Ärzte Zeitung online, 31.05.2011

EHEC: Negative Gurken und die Suche von vorn

Ende vergangener Woche schien die Quelle für die zahlreichen EHEC-Erkrankungen gefunden: spanische Gurken. Doch nun müssen die Behörden einen Rückschlag hinnehmen: Die Gurken waren offenbar nicht Schuld an den Infektionen. Die Erkrankungszahlen steigen unterdessen weiter. Mehrere neue Tests könnten jetzt die Suche nach der Ursache beschleunigen.

EHEC: Die Gurken waren es doch nicht

Gurken unterm Messer: Kontaminiert waren die Hamburger Funde mit EHEC - bloß nicht mit dem zirkulierenden Erreger.

© dpa

NEU-ISENBURG (nös). Nachdem Dienstagvormittag teilweise von "Entspannung" bei neuen EHEC-Infektionen die Rede war, gibt es jetzt einen Rückschlag: Die kontaminierten Gurken, die vergangene Woche als eine Infektionsquelle identifiziert wurden, sind für die derzeitigen Infektionen womöglich gar nicht verantwortlich.

Die Gurken seien zwar mit dem enterohämorrhagischen Escherichia coli (EHEC) kontaminiert gewesen, teilte das Hamburger Institut für Hygiene am Dienstag mit. Zwei von vier Proben zeigten jedoch keine Übereinstimmung mit den aus Stuhlproben von Patienten isolierten EHEC-Serovaren O104:H4, kurz HUSEC 41. Eine genau Bestimmung steht noch aus.

Und auch die EU-Kommission in Brüssel gibt keine Entwarnung: Erste Untersuchungen von Gurkenproben und Proben aus den spanischen Betrieben hatten keine EHEC-Keime mit dem Antigen O104 nachweisen können.

Prüfer-Storcks: "Warnung war richtig"

Für Hamburgs Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks eine Ernüchterung: "Unsere Hoffnung, die Quelle der schweren Komplikationsfälle mit HUS-Syndrom zu entdecken, hat sich bei diesen ersten Ergebnissen leider nicht erfüllt."

Dennoch sei es richtig gewesen, die ersten Untersuchungsergebnisse zeitnah zu veröffentlichen, sagte die SPD-Politikerin. "Der Schutz von Menschenleben muss wichtiger sein als wirtschaftliche Interessen."

Spanien wehrt sich seit den Funden heftig dagegen, als "Sündenbock" gebrandmarkt zu werden. Der Absatz von Gemüse, vor allem von Gurken sei eingebrochen, heißt es. Das Land erwägt Schadenersatzforderungen gegen die Bundesrepublik.

Agrarministerin Rosa Aguilar sagte am Dienstag: "Man soll aufhören, auf Spanien zu schauen". Und weiter: "Wir sind enttäuscht von der Art, wie Deutschland mit dieser Krise umgegangen ist". Die Ursache müsse vor allem in der Bundesrepublik gesucht werden.

"Wir haben recht gehabt", sagte Aguilar am Rande eines Treffens mit ihren EU-Ministerkollegen im ungarischen Debrecen nach der Vorstellung der neuen Ergebnissen. Der Handel mit spanischem Gemüse müsse nun sofort wieder aufgenommen werden.

Weitere steigende EHEC- und HUS-Fallzahlen

Hierzulande stiegen unterdessen die Zahlen der EHEC-Infektionen und Verdachtsfälle weiter. Auch die Zahl der Patienten, die ein hämolytisch-urämisches Syndrom (HUS) entwickelt haben, steigt weiter.

Zunächst sprachen einige Bundesländer am Dienstag noch von einer leichten Entspannung. Für das Land Berlin hieß es sogar, der Höhepunkt der Neuinfektionen sei überschritten.

In Niedersachsen sind nach Angaben des Gesundheitsministeriums 264 EHEC-Fälle bzw. Verdachtsfälle gemeldet. Der Anstieg hat sich gegenüber den Vortagen zunächst etwas verringert.

In Hamburg steigen die Infektionszahlen jedoch weiter. "Die Aussage, der Höhepunkt sei überschritten, kann nicht getan werden", sagte Gesundheitssenatorin Prüfer-Storcks am Dienstag.

Fast 400 HUS-Fälle in einem Monat

In der stark betroffenen Hansestadt wurden bis Dienstag 110 Patienten wegen einem HUS stationär behandelt. 569 Menschen sind mit EHEC infiziert oder werden wegen eines Verdachts auf eine mögliche Infektionen überwacht.

Der ärztliche Direktor des Uniklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE), Professor Jörg Debatin, sprach von Hamburg als einem "Epizentrum". Jeder Fall von blutigem Durchfall in der Stadt sei derzeit ein EHEC-Fall. Das UKE versorgt derzeit 82 HUS-Patienten.

Das Robert Koch-Institut (RKI) in Berlin nannte am Dienstag 796 offiziell bestätigte EHEC-Fälle in der Republik. Nach jüngsten Schätzungen könnten jedoch mehr als 1500 Menschen mit dem Erreger infiziert sein.

An der schweren Komplikation HUS sind nach offiziellen RKI-Angaben bislang 373 Menschen erkrankt. Zwar zeigten die neuen Zahlen eine abfallende Tendenz, doch müsse dies nicht zwingend ein dauerhafter Trend sein, so das Institut in seinem täglichen Bericht.

RKI: Noch keine Entwarnung

Das Problem der Zahlen: Wegen der Meldewege aus den Kliniken und über die Gesundheitsämter gelangen die Zahlen nur verzögert zum RKI. Dort will man sich deshalb auch nicht festlegen, ob die Fallzahlen nun dauerhaft abnehmen.

Der Trend könne sich noch ändern, hieß es. "Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass die Infektionsquelle noch aktiv ist." Erste Fälle registrierte das Institut am 2. Mai. Den bisherigen Höhepunkt bei der Meldung von Neuerkrankungen datieren die Seuchenforscher auf den 19. Mai mit 34 neuen Fällen.

Das Institut bietet nun die Notfallaufnahmen an deutschen Kliniken, aktiv an einem Surveillance-System teilzunehmen. Damit wolle man mit wenig Aufwand einen "Überblick über den zeitlichen Trend von blutigen Durchfällen" erhalten, heißt es in einem Aufruf an die Krankenhäuser. Das RKI stellt dazu entsprechende Faxformulare online bereit.

Die Bundesländer reagieren - teils sehr unterschiedlich

In den Kliniken in Schleswig-Holstein hilft nun auch medizinische Personal aus anderen Bundesländern aus, um einen Versorgungsengpass zu vermeiden. Zehn zusätzliche Fachkräfte aus anderen Ländern seien jetzt in der Plasmapherese-Versorgung tätig, teilte Gesundheitsminister Heiner Garg (FDP) mit.

Die Kliniken sind dennoch überlastet, vor allem Pflegekräfte werden benötigt. Das Land hat jetzt ein Hilfeersuchen an die Länder gestellt. Auch die kassenärztlichen Anlaufpraxen planen offenbar, ihre Kapazitäten aufzustocken.

Die sächsische Landesregierung hat anlässlich des am Mittwoch in Dresden beginnenden Kirchentages auf die EHEC-Welle reagiert: Mit Plakaten und Infoflyern sollen die Besucher über Hygiene und Prävention aufgeklärt werden.

Mecklenburg-Vorpommern ruft indes zu Blutspenden auf. Zwar seien die Bestände noch ausreichend gefüllt, doch müsse vor ausreichende Plasmareserven gesorgt werden, teilte das Gesundheitsministerium in Schwerin mit.

Sind Menschen womöglich die Überträger?

Nach den "falsch-positiven" Gurkenfunden spekulieren Experten nun über andere Infektionsquellen. Der Hygieniker und EHEC-Experte Professor Helge Karch aus Münster brachte Tiere und Menschen als mögliche Überträger ins Spiel.

"Es könnten Tiere infiziert sein, es könnten aber auch Menschen als Überträger in Betracht kommen", sagte Karch am Dienstag.

Karchs Kollege von der Uni Münster, der Medizinprofessor Wilhelm Schmitz, warf die Frage auf, ob entlassene EHEC-Patienten womöglich die Keime weiterhin ausscheiden könnten. Solche Menschen wären dann eine potenzielle Gefahr für ihre Umwelt, so Schmitz auf einer Pressekonferenz am Dienstag.

Die Wissenschaftler um Karch hatten am Montagabend einen Schnelltest zur Bestimmung des jetzt zirkulierenden EHEC-Stamms vorgestellt. Der Multiplex-PCR testet mit mehreren Primern auf vier typische Gene von HUSEC 41.

Ein Testergebnis soll bereits in vier Stunden vorliegen. Das Institut hat das Testprotokoll im Internet veröffentlicht, so dass andere Mikrobiologielabore ihn selbst durchführen können. Auch können der Uni Münster zufolge mit dem Test Gemüseproben untersucht werden.

Im klinischen Alltag wird der Test nach Einschätzung des UKE-Direktor Debatin allerdings "kurzfristig nicht so sehr viel helfen". Da die klinische EHEC-Situation derzeit bekannt sei, brauche man an dieser Stelle keine Schnelltest, sagte er im "ZDF".

Das Schweizer Pharma- und Diagnostikaunternehmen Roche hat währenddessen ein spezielles Testkit für die PCR-Labordiagnostik von EHEC entwickelt. Gemeinsam mit dem deutschen Hersteller TIB Molbiol biete man ein "Fertigmischung" der nötigen Primer und Testproben an, hieß es.

Einen speziellen Test für Lebensmittel hat das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) am Dienstagabend vorgestellt. Gemeinsam mit Experten der französischen Lebensmittelagentur ANSES habe man eine quantitative Echtzeit-PCR für den Serovar O104:H4 entwickelt, hieß es. Er sei bereit in den Laboratorien der Bundesländer im Einsatz.

Zunehmend schwere HUS-Verläufe

Die behandelnden Ärzte sprechen derweil von zunehmend schweren Verläufen bei den Erkrankten. Etwa die Hälfte aller HUS-Patienten entwickelt demzufolge neurologische Ausfallerscheinungen.

"Der Grund dafür ist das Ansteigen der giftigen Stoffe in den Gefäßen", erklärte der Chefarzt der Asklepios-Klinik in Hamburg Altona, Professor Joachim Röther. Die betroffenen Patienten würden deswegen engmaschig überwacht, etwa mit MRT und EEG.

An den Folgen der Erkrankung sind bislang mindestens 15 Menschen in Deutschland gestorben. Nach vier neuen Todesfällen am Montag starb am Dienstag eine 87-jährige Frau in einem Paderborner Krankenhaus. Sie hat nach einer EHEC-Infektion ein HUS entwickelt, litt aber an schweren Vorerkrankungen.

Den ersten mutmaßlich durch EHEC verursachten Todesfall aus dem Ausland meldete am Dienstag Schweden. In der Stadt Borås im Südwesten des Landes sei eine 50 Jahre alte Frau gestorben, hieß es. Sie habe sich vermutlich in Deutschland mit dem HUS-Erreger infiziert. In dem Land gibt es bisher 30 nachgewiesene EHEC-Fälle, 13 Betroffene sind den Angaben zufolge an einem HUS erkrankt.

Auch in anderen europäischen Ländern breitet sich der EHEC-Erreger derweil weiter aus. In Dänemark werden 13 Fälle gezählt, sechs davon haben ein HUS entwickelt. Die Schweiz spricht von einem Fall, die Niederlande von sieben, Großbritannien von drei und Frankreich von sechs. Nach Angaben der EU-Kommission waren alle Betroffenen vor ihrer Erkrankung in Deutschland zu Besuch.

Einen ersten Verdachtsfall gibt es nun auch in Spanien. Ein 40-jähriger Mann in San Sebastián liegt nach Angaben lokaler Behörden mit Infektionssymptomen auf der Intensivstation. Auch er vor zuvor in Deutschland.

Lesen Sie alle Berichte und Hintergründe in unserem Special zur EHEC-Welle.

[31.05.2011, 16:31:37]
Wilfried Soddemann 
EHEC durch Trinkwasser übertragbar! Oft Fäkalien im Trinkwasser:
Das Bayer. Landesamt warnt: Legionellen immer im Trinkwasser, Fäkalkeime in bis zu 33% der Proben. Anderswo in Deutschland wird das nicht anders sein. Das UBA berichtet über viele Nachweise von coliformen Bakterien. Prof. Exner, Chef der Trinkwasserkommission vom Bundesgesundheitsministerium, hat oft Enterobacter cloacae im Trinkwasser aus Talsperren nachgewiesen. Das Veterinäruntersuchungsamt Krefeld hat in Trinkwasser in 20% der Proben Rotaviren gefunden. Der 1. Zwischenbericht Reine Ruhr in NRW betont wie auch der neue Statusbericht die Belastung des Trinkwassers durch Viren. Trinkwasser enthält oft Bakterien, Parasiten und Viren. Liefern von Trinkwasser mit Krankheitserregern steht unter Strafe! Wasserwerke mit der üblichen Technik können Krankheitserreger nicht filtern oder abtöten. Daher muss Trinkwasser mit der Ultrafiltration für 50 Cent je Person und Monat gefiltert werden.
http://sites.google.com/site/trinkwasservirenalarm/Trinkwasser-Viren
soddemann-aachen@t-online.de
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