Ärzte Zeitung online, 06.06.2011

EHEC: Sprossen nun doch negativ?

Sprossen, kleine Keimlinge, stehen im Verdacht, eine Quelle für den EHEC-Ausbruch gewesen zu sein. Doch erste Laboranalysen waren am Montag negativ. Die Suche geht weiter - und es steigt die Hoffnung auf ein Abebben der Welle.

EHEC: Sprossen nun doch negativ?

Verdächtige Sprossen: Erste Laborbefunde waren allerdings negativ.

© dpa

NEU-ISENBURG (nös). Die Suche nach der Quelle für die EHEC-Infektionen geht weiter. Im Verdacht stehen Sprossen eines Herstellers aus Niedersachsen. Sie stehen in Verbindung mit mehreren Erkrankungen. Doch erste Laborergebnisse vom Montagnachmittag waren negativ.

Von insgesamt 40 entnommenen Proben aus dem Betrieb im Landkreis Uelzen waren 23 negativ - auf ihnen wurden keine EHEC-Keime gefunden. Auch eine erste in Hamburg getestete Sprossenprobe erwies sich als negativ.

Dort wurden auf acht Proben keine EHEC-Keime gefunden worden, teilte die Gesundheitsbehörde der Hansestadt am Mittag mit. Dieses Ergebnis müsse aber nicht für alle Proben aus dem Betrieb gelten.

Bundesverbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU) hat für den Nachmittag ebenfalls eine Stellungnahme zu den jüngsten Verdachtsmomenten bei der Spurensuche angekündigt.

Professor Lüppo Ellerbroek vom Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) zeigte sich wenig überrascht über die negativen Ergebnisse. "Die meisten Lebensmittelkontaminationen werden nicht aufgeklärt", sagte er im NDR.

Ein Problem könnte sein, dass "die Lebensmittel nicht mehr verfügbar sind", sagte Ellerbroek. "Ich befürchte, dass man keine positiven Befunde mehr aufweisen kann." Die Quelle sei allerdings auch nicht der entscheidende Punkt. "EHEC können wir in den Griff bekommen."

Unterdessen konnten die EHEC-Experten von der Uniklinik Münster und der Medizinischen Fakultät das Genom des grassierenden Erregers mit einem Referenzstamm aus dem Jahr 2001 vergleichen. Die Mikrobiologen um den Münsteraner EHEC-Experten Professor Helge Karch hatten erst vor wenigen Tagen parallel zu einer Forschergruppe aus Hamburg das Genom entziffert.

Das Team um Karch und den Mikrobiologen Professor Dag Harmsen will mit dem Vergleich nun herausfinden, warum und wie sich der jetzt zirkulierende EHEC-Serovar O104:H4 - auch HUSEC 041 genannt - verändert hat.

Eine Frage: Wie kam die neue Antibiotikaresistenz in den jetzigen Erreger? Der zirkulierende Serotyp enthält etliche Gene für Antibiotikaresistenzen. Resistenzen weist er etwa gegenüber Aminoglykosiden, Makroliden und β-Lactam-Antibiotika auf.

Die Welle an Infektionen mit dem enterohämorrhagischen Escherichia coli (EHEC) ist indes noch nicht vorbei. Die europäische Seuchenkontrollbehörde ECDC in Stockholm meldete am Montag für Deutschland erneut gestiegene Zahlen.

Nach offiziellen Angaben sind 1600 Menschen infiziert, an dem hämolytisch-urämischen Syndrom, kurz HUS, sind 630 Menschen erkrankt. Drei Viertel aller Fälle stammen laut dem Robert Koch-Institut (RKI) aus den norddeutschen Bundesländern Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Hamburg.

In Niedersachsen stieg die Zahl der Infektionen am Montag auf 503 Fälle und Verdachtsfälle, bei 385 Menschen sei der Erreger im Labor bestätigt worden, teilte das niedersächsische Gesundheitsministerium mit. "Der Scheitelpunkt ist noch nicht erreicht", sagte ein Sprecher.

Derweil zeichnet sich in Hamburg eine leichte Entspannung ab. Zwar stiegen die EHEC- (plus 79 auf 849) und HUS-Zahlen (plus 6 auf 151) über das Wochenende. Laut Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks gebe es aber Hoffnung, "dass sich die Situation ein wenig entspannt."

Im Uniklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) verbessert sich außerdem der Gesundheitszustand vieler HUS-Patienten. "Wir beobachten bei vielen unserer Patienten eine zunehmende Stabilisierung der Laborparameter und der Nierenfunktion", sagte der UKE-Nephrologe Professor Rolf Stahl.

[07.06.2011, 17:21:11]
Dr. Ulrich Paschen 
Tod in Hamburg
Wenn die Epidemie erst einmal überstanden ist - mit oder ohne Klärung der Ursachen - sollten wir darüber nachdenken, wie diese Ereignisse in der öffentlichen Wahrnehmung aufgenommen wurden - in der BILD, im Fernsehen, in Talk Shows, kurz, auf dem Boulevard. Die Psychologie der Epidemien kann bekanntlich verheerend wirken. Nicht nur bei den wirklich großen Epidemien wie der Cholera in Hamburg 1892 mit über 8000 Toten in nur drei Monaten. Wieviel Hysterie wird erzeugt, obwohl in der Not nur Geduld und Gelassenheit weiterhelfen? Was sollen Schuldzuweisungen? Was bringt das ganze "Man hätte schon längst, man müsste viel mehr, wie konnte das passieren"? Panisch rennen die Wichtigtuer umher, um etwas Prominenz zu erhaschen. Die Öffentlichkeitsarbeit bei epidemischen Ereignissen sollte dringend überplant werden, um der beanspruchten Rationalität unseres Zeitalters etwas gerechter zu werden.
Immer tauchen nämlich Leute auf, die den Tod zur Strafe für das frevelhafte Leben ihrer Zeitgenossen erklären: das geschieht denen recht, die auf die unhygienischen Toiletten der Deutschen Bahn gehen, die mit ihren proletarischen Händen Hamburger (!) dem schmatzenden Verzehr zuführen, die mit gammliger Jauche im Darm Auto fahren! Ja, ja, nicht die Mikroben sind schuld, sondern der sündige Mensch selbst. Das hätten wir schon fast vergessen: die Krise gebiert Propheten, die schon immer alles gewusst haben. Das belustigt, wenn es ein Veterinär zu Kommentar gibt, verärgert aber sehr, wenn die Fernsehberichterstattung nicht weit davon ab liegt. zum Beitrag »
[07.06.2011, 13:18:30]
Dr. Gabriele Möller 
Hier scheint jemand besonders schlau zu sein!
Ehrlich gesagt, ich bin entsetzt. Solche arroganten Beiträge sind nicht besonders hilfreich. Ich kenne viele Kollegen, die persönlich schwerkranke HUS-Patienten (junge Frauen und Kinder ) betreut haben. Von HUS-Einzelfällen zu zu sprechen ist menschenverachtend. Und den behandelnden Ärzten zolle ich großen Respekt. Sie können sehr wohl aufsteigende Harnwegsinfekte erkennen - ich fasse es nicht!! Vielleicht sollten Sie sich die "Einzelfälle" mal anschauen! Es handelt sich mitnichten um übergewichtige bewegungspassive Autofahrer und Büromenschen. Eigentlich ist es Zeitverschwendung sich mit so einem Kommentar überhaupt zu befassen... zum Beitrag »
[07.06.2011, 12:25:02]
Dr. Horst Grünwoldt 
Infektionsherde
Es ist abwegig, gut abwaschbare Gurken, Tomaten und auch Sojakeimlinge (sog. Sprossen) massenhaft zu beproben und als " aktive Infektionsquelle" zu titulieren! Die Herren Burger u.a. "Seuchen-Experten" sollten sich an die Erkenntnis des großen L. Pasteur vor über 100 Jahren erinnern:

"Le microbe- cést rien, le terrain- cést tout!"
Will heißen, daß ein einzelner "Erreger"-Nachweis bei unangemessenen Warnungen zwar eine Psychoseuche auslösen kann, aber noch lange keine ansteckende oder übertragbare Krankheit!
Schließlich sind frische Gurken und Tomaten tatsächlich überhaupt kein "Terrain", -heißt: Nährboden-, für die infektionsfähige Massenvermehrung einer verirrten EHEC-Bakterie oder sonstigen "Killer-Keimes".
Deshalb kommen als Ursprung von fäkal-oralen Schmier-Infektionen natürlich zu allererst unhygienische Zustände auf DB-Toiletten und gewissen Speiselokalen in Betracht und dazu auch noch, die vandalischen Verzehrsgewohnheiten unserer nimmersatten "fast-food"- Gesellschaft, die allerorten im Stehen und Gehen (ohne Händewaschen) auf der Straße ihre minderwertige Ersatzbefriediung in sich hineinfressen und hineinspülen.

Jeder Mediziner oder Veterinär sollte in seiner Mikrobiologie gelernt haben, daß nicht nur die Rinder, sondern wir Menschen und alle anderen warmblütigen Wirbeltiere wegen der abermilliarden- und billionen- fachen Besiedelung der Enddärme mit E. coli- Bakterien, es aufgrund der enormen genetischen Keim-Teilungsrate immer wieder zu Spontan-Mutationen kommt.

Darunter finden sich natürlich auch alte und immer wieder neue "Serovare" von EHEC (coli)-Bakterien, wenn man nur danach sucht!

Seuchenhygienisch in Schach gehalten werden die vereinzelten und potentiell pathogenen Darmbakterien (und auch Enteroviren) aber gerade durch den ausgewogenen Verdauungsbrei; insbesondere durch die Vermeidung der einseitigen Protein-Nahrung (=Nährboden für die Anzüchtung von Fäulniskeimen wie EHEC u.a. E.coli´s mit hämolytischen Eigenschaften).
Dagegen führt der Verzehr von pflanzlicher Rohkost nicht nur zu einer beschleunigten Darmpassage, sondern auch zur Vermeidung der inneren Fäulnisvorgänge.
Bekannterweise wird bei übergewichtigen, sitzenden und bewegungspassiven Autofahrern und Büromenschen irgendwann auch aufgrund des mikrobiellen Nährbodens (wurst- und fleischbetonter Verzehr, insbesondere von Pökelware im Übermaß)der Darmkrebs initiiert.

Trotz der bedauernswerten Einzelfälle von HUS, die hoffentlich differential-diagnostisch von aufsteigenden Harnwegs-Infektionen unterschieden wurden, ist es auch absurd, dem EHEC-Bakterium die menschliche Eigenschaft "aggressiv" anzuhängen!

Dr. med. vet. Horst Grünwoldt (FTA für Hygiene und Mikrobiologie) aus Rostock zum Beitrag »

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