Ärzte Zeitung online, 08.06.2011

Der größte EHEC-Ausbruch in Europa hält die Politik in Atem

Komplexe Koordination - aber es funktioniert. So die Bilanz der für das EHEC-Krisenmanagement zuständigen Minister. Die Warnung vor rohem Gemüse besteht weiter.

Der größte EHEC-Ausbruch in Europa hält die Politik in Atem

Komplexes Krisenmanagement: Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (v.l.), EU-Gesundheitskommissar John Dalli und die Bundesverbraucherschutzministerin Ilse Aigner.

© dpa

BERLIN (af). Keine Entwarnung in Sachen EHEC. Bund und Länder haben am Mittwoch ihre Warnungen vor dem Verzehr von rohen Gurken, Tomaten, Salat und Sprossen aufrecht erhalten.

Grund ist der "größte jemals beobachtete Ausbruch einer EHEC-Infektion in Deutschland und Europa", sagten Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) und Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU) am Mittwoch in Berlin im Anschluss an ein Treffen mit den Gesundheits- und Verbraucherministern der Länder.

25 EHEC-Tote

Bislang haben die Verantwortlichen in Deutschland mehr als 1900 EHEC-Infektionen gezählt, 670 davon mit schweren Verläufen in Folge eines HU-Syndroms.

25 Menschen sind bislang in Deutschland daran gestorben, eine Frau in Schweden. Bahr wollte am Mittwoch weitere Todesfälle nicht ausschließen.

Der Gesundheitsminister verbreitete vorsichtigen Optimismus: "Wir gehen davon aus, dass wir das Schlimmste hinter uns haben", sagte er angesichts einer zurückgehenden Zahl von Neuinfektionen.

Aus dem Gesundheitsministerium war zu hören, dass es keine Versorgungsengpässe gebe. Ausgelastete Krankenhäuser arbeiteten mit Nachbarkliniken zusammen.

Kritik am Krisenmanagement zurückgewiesen

Kritik am Krisenmanagement wiesen sowohl Bahr als auch Aigner zurück. "Das System funktioniert", sagte Aigner am Mittwoch im Bundestag.

Die zuständigen Institute und Behörden stimmten sich eng miteinander ab. Die Aufgabenteilung zwischen Gesundheits- und Agrarministerium sei klar geregelt, und auch zwischen Bund und Ländern gebe es kein Kompetenzgerangel, versicherte sie.

"Bund und Länder ziehen gemeinsam an einem Strang." Beide Minister kündigten an, abgestimmter über EHEC zu informieren.

Diplomatisch zog sich EU-Gesundheits- und Verbraucherschutzkommissar John Dalli aus der Affäre. Nach dem Bund-Länder-Treffen, an dem er teilgenommen hatte, sagte er, Deutschland unternehme alle erforderlichen Anstrengungen.

Forderungen der Kliniken zurückgewiesen

Der Blick zurück helfe nicht, das Problem zu lösen. Schon kurz nach Bekanntwerden des Ausbruchs arbeiteten europäische Experten mit den deutschen Organisationen zusammen, teilten Bahr und Aigner mit.

Forderungen der Universitätsklinika und andere an der Versorgung von EHEC-Patienten beteiligten Hochleistungskrankenhäuser nach finanziellen Hilfen wies Bahr zurück.

Die bestehenden Regelungen gäben die Möglichkeit, mit den Kassen über die Vergütung von Härtefällen zu verhandeln oder die EHEC-Kosten in den Budgets unterzubringen.

Lesen Sie alle Berichte und Hintergründe in unserem Special zur EHEC-Welle.

[08.06.2011, 19:01:24]
Dr. Jürgen Schmidt 
Ein neues Krankheitsbild
Ohne den Theorien und Indizienketten eine weitere hinzufügen zu wollen, erscheint eines sicher: Der obskure Erreger scheint neben den mittlerweile bekannten Krankheitsbildern in den Gehirnen dazu Berufener per virtueller Infestation ein weiteres zu erzeugen, das der Klugscheißerei.

Auch die beängstigende Erwartungshaltung der Öffentlichkeit an das medizinisch Machbare kann man nur noch staunend zur Kenntnis nehmen.

Diese Epidemie lehrt uns vieles Neues, aber auch bekanntes: Bei einer atypisch verlaufenden Erkrankung durch einen atypischen Erreger ist die Medizin naturgemäß zunächst überfordert, bis sie ihr Wissen erweitert hat. Die in der Kürze erreichten Erkenntnisse sind jedoch vergleichsweise sensationell, wenngleich noch nicht therapeutisch zielführend.

Gleichwohl sollten Ärzte und ärztlich geleitete Institute, wo auch immer, kein Öl ins Feuer einer - medial angefachten - hysterisierten Öffentlichkeit schütten und gerechtfertigtes Vertrauen in bewährte Institutionen wie das RKI und die Landesgesundheitsämter nicht unnötig erschüttern.
Und auch das von mangelnder Selbsteinschätzung wohl nicht geplagte Max-Planck-Institut sollte wissen:
Der direkte Nachweis einer Primärquelle, die den Keim verbreitet hat, kann im allgemeinen nicht mehr oder nur noch mit Glück gelingen, wenn die Neuerkrankungswelle abebbt, wie es jetzt den Anschein hat. Nur eine persistierende Quelle lässt sich mit Beharrlichkeit und einiger Sicherheit finden. Das wollen wir aber denn doch nicht hoffen.
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[08.06.2011, 15:57:05]
Dr. Joachim Malinowski 
EHEC-Epidemie -- was lehrt uns das? Bleibt alles beim Alten?
"...Kritik an einem Kompetenzwirrwarr zwischen zuständigen Behörden wiesen Bahr und Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) zurück...." Aha! Nun bin ich aber beruhigt...

"Es sei eine "typisch deutsche Diskussion", dass nun wieder nach einer neuen Behörde gerufen werde, sagte der Gesundheitsminister."

Es ist ein Merkmal von Ignoranten, Kritik erst einmal einfach zurückzuweisen. Wie wäre es mit einer konstruktiven Auseinandersetzung damit, um etwas dazu zu lernen?

Und Herr Bahr kommt dann auch noch mit so einem Rhetoriksatz ("typisch deutsche Diskussion"), was auch nicht von tiefem Nachdenken zeugt, sondern von Abwiegeln und "laßt mich doch alle in Ruhe". Das macht ebenfalls keinen guten Eindruck.

Die Rechnung kommt ganz sicher mit der nächsten Wahl, denn als Bürger fühle nicht nur ich mich überhaupt nicht aufgehoben oder gar vor Gefahren geschützt. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann die nächste Katastrophe kommt.

"Das Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie forderte einen zentralen Regierungskoordinator für das Krisenmanagement beim Auftreten gefährlicher Erreger."

Wenigstens das sollte ernsthaft durchdacht werden, obgleich eine zentrale Behörde ohne Kompetenzgerangel sicherlich anerkannter Goldstandard wäre. Oder gibt es noch etwas Besseres? Dafür könnte man andere Behörden (wer mischt da überhaupt alles mit? Wer ist primärer Ansprechpartner?) einsparen.

Die EHEC-Epidemie wird sicherlich nicht die letzte Epidemie sein, und wir sollten für die Zukunft einfach besser gerüstet sein. Das ist doch nur logisch!

Welche Lebensmittel werden denn wohl als nächstes gesperrt? Was soll man dann noch essen?

"Der Keim macht mit uns was er will", weil wir ihn durch unser Verhalten "machen" lassen. Das muss einfach geändert werden, wenn wir nicht genauso blind in die nächste Epidemie stolpern wollen.

Bis dahin wird die Epidemie
a) weiter laufen und Opfer fordern,
b) spontan ausbrennen oder
c) uns zu Denkprozessen und Verbesserungen im Management anregen.

Was wird es wohl werden??

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