Ärzte Zeitung online, 05.06.2011

Die EHEC-Spur führt nach Bienenbüttel

Gurken waren es nicht, doch bei der Suche nach der EHEC-Quelle kommen die Experten Stück für Stück weiter: Nun haben sie Sprossen in Niedersachen im Visier. Sie wurden in verschiedene Restaurants geliefert, in denen Erkrankte zuvor gegessen hatten.

Die EHEC-Spur führt nach Bienenbüttel

Sprossen: Waren sie mit EHEC kontaminiert?

© imagebroker / imago

HANNOVER (nös). Seit mehr als zwei Wochen suchen Lebensmittelkontrolleure und Epidemiologen nach den Ursachen für die vielen EHEC-Infektionen. Erst waren spanische Gurken in Verdacht geraten - der Fund deckte sich später aber nicht mit den Erregern des zirkulierenden EHEC-Stamms.

Am Wochenende rückte dann der Hafengeburtstag in Hamburg in den Fokus. Das Fest stehe im zeitlichen Zusammenhang mit den Erkrankungsfällen, hieß es. Das Dementi folgte prompt: Beim Robert Koch-Institut hieß es, diese Berichte deckten sich dies nicht mit den eigenen Erkenntnissen. Auch spreche das epidemiologische Bild dagegen.

Zeitgleich geriet ein Restaurant in Lübeck in die Schlagzeilen: 17 Menschen waren erkrankt, nachdem sie im "Kartoffelkeller" gegessen hatten. Nach ersten Medienberichten ruderte das zuständige Verbraucherschutzministerium in Kiel schnell zurück und erklärt: "Wir haben keine heiße Spur."

Doch die Spur könnte womöglich doch die richtige gewesen sein, denn das Restaurant hatte Sprossen von einem Hersteller aus der kleinen Gemeinde Bienenbüttel im Landkreis Uelzen erhalten. Und diese Sprossen sind es nun, die zumindest eine erste Quelle für die gehäuften EHEC-Erkrankungen sein könnte.

"Der Betrieb steht im Zusammenhang mit dem Infektionsgeschehen", sagte Niedersachsens Landwirtschaftsminister Gert Lindemann (CDU) am Sonntagabend in Hannover. Er sprach auf einer kurzfristig einberufenen Pressekonferenz von "sich deutlich verdichtenden Indizien" und der "bislang schlüssigsten Erkenntnisquelle".

Der Betrieb in der 7000-Einwohner-Gemeinde war offenbar aufgefallen, nachdem Lebensmittelkontrolleure auf den Keimlingen des Herstellers EHEC-Bakterien gefunden hatten. In den Tagen danach hatten sie die Lieferbeziehungen zu Zwischenhändlern und Endabnehmern unter die Lupe genommen.

Aufgefallen waren ihnen zwei Händler in Mölln und Stade. Lieferungen von dort gingen unter anderem an ein Gasthaus in Klein Meckelsen im Landkreis Rotenburg, ein Hotel in Lüdersburg im Landkreis Lüneburg, eine Kantine in Bochum - und der "Kartoffelkeller" in Lübeck.

Aus allen vier Städten wurden später EHEC-Fälle gemeldet, in Lübeck waren es jeweils acht Menschen aus zwei Reisegruppen und ein Kind aus Süddeutschland. Und: Über einen weiteren Großhändler in Nordrhein-Westfalen gelangten die Sprossen an eine Kantine in Frankfurt am Main. Dort waren kurz darauf 19 Menschen an EHEC erkrankt.

Lindemann: "Die Auswertung weist immer wieder den Weg von dem Erzeuger zu den Erkrankungsfällen." Das Ministerium spricht von mehr als 50 Fällen. Und: "Wir können erstmals den konkreten Pfad belegen." Laut Lindemann sei dies eine "sehr deutliche Spur für eine Quelle".

Außerdem sind offenbar zwei weibliche Angestellte des Herstellers an Durchfall erkrankt, bei einer soll EHEC nachgewiesen worden sein. Der Betrieb wurde noch am Sonntag gesperrt, sämtliche Produkte, die auch im Einzelhandel verkauft werden, wurden zurückgerufen.

Das Problem: Endgültige Laboranalysen stehen noch aus. Die Frage: Decken sich die Keime auf den Sprossen mit dem derzeit grassierenden EHEC-Serotyp O104:H4, auch HUSEC 41 genannt? Proben der Keime werden seit Samstag im Landeslabor LAVES untersucht. Definitive Ergebnisse sollen Montagmittag vorliegen.

Der Hersteller - nach Informationen der "Neuen Osnabrücker Zeitung" der Gärtnerhof Bienenbüttel - hat eigenen Angaben zufolge 18 verschiedene Keimlingsprodukte im Angebot.

Besonderes Augenmerk legen die Kontrolleure offenbar auf die "Milde Mischung" aus Alfalfa, Bockshornklee, Mungbohnen, Linsen und Adzukibohne. Dieses Produkt stehe "besonders mit dem Infektionsgeschehen in Zusammenhang".

Als mögliche Kontaminationsquelle kommen laut Lindemann die Keimtrommeln in Betracht. Dort werden die Körner bei rund 38 Grad Celsius mit Wasserdampf zum Auskeimen gebracht. "Die Bedingungen sind optimal für das Keimen, auch für das anderer Keime."

Nicht unverdächtig ist aber auch das Saatgut. Der Hersteller bezieht die Körner den Angaben zufolge sowohl von deutschen Lieferanten als auch aus dem Ausland.

Herkunftsländer wollte Lindemann nicht nennen: Er seit "vom Bund gebeten worden", die Herkunftsländer nicht vor "perfekten Informationen" zu nennen - eine Anspielung wohl auf die politischen und juristischen Auseinandersetzungen, die es seit der Warnung vor spanischen Gurken gibt.

Die bislang geltende Warnung vor dem Verzehr vor Gurken, Tomaten und Blattsalaten vor allem in Norddeutschland bleibt zunächst bestehen. Lindemann: "Ich möchte diese Empfehlungen nicht infrage stellen. Diese Frage können nicht wir entscheiden."

Allerdings müsse er Verbrauchern in Norddeutschland "ganz deutlich machen, nun auf den Verzehr von Sprossen zu verzichten".

Indirekt kritisierte Lindemann denn auch die "Einengung" auf Blattsalate, Gurken und Tomaten. Zunächst sei breit gesucht worden, sagte er. "Später dann vorübergehend wohl nicht."

Lindemann weiter: "Das geht nicht, dass wir jetzt so schmal suchen", sei dann die Überlegung gewesen. Seit dem 25. Mai seien schließlich wieder auch Sprossen untersucht worden.

Die Bundesregierung und die Behörden stehen seit Tagen in der Kritik - vor allem aus dem Ausland. Spanische Bauern hatten unlängst Klagen für die Einnahmeausfälle angekündigt, die ihnen durch die frühe Warnung vor spanischen Gurken entstanden sind.

Russland hatte jüngst ein Importstopp für Gemüse aus EU-Staaten verhängt. Vertreter der EU kritisierten diesen Schritt als Verstoß gegen Bestimmung des freien Welthandels. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel schaltete sich ein.

Russlands oberster Hygienearzt reagierte mit dem Vorwurf, die europäischen Bemühungen bei der Quellensuche seien äußerst unprofessionell gewesen. "Ein Monat hätte sogar in Afrika gereicht, um die Ursachen zu klären", sagte Gennadi Onischtschenko der Agentur "RIA Novosti".

Und auch das Robert Koch-Institut (RKI) als oberste Bundesbehörde zur Seuchenbekämpfung gerät vermehrt in die Kritik. Die Rede ist von einer zu frühen Festlegung bei den möglichen Übertragungswegen und einer zu langsamen Reaktion auf den EHEC-Ausbruch.

Das Institut wies die Vorwürfe zurück. Seit Beginn des Ausbruchs seien mehr als zehn Teams des RKI vor Ort im Einsatz, hieß es in einer Stellungnahme vom Samstag. Das Lagezentrum arbeite rund um die Uhr und werte die übermittelten Daten aus. Parallel arbeite man an mehreren epidemiologischen Studien.

Ungeachtet dessen stieg die Zahl der Todesfälle durch EHEC-Infektionen und HUS-Erkrankungen am Wochenende auf 21. Die Zahl bestätigte RKI-Präsident Professor Reinhard Burger Sonntagnachmittag bei einem Besuch mit Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) im Uniklinikum Hamburg-Eppendorf.

Zuvor hatte die europäischen Seuchenkontrollbehörde ECDC in Stockholm neue Zahlen veröffentlicht. Danach sind in Deutschland offiziell 1536 mit dem enterohämorrhagischen Escherichia coli (EHEC) infiziert. 627 Menschen haben ein hämolytisch-urämisches Syndrom (HUS) entwickelt.

Auch im Ausland stieg die Zahl der EHEC-Infektionen und HUS-Erkrankungen. Nach Angaben der ECDC wurden aus elf europäischen Ländern bis Samstagabend 71 EHEC- und 31 HUS-Fälle gemeldet. Alle Personen, mit Ausnahme von einer, seien während der typischen Inkubationsdauer in Deutschland gewesen.

Zudem wird nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO in immer mehr Fällen der spezifische EHEC-Serovar O104:H4 im Labor nachgewiesen.

Die amerikanische Seuchenkontrollbehörde CDC in Atlanta berichtete am Freitag von Verdachtsfällen bei vier Personen, die zuvor in Hamburg gewesen waren. Drei hätten bislang ein HUS entwickelt.

Diese Woche wollen die Gesundheits- und Verbraucherminister von Bund und Ländern zu einem Krisentreffen zusammenkommen. Termin und Ort würden noch gesucht, sagte am Sonntag ein Sprecher von Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr der Nachrichtenagentur dpa. Federführend bei der Ausrichtung seien die Länder Hessen und Bremen.

Das Thema steht nach Angaben der EU-Kommission auch am Montag bei einem Treffen der EU-Gesundheitsminister in Luxemburg auf der Tagesordnung.

Weitere Länder haben derweil den Import von Gemüse vor allem aus Deutschland gestoppt. Der Golfstaat Qatar verhing am Samstag einen vorübergehenden Bann für Gurken, Tomaten und Salat aus Deutschland und Spanien.

Andere Früchte und Gemüse aus der europäischen Union benötigten ein Zertifikat, das die Unbedenklichkeit für EHEC bestätigt, berichtete die amtliche Nachrichtenagentur QNA am Samstag in Doha.

Der Libanon verhängte am Freitag nach einem Bericht des libanesischen Onlinedienstes Naharnet ein Importstopp Gemüseimporte aus der gesamten EU.

[06.06.2011, 06:58:35]
Wilfried Soddemann 
EHEC-Sprossen auf Unterlage mit viel Trinkwasser gekeimt!
EHEC durch Fäkalien im Trinkwasser übertragbar!
Oft Fäkalien im Trinkwasser:
Das Bayer. Landesamt warnt: Legionellen immer im Trinkwasser, Fäkalkeime in bis zu 33% der Proben. Anderswo in Deutschland wird das nicht anders sein. Das UBA berichtet über viele Nachweise von coliformen Bakterien. Prof. Exner, Chef der Trinkwasserkommission vom Bundesgesundheitsministerium, hat oft Enterobacter cloacae im Trinkwasser aus Talsperren nachgewiesen. Das Veterinäruntersuchungsamt Krefeld hat in Trinkwasser in 20% der Proben Rotaviren gefunden. Der 1. Zwischenbericht Reine Ruhr in NRW betont wie auch der neue Statusbericht die Belastung des Trinkwassers durch Viren. Trinkwasser enthält oft Bakterien, Parasiten und Viren. Liefern von Trinkwasser mit Krankheitserregern steht unter Strafe! Wasserwerke mit der üblichen Technik können Krankheitserreger nicht filtern oder abtöten. Daher muss Trinkwasser mit der Ultrafiltration für 50 Cent je Person und Monat gefiltert werden.
http://sites.google.com/site/trinkwasservirenalarm/Trinkwasser-Viren
soddemann-aachen@t-online.de
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