Ärzte Zeitung online, 30.05.2011

"EHEC hat eine europäische Dimension"

Die Welle an EHEC-Erkrankungen reißt nicht ab. Bislang sind fast 1500 Menschen betroffen, Ärzte zählen mindestens 14 Tote. Erste Erfolge brachte ein Antikörper, seit Montag gibt es außerdem einen Schnelltest. Experten erwarten dennoch weitere Todesfälle, Politiker sprechen von einer "europäischen Dimension".

Höhepunkt der EHEC-Welle bald erreicht?

EHEC-Keime im Labor: Ebbt die Erkrankungwelle bald ab?

© Marius Becker / dpa

NEU-ISENBURG (nös). Die Zahl der Menschen, die mit dem enterohämorrhagischen Escherichia coli (EHEC) infiziert sind, oder bei denen zumindest ein Verdacht darauf vorliegt, steigt weiter. Am Montag kletterte die Zahl nach neuestens Schätzungen auf über 1400 Fälle, weitere werden befürchtet.

Das Robert Koch-Institut RKI in Berlin hat bislang 353 offiziell bestätigte Fälle des hämolytisch-urämischen Syndroms, kurz HUS, erfasst. Zum Vergleich: Im vergangenen Jahr erkrankten gerade einmal 65 Menschen bundesweit. Krisenherd ist weiterhin Norddeutschland, Fälle gibt es in allen Bundesländern.

Die Zahl der offiziell bestätigten Todesfälle durch die schwere Komplikation HUS, eine thrombotische Mikroangiopathie, stieg am Montag auf mindestens 14, das sind vier mehr als noch am Sonntag.

In Nordrein-Westfalen starben zwei Menschen und damit die ersten Erkrankten außerhalb Norddeutschlands. Eine 91-jährige Frau im Kreis Paderborn war nach Angaben des Landkreises am Sonntag gestorben. Sie hatte sich zuvor mit EHEC infiziert, später entwickelte sie ein HUS. Den Angaben zufolge litt sie an schweren Vorerkrankungen.

Montagmittag starb im Kreis Gütersloh eine Frau im Alter zwischen 40 und 50 Jahren. Auch sie hatte nach einer EHEC-Infektion ein HUS entwickelt.

Den ersten Todesfall meldete Mecklenburg-Vorpommern am Montag. Eine 87-Jährige aus dem Landkreis Parchim verstarb nach Angaben des Landesamtes für Gesundheit an den Folgen der EHEC-Infektion gestorben. In dem Bundesland werden bislang 23 Patienten mit HUS oder einem Verdacht darauf stationär behandelt. Die Zahl der Verdachtsfälle auf eine EHEC-Infektion stieg am Montag auf 84.

Der zweite Mann, der der Erkrankung bislang erlag, starb in Schleswig-Holstein. Dort wurden in den Tagen zuvor bereits Todesfälle durch HUS gemeldet.

Nach einem Spitzengespräch von Behörden, Ländern und den Bundesministern Daniel Bahr (FDP) und Ilse Aigner (CSU) hieß es am Abend, man rechne mit einer weiteren Ausbreitung von EHEC. Auch mit neuen Todesfällen sei zu rechnen.

Gesundheitsminister sprach zeigte sich besorgt über die Situation und sprach davon, "dass leider weiter mit einer steigenden Fallzahl zu rechnen ist." RKI-Präsident Professor Reinhard Burger nannte weitere Todesopfer "wahrscheinlich". Verbraucherschutzministerin Aigner sagte: "EHEC hat längst eine europäische Dimension".

Das RKI hält unterdessen an der Empfehlung fest, vor allem in Norddeutschland Gemüse vor dem Verzehr zu erhitzen. Denn die Ursache für die Erkrankungswelle ist trotz des Fundes belasteter Gurken in der vergangenen Woche konnte noch nicht näher eingegrenzt werden.

Gemüsebauern beklagen wegen der Verunsicherung der Verbraucher zunehmend Absatzschwierigkeiten. Vor allem Spanien ist betroffen. Madrid hat deshalb bei der EU um Millionenhilfen für die Einnahmeausfälle gebeten. Auch würden derzeit Schadenersatzforderungen gegen Deutschland geprüft. Der Vorwurf: Die hiesigen Behörden hätten durch die vorschnelle Nennung spanischer Gurken als Infektionsquelle die Betreiber in dem Land an den Pranger gestellt. Hamburg hatte am Donnerstag mit EHEC belastete Salatgurken aus Spanien identifiziert. Russland hat am Montag die Einfuhr von Gemüse aus der Bundesrepublik und Spanien verboten.

In der stark von der EHEC-Welle betroffenen Stadt Hamburg zeichnet sich derweil ein Abflachen bei der Zahl der Neuerkrankungen ab. Über das Wochenende seien weniger EHEC- und HUS-Fälle neu gemeldet worden, als noch in den Tagen zuvor, sagte die Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks (SPD).

Auch der ärztliche Direktor des Uniklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE), Professor Jörg Debatin, sprach von einer "deutlich rückläufigen" Zahl der Neuerkrankungen. Laut RKI-Präsident Burger sind dies bislang allerdings nur Einzelmeldungen: Solange es kein nennenswertes Absinken gebe, könne man nicht davon ausgehen, dass die Infektionswelle gestoppt sei.

Bis Montag wurden allein in Hamburg 488 EHEC-Fälle bzw. Verdachtsfälle gemeldet. 94 Patienten werden stationär wegen eines HUS behandelt - drei mehr im Vergleich zu Samstag.

Im München wurden hingegen neue Fälle von Patienten gemeldet, die an HUS erkrankt sind. Bei dreien sei die Erkrankung am Montag nachgewiesen worden, teilte das Gesundheitsreferat mit. Damit sind in der Landeshauptstadt bislang fünf Menschen erkrankt.

Auch im Ausland steigen die Fallzahlen offenbar weiter, wenn auch nicht auf dem hohen Niveau wie hierzulande. In Schweden wurden nach Angaben der EU-Kommission bislang 30 EHEC-Fälle nachgewiesen, 13 würden wegen einem HUS behandelt.

Weitere Fälle gibt es in Großbritannien, Österreich und Dänemark. Auch in Frankreich werden derzeit drei Verdachtsfälle geprüft. Die meisten Erkrankten waren offenbar kurz zuvor in Norddeutschland zu Besuch. Drei US-Bürger sollen sich bei einer Reise in der Region ebenfalls infiziert haben.

Immer mehr Kliniken berichten indes von Erfolgen bei der neuen Therapie mit dem Antikörper Eculizumab. Neben vorsichtig positiven ersten Ergebnissen aus Norddeutschland spricht nun auch die Medizinische Hochschule Hannover (MHH) von ersten erfolgreichen Einsätzen.

Die Therapie scheine - bei aller gebotenen Vorsicht - erfolgreich zu verlaufen, teilte die Uniklinik mit. Bei einer Therapie die am Mittwoch begonnen wurde, sei bereits ein Erfolg sichtbar, sagte der Leiter der MHH-Nephrologie, Professor Hermann Haller. "Es nützt etwas, allerdings ist es kein Wundermittel."

An der MHH werden derzeit 47 Patienten mit einer EHEC-Infektion behandelt. Die Klinik verwendet Eculizumab bei schweren HUS-Verläufen, wenn drei Plasmapheresen nicht angeschlagen haben. Nach Informationen der "Ärzte Zeitung" wurden bislang drei Patienten mit Eculizumab behandelt.

An der Uni Münster ist es einem Team um den Hygieniker und EHEC-Spezialisten Professor Helge Karch am Montagabend gelungen, einen Schnelltest zu entwickeln. Der PCR-Test sei sensibel auf die speziellen genetischen Eigenschaften des jetzigen Serovar O140:H4, hieß es.

Ein Testergebnis liege bereits binnen weniger Stunde vor. Das Testprotokoll haben die Forscher online für andere Labore veröffentlicht. Details wollen sie am Mittwoch präsentieren.

Lesen Sie alle Berichte und Hintergründe in unserem Special zur EHEC-Welle.

[01.06.2011, 17:47:53]
Uschi Lantenhammer 
EHEC - untypisches Erkrankungsalter
Warum sind gerade so viele Frauen im Alter von 20 - 55 Jahren beim schweren Verlauf des HUS-Syndroms betroffen? Selbstverständlich steht außer Frage, dass die Erkrankung durch Umgang oder Einnahme kontaminierter Lebensmittel/Stoffe gerade diese Gruppe besonders anfällig erscheinen lässt. Ein Gedanke drängt sich mir hier jedoch auf: Besteht ein eventueller Zusammenhang zur Schwere der HUS-Erkrankung und der langjährigen Einnahme oraler Kontrazeptiva mit evtl. Nebenwirkungen bei entsprechender Veranlagung. Der Hinweis bezieht sich auf die Angaben in den Beipackzetteln der oralen Kontrazeptiva, wonach bei einem HUS-Syndrom eine „besondere ärztliche Überwachung“ erforderlich sei, wenn die „Pille“ weiterhin eingenommen wird. Wie viele Frauen haben diesen Hinweis noch präsent oder informieren sich bei Ihrem Gynäkologen bei Vorliegen von ersten Anzeichen einer EHEC-Erkrankung, ob die Einnahme der Pille in diesem Fall negative Auswirkungen haben könnte. Hier geht es mir um die Schwere der HUS-Erkrankung bei Frauen in dem für HUS-Erkrankungen durch EHEC untypischen Erkrankungsalter und nicht um die Diskussion des „Für oder Gegen die Pille“. Dies sollte meiner Meinung nach weiter untersucht werden, um nötigenfalls weitergehende Informationen an den betroffenen Personenkreis weiter zu leiten. zum Beitrag »
[31.05.2011, 10:57:51]
Dr. Horst Grünwoldt 
EHEC- "Welle"
Nach allem, was wir periodisch bei sog. "Seuchen-Wellen" an öffentlicher Verunsicherung erleben, sollte man auf dem Fachgebiet des "unsichtbaren Feindes" auf keinen Fall den laienhaften Politikern die Seuchen-Erklärungen überlassen! Die wirklichen Fachleute müssen sich verantwortungsvoll in aller verbalen Klarheit äußern und jede Übertreibung sowie "Rolle rückwärts" bei der Einschätzung von fiktiven Gefahren unterlassen. Die Mikrobiologen , Virologen und Epidemiologen mögen endlich von beängstigenden Ausdrücken wie "Ausbruch", "Überspringen" und "sich verbreiten" bezüglich nicht ausbrechender, überspringender und sich nicht (aktiv) verbreitender Mikroorganismen resp. Nanopartikel Abstand nehmen und sich in simplen Hygiene-Statements üben. Die unsinnige Warnung vor dem wichtigen Verzehr von gewaschenen Obst und Gemüse -insbesondere saisonale Gurken und Tomaten, die mit Essig und Öl (Vinegraitte) noch zusätzlich von vegetativen Keimen "dekontaminiert" werden können - zeigt, daß selbst Vertreter einer eigentlich unabhängigen Bundesoberbehörde (RKI i.V. mit BfRB) nicht mal in der Lage sind, fiktive Gefahren von realen zu unterscheiden. Wer wird für den so generierten wirtschaftlichen (Handel) und gesundheitlichen Schaden (Obstipation,Hämorrhoiden und Darmkrebs bei einseitigem Fleisch- und Wurstkonsum ohne Rohkost und Radikalefänger), , eigentlich in Regreß genommen? Bei der enormen Teilungsrate von E. coli im menschlichen und tierischen Enddarm dürften auch zukünftig und zufällig jede Menge von "Serovaren" des altbekannten Fäkalkeimes entstehen und manchmal -wenn kein falsch-positives Laborergebnis zum Pseudonachweis geführt hat- selbst auf Gurken aus einer Hydrokultur nachgewiesen werden, wenn eine verunreinigte Hand im Spiel war! Im übrigen haben staatliche Gesundheitsexperten bei ihren öffentlichen Einschätzungen und Veranlassungen ebenfalls den elementaren Grundsatz der Verhältnismäßigkeit zu wahren. Dr. med. vet. Horst Grünwoldt (FTA für Hygiene und Mikrobiologie) aus Rostock  zum Beitrag »

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