Ärzte Zeitung online, 02.06.2011

EHEC: "Situation medizinischer Hilflosigkeit"

Die Zahl der EHEC-Fälle steigt rapide, von Entwarnung kann keine Rede sein. Experten und Politiker suchen fieberhaft nach der Quelle. Ärzte zeigen sich zunehmend verzweifelt. Forscher meinen, womöglich finde man die Ursache nie.

EHEC: "Man kann keine Quelle ausschließen"

Die Akte EHEC ist noch nicht geschlossen.

© dpa

NEU-ISENBURG (nös). EHEC bleibt ein Rätsel, ein Ende der jüngsten Erkrankungswelle scheint nicht in Sicht - im Gegenteil, täglich werden neue und höhere Zahlen gemeldet.

Wurde am Dienstag noch vorsichtiger Optimismus verbreitet, hat sich die Situation am Mittwoch schlagartig gedreht: Die Zahl der gemeldeten Fälle stiegt rapide auf über 2000, rund 500 mehr als am Tag zuvor.

Einen sprunghaften Anstieg verzeichneten die norddeutschen Bundesländer. Allein Hamburg meldete 119 neue Fälle, bei denen der Verdacht auf eine Infektion mit den enterohämorrhagischen Escherichia coli (EHEC) besteht. In der Hansestadt sind insgesamt 668 Menschen betroffen, 124 liegen mit einem hämolytisch-urämischen Syndrom (HUS) in der Klinik, viele haben schwere Verläufe.

In Niedersachsen wurden insgesamt 344 Fälle gezählt, 80 mehr gegenüber Dienstag. Auch in Schleswig-Holstein stieg die Zahl sprunghaft an: Dort kamen rund 100 bestätigte EHEC-Infektionen hinzu. In dem Bundesland gelten 458 Menschen als infiziert, ebenfalls mit einer hohen Hospitalisierungsrate. 130 HUS-Fälle wurden bislang bestätigt.

Die offiziellen Fallzahlen des Robert Koch-Instituts in Berlin (RKI) zeigen ebenfalls einen rapiden Anstieg. Bis zum Dienstag wurden dem Institut 1064 EHEC-Fälle aus den Ländern und Kommunen gemeldet.

Weit dramatisch ist aber: Offiziell erfasst sind jetzt 470 HUS-Fälle. Das sind rund einhundert HUS-Fälle mehr als am Tag zuvor - und binnen weniger Wochen mehr als das Siebenfache aller Erkrankungsfälle des vergangenen Jahres.

Die großen Differenzen zwischen den Zahlen der Länder und denen des RKI liegen an den teils erheblichen Zeitverzögerungen bei den Fallmeldungen. Von der Klinik müssen die Zahlen an die Gesundheitsämter und von dort nach Berlin gemeldet werden.

Für HUS besteht eine namentliche Meldepflicht. Auch kann der Zeitraum von der Infektion bis zu den ersten Symptomen bis zu einer Woche betragen.

Von einem Rückgang der Erkrankungswelle kann denn auch bislang keine Rede sein. "Es gibt keinen Anlass für eine Entwarnung", sagte RKI-Präsident Professor Reinhard Burger am Mittwoch anlässlich einer Sondersitzung des Verbraucherausschuss im Bundestag. Es sei nicht auszuschließen, dass es weitere Infektionen gebe. Die Quelle sei weiterhin unbekannt, so Burger.

EU-Gesundheitskommissar John Dalli sprach von einer "ernsten Krise". Hamburg nannte er das "Epizentrum" für die derzeitige EHEC-Welle. Dalli mahnte eine rasche Aufklärung der Infektionsursache vor allem durch die Behörden der Bundesrepublik an.

Und bei der sind Ärzte, Behörden und Politiker bislang immer noch ratlos. Ein erstes Indiz, wonach spanische Gurken die Überträger gewesen sein könnten, hatte sich am Dienstag nicht bestätigt.

Bundesverbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU) verteidigte die Schnellwarnung vom Freitag jedoch. "Die Hamburger haben sich richtig verhalten", sagte sie im "ZDF-Morgenmagazin". Es seien ja Erreger gefunden worden. "Deswegen musste eine Schnellwarnung abgesetzt werden." Dies schreibe die EU vor. Die Hamburger hätten sich "gut verhalten".

Am Dienstag wurden erste Ergebnisse von überprüften Gurken veröffentlicht. Danach wurden an den Proben zwar EHEC-Keime nachgewiesen, allerdings waren sie in zwei von drei spanischen Gurken nicht von dem gleichen Stamm wie dem derzeit zirkulierenden Serovar O140:H4.

Aigner erneute am Mittwoch die Warnung vor dem Verzehr rohen Gemüses wie Gurken, Tomaten und Blattsalat. "Man kann derzeit gar nichts ausschließen", sagte sie. Die größten Schnittmengen gebe es bei den genannten Lebensmitteln, doch noch immer gebe es keine konkreten Hinweise zur Quelle.

Auch Übertragungen von Mensch zu Mensch schließen die Fachleute nicht mehr aus. Es gebe bereits "erste Hinweise, dass eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung erfolgen kann", sagte RKI-Chef Burger. Im Fokus der Ursachenforschung stünden weiterhin aber Lebensmittel, allen voran Gemüse.

Unterdessen gab es den 16. Todesfall in der Bundesrepublik infolge einer EHEC-Infektion. Eine 84-jährige Frau aus Harburg bei Hamburg starb nach Angaben des niedersächsischen Gesundheitsministeriums bereits am Sonntag den Folgen eines HUS.

Die behandelnden Ärzte sprechen derweil von zunehmenden neurologischen Symptomen bei den HUS-Patienten. "Wir haben Patienten, die überhaupt keinen Durchfall haben, aber schwere neurologische Symptome", sagte der Direktor der Nephrologie am Kieler Uniklinikum, Professor Ulrich Kunzendorf. Andere Ärzte sprachen von "völlig abgedrehten Patienten".

Der Gastroenterologe Professor Stefan Schreiber von der Uni Kiel sprach von einer "Situation medizinischer Hilflosigkeit". Die jetzige Welle sei vergleichbar mit anderen großen Seuchen, etwa der Pest.

Der Internist Professor Hendrik Lehnert von der Uniklinik in Schleswig-Holstein sagte: "Wir stehen vor völlig unerwarteten Krankheitsverläufen, die wir bisher noch nicht kannten."

An der Klinik in Lübeck werden bislang etwa 40 Patienten mit dem neuen Antikörper Eculizumab behandelt. Der Stoff ist für viele Nephrologen die Hoffnung dieser Tage. Es blockiert die terminale Komplementkaskade und hatte sich bereist in einigen publizierten HUS-Fällen bewährt.

Nach ersten Berichten soll der Wirkstoff eine vielversprechende Option bei schweren Verläufen sein. Neue Ergebnisse sollen am Freitagmorgen in Hamburg von der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie vorgestellt werden.

Auch setzen die Ärzte nun offenbar früher auf die medikamentöse Antibiose bei HUS-Erkrankungen. Damit sollen die Keime bereits in einem frühen Stadium der Erkrankung abgetötet werden. Antibiotika sind üblicherweise kontraindiziert. Sie regen die Ausschüttung von Shigatoxin 2 (Stx2) aus den EHEC-Keimen an.

Unterdessen steigt die Zahl der Erkrankungen auch im Ausland. In Tschechien wurde jetzt der erste nachgewiesene EHEC-Fall bekannt. Bei der Touristin aus den USA wurde der Serovar O104:H4 nachgewiesen.

Nach Angaben der EU-Kommission in Brüssel wurden bis Mittwoch 41 EHEC-Fälle aus Schweden (15 davon mit einem HUS), 14 aus Dänemark (6 HUS), 6 aus Frankreich, 3 aus Großbritannien (2 HUS), 7 aus den Niederlanden (3 HUS) und 2 aus Österreich gemeldet. Die meisten Betroffenen waren zuvor in Deutschland zu Besuch.

In dem Alpenland wurde am Mittwoch zudem Hirschsalami eines italienischen Herstellers aus dem Verkehr gezogen. Dort fanden die Prüfer bei Routinekontrollen EHEC-Keime.

Die Probe stehe allerdings "in keinem Zusammenhang mit dem gegenwärtigen EHEC-Ausbruch in Deutschland", teilte die Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) mit.

Lesen Sie alle Berichte und Hintergründe in unserem Special zur EHEC-Welle.

[03.06.2011, 06:45:56]
Wilfried Soddemann 
EHEC durch Fäkalien im Trinkwasser übertragbar! Oft Fäkalien im Trinkwasser:
Das Bayerische Landesgesundheitsamt warnt: Legionellen immer im Trinkwasser, Fäkalkeime in bis zu 33% der Proben. Anderswo in Deutschland wird das nicht anders sein. Das Umweltbundesamt berichtet über viele Nachweise von coliformen Bakterien. Prof. Exner, Chef der Trinkwasserkommission vom Bundesgesundheitsministerium, hat oft Enterobacter cloacae im Trinkwasser aus Talsperren nachgewiesen. Das Veterinäruntersuchungsamt Krefeld hat in Trinkwasser in 20% der Proben Rotaviren gefunden. Der 1. Zwischenbericht Reine Ruhr in NRW betont wie auch der neue Statusbericht die Belastung des Trinkwassers durch Viren. Trinkwasser enthält oft Bakterien, Parasiten und Viren. Liefern von Trinkwasser mit Krankheitserregern steht unter Strafe! Wasserwerke mit der üblichen Technik können Krankheitserreger nicht filtern oder abtöten. Daher muss Trinkwasser mit der Ultrafiltration für 50 Cent je Person und Monat gefiltert werden.

http://sites.google.com/site/trinkwasservirenalarm/Trinkwasser-Viren
soddemann-aachen@t-online.de
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