Ärzte Zeitung online, 29.05.2011

EHEC: Erste Erfolge bei neuer HUS-Therapie

Vier Buchstaben beschäftigen die Republik: EHEC. Die Zahl Fälle steigt täglich. In Berlin treffen sich am Montag Seuchenexperten und Politiker zu einem Spitzentreffen, auch die WHO schaut besorgt auf Deutschland. Hoffnung liefert unterdessen ein neuer Antikörper. Ärzte sprechen von ersten Erfolgen.

EHEC: Erste Erfolge bei neuer HUS-Therapie

EHEC-Kolonien in Wernigerode: Kann ein neuer Antikörper bei schweren Verläufe der Infektionen helfen?

© dpa

NEU-ISENBURG (nös). Der Artikel vom Mittwoch kam wie gerufen: In einem Leserbrief, publiziert im renommierten "New England Journal of Medicine", berichteten Ärzte aus Deutschland, Frankreich und Kanada von drei Erfolgen in der Therapie des hämolytisch-urämischen Syndroms (HUS) mit dem monoklonalen Antikörper Eculizumab.

In Deutschlands Kliniken werden derzeit rund 300 Patienten behandelt, die an HUS leiden. Die Zahl könnte noch weiter steigen. Dutzende Patienten haben schwere Verläufe entwickelt und werden intensivmedizinisch behandelt, bis hin zur Beatmung.

Der Grund ist EHEC, das enterohämorrhagische Escherichia coli (EHEC). Nach Schätzungen vom Sonntag sind deutschlandweit mehr als 1200 Fälle registriert, in denen eine EHEC-Infektion bestätigt wurde oder zumindest ein Verdacht vorliegt.

Der Aufsehen erregende Leserbrief wurden deswegen auch von den Herausgebern des Journals vorgezogen und sofort publiziert. Der Antikörper, so die Hoffnung von einem der Autoren, dem Heidelberger Nephrologen Professor Franz Schaefer, könnte jetzt den Patienten mit schweren HUS-Verläufen helfen.

Und tatsächlich greifen die ersten Kliniken bereits in schweren Fällen mit neurologischen Symptomen auf Eculizumab zurück. Vor allem Unikliniken setzen ihn ein, darunter etwa Hamburg-Eppendorf, Schleswig-Holstein, Münster, Essen und Hannover.

Von übertriebenen Erwartungen wollen die Ärzte allerdings nicht reden. Ihnen fehlt schlicht die Erfahrung in dieser speziellen Therapie. Denn einerseits ist HUS eine sehr seltene Erkrankung - in Deutschland erkrankten im letzten Jahr 65 Menschen. Auf der anderen Seite ist der Antikörper für diese Therapie nicht zugelassen.

Doch nach einem Bericht des in Berlin erscheinenden "Tagesspiegel" zeichnen sich erster Erfolge in der Therapie ab. "Bei einem Patienten hat die Hämolyse eindeutig nachgelassen. Nach meinem Eindruck hat Eculizumab bei diesem Patienten geholfen", zitiert das Blatt Professor Andreas Kribben.

Kribben ist Direktor der Klinik für Nephrologie an der Uniklinik Essen. Dort wird der Antikörper dem Bericht zufolge bei zwei Patienten mit schweren HUS-Verläufen eingesetzt. Bei dem zweiten Patienten warte man noch auf das Ansprechen der Therapie, hieß es.

Auch an der Uniklinik in Münster zeigt man sich vorsichtig optimistisch. Dort werden ebenfalls zwei schwere Verläufe mit Eculizumab behandelt. "Der Zustand einer Patientin, die mit dem Antikörper behandelt wird, hat sich deutlich verbessert", sagte der Dr. Veit Busch dem "Tagesspiegel".

Die Frage sei nun, ob diese Entwicklung nur eine spontane Remission ist. "Aber im Moment sieht es eher so aus, als würden die Patienten ansprechen", sagte der Oberarzt aus der Inneren Medizin.

Die Ärzte an den Kliniken warnen denn auch vor überzogenen Hoffnungen. "Es ist einfach noch zu früh zu sagen: Wir haben hier ein Mittel", sagte Professor Ulf Panzer. Der Nephrologe ist Oberarzt am Uniklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE). Dort werden bislang zehn Patienten mit Eculizumab behandelt.

Das Problem hat auch die zuständige Fachgesellschaft, die Deutsche Gesellschaft für Nephrologie, kurz DGfN, erkannt. Sie hat mit den Nierenzentren in Hamburg und Hannover binnen weniger Tage ein Register für EHEC-Infektionen und HUS-Erkrankungen auf die Beine gestellt.

Behandelnde Ärzte können dort ihre Fälle direkt online melden. Das Ziel des Registers: "Die einmalige Gelegenheit, Behandlungsstrategien und deren Erfolg, sowie diverse andere epidemiologische und klinische Fragen bei diesem Krankheitsbild zu beantworten."

Letztlich sollen dort auch Erfahrungen im Einsatz mit Eculizumab bei HUS für eine künftige Publikation gesammelt werden. Der Antikörper ist bislang nur bei der paroxysmalen nächtlichen Hämoglobinurie zugelassen.

Und auch der Hersteller des Wirkstoffs hat unterdessen reagiert. Nach Angaben des "Tagesspiegels" hat das Unternehmen Alexion Pharma angeboten, die Infusionslösung kostenlos zur Verfügung zu stellen. Eine Flasche von Soliris® kostet rund 5500 Euro.

Die Therapie mit dem Antikörper erfordert allerdings eine engmaschige Überwachung der Patienten. Der Hersteller weist auf das erhöhte Risiko für Meningokokken-Infektionen hin. Patienten sollten deswegen vor der ersten Infusion eine entsprechende Vakzine erhalten haben. Nach Informationen der "Ärzte Zeitung" erhalten die Patienten bei den jetzigen HUS-Fällen hierzulande eine Impfung kurz vor der Infusion.

Währenddessen bleibt die Lage in der Bundesrepublik angespannt. Ärzte gehen davon aus, dass sich die EHEC-Welle weiter zuspitzen könnte. Der ärztliche Direktor des UKE, Professor Jörg Debatin, sagte am Sonntag: "Wir werden weitere Menschen verlieren."

An der Uniklinik werden rund 80 Patienten mit einem HUS behandelt, bei vielen ist der Zustand kritisch. Über 400 Menschen sind in der Hansestadt mit EHEC infiziert. Debatin: "Wir müssen uns alle darauf einstellen, dass wir auch jüngere Menschen verlieren."

Auch in Schleswig-Holstein wurden am Wochenende neue Erkrankungsfälle gemeldet. Bis zum Freitag wurden 248 EHEC-Fälle und 73 HUS-Erkrankungen gezählt. Neue Zahlen sollen am Montag vorliegen.

Das Gesundheitsministerium in Kiel deutet die jetzige Situation als "Indiz auf eine weiterhin aktive Infektionsquelle". Die Warnungen vor rohen Tomaten, Salatgurken und Blattsalaten in Norddeutschland seien weiterhin gültig.

Der Vizepräsident der Bundesärztekammer, Dr. Frank Ulrich Montgomery, sprach hingegen von einer "händelbaren Situation. "Hier geht es zwar um einen potenziell lebensgefährlichen Erreger, doch ich warne vor Panikmache", sagte Montgomery der "Passauer Neuen Presse".

Die europäische Seuchenkontrollbehörde, das European Center for Disease Prevention and Control (ECDC) in Stockholm, spricht hingegen von "einem der größten jemals beschriebenen HUS-Ausbrüche weltweit". Es müsse davon ausgegangen werden, dass die Infektionsquelle noch immer aktiv ist, heißt es in einer Schnellbewertung.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO nennt den Ausbruch "ungewöhnlich". Sie steht nach eigenen Angaben in Kontakt mit den Behörden in Deutschland.

Am Montag wollen sich beim Robert Koch-Institut in Berlin Spitzenpolitiker auf den neusten Stand in Sachen EHEC und HUS bringen lassen. Anwesend sind Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU), Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP), Ländervertreter und Experten der Behörden. Als Krisentreffen wollen sie die Runde aber nicht verstanden wissen.

EHEC/HUS-Register der DGfN: www.ehec-register.de

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