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Dort wird der Antikörper verwendet, wenn nach drei Plasmapheresen keine Besserung oder gar eine Verschlechterung eintritt. Bis zum Freitag wurden damit bislang zwei Patienten behandelt.

Auch am Uniklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) wird der Wirkstoff bereits verwendet. Zehn Patienten mit neurologischen Komplikationen würden bereits damit behandelt, sagte der ärztliche Direktor Professor Jörg Debatin am Sonntag.

Der UKE-Nephrologe Professor Rolf Stahl sagte: "Erst in einigen Wochen werden wir wissen, wie erfolgreich diese Therapie sein wird."

An der Uniklinik Schleswig-Holstein in Lübeck wird das Mittel laut Medienberichten seit Mitte der Woche ebenfalls eingesetzt.

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