Ärzte Zeitung online, 08.06.2011

EHEC: Verdacht bei Sprossen-Hof erhärtet sich - neue Todesfälle in Deutschland

Neue Hinweise deuten darauf hin, dass der Sprossen-Hof in Bienenbüttel doch die EHEC-Infektionsquelle ist. Ein Erfolg gelingt Medizinern, die eine Spur für die Ursache besonders schwerer Verläufe bei EHEC-Patienten entdeckten. Ein grassierender Erreger wurde in einer Magdeburger Mülltonne gefunden. Die Zahl der Todesfälle in Deutschland steigt indes an.

EHEC-Hinweise auf Sprossen-Hof verdichten sich

Männer im Schutzanzügen verpacken Proben auf dem Gelände des Gärtnerhofes Bienenbüttel, der in Verdacht steht, Sprossen mit dem EHEC-Ereger in Umlauf gebracht zu haben.

© dpa

HANNOVER/BERLIN (ths/dpa). Die Hinweise auf den gesperrten Sprossen-Hof in Niedersachsen als mögliche Quelle für die EHEC-Epidemie verdichten sich.

Eine dritte Mitarbeiterin des Gärtnerhofs in Bienenbüttel sei im Mai vermutlich an dem Darmkeim erkrankt gewesen, teilte Niedersachsens Agrarminister Gert Lindemann (CDU) mit.

Inzwischen sei sie aber wieder gesund. Bisher war nur die EHEC-Erkrankung einer Mitarbeiterin des Hofs bekannt, eine zweite litt ebenfalls unter Durchfall.

Auch zwei EHEC-Patienten in Cuxhaven wiesen Verbindungen zu dem verdächtigen Hof auf, erklärte Lindemann. "Das sind Betroffene, die Produkte aus Bienenbüttel konsumiert haben."

Grassierender Keim in Magdeburger Mülltonne gefunden

Auf einem Gurkenrest in einer Mülltonne in Magdeburg haben Experten die grassierende Form des EHEC-Keims nachgewiesen. Dies teilte der Sprecher des Landesgesundheitsministeriums, Holger Paech, am Mittwoch mit. Die Mülltonne gehört einer Familie, die an EHEC erkrankt ist.

Sachsen-Anhalt gilt bislang nicht als Schwerpunkt der Epidemie: Insgesamt gibt es in dem Bundesland 32 EHEC-Fälle, davon 7 mit der schweren Verlaufsform (HUS).

Der Vater der Familie in Magdeburg war leicht erkrankt, die Mutter wurde in einem Krankenhaus behandelt und ist inzwischen wieder entlassen. Die Tochter leidet noch unter HUS, ist aber auf dem Weg der Besserung, hieß es weiter. Nach dpa-Informationen sind die Eltern beide 50 Jahre alt, die Tochter erwachsen.

Wie das Bakterium in die Mülltonne geriet, blieb zunächst unklar. „Es ist nicht klar, und wir werden nicht mehr zweifelsfrei ermitteln können, wie er da hingelangt ist“, sagte Paech.

Die Gurkenreste lagen dort schon mindestens seit eineinhalb Wochen. Die weitere Suche nach den EHEC-Darmkeimen im Umfeld der Familie hatte kein Ergebnis gebracht. Es sei auch kein Bezug der Familie zu Norddeutschland bekannt.

Die Ermittler untersuchten auch Supermärkte, in denen die Familie eingekauft hatte. Nirgendwo wiesen die Proben Auffälligkeiten auf. Es sei auch nicht ausgeschlossen, dass die Familie erkrankt sei und von ihr der Erreger dann auf die Gurke übertragen wurde, sagte Paech.

Die Mülltonne war untersucht worden, da stets bei EHEC-Erkrankten auch das Wohnumfeld unter die Lupe genommen wird. In allen anderen Fällen stießen die Behörden aber nicht auf den Keim.

Landkreis Cuxhaven Schwerpunkt der Epidemie in Niedersachsen

Der Landkreis Cuxhaven ist mit mehr als 60 EHEC-Erkrankten der Schwerpunkt der Epidemie in Niedersachsen. Der Gärtnerbetrieb hatte meist über Zwischenhändler Sprossen an zahlreiche Restaurants, Hotels und Kantinen geliefert, deren Gäste teils dutzendfach an EHEC erkrankten.

Betroffen waren unter anderem ein Golfhotel im Kreis Lüneburg, ein Restaurant in Lübeck sowie Kantinen in Darmstadt und Frankfurt am Main.

Allerdings hatten die EHEC-Fahnder bislang direkten keinen Erfolg auf dem Hof: In den ersten 23 von 40 Proben fanden sich keine EHEC-Erreger. Auch eine alte, im Kühlschrank vergessene Sprossenpackung eines EHEC-Patienten war frei von den Bakterien.

Achtes EHEC-Opfer in Niedersachsen

Der gefährliche Darmkeim EHEC hat in Niedersachsen ein siebtes und kurze Zeit später ein achtes Todesopfer gefordert. Ein 72 Jahre alte Mann aus dem Landkreis Osterholz und ein 55-Jähriger aus dem Landkreis Rotenburg seien nachweislich an der Krankheit gestorben, teilte das Gesundheitsministerium in Hannover am Mittwoch mit.

Die Zahl der EHEC-Fälle und Verdachtsfälle stieg in Niedersachsen im Vergleich zum Vortag um neun auf 543 Fälle. Darunter befinden sich 109 HUS-Fälle mit schweren Komplikationen.

In Hamburg weniger EHEC-Neuerkrankungen

Die Welle der EHEC-Neuerkrankungen in Hamburg ebbt weiter ab. "In den letzten 24 Stunden sind in Hamburg 30 neue EHEC-Fälle gemeldet worden, davon sechs mit HUS", erklärte Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks (SPD) am Mittwoch.

"Die Fallzahlen steigen langsamer als in der Anfangsphase des Ausbruchsgeschehens." Es sei aber nach wie vor zu früh, um Entwarnung zu geben.

Auch in den Regio Kliniken ist die Zahl der Patienten nach eigenen Angaben gesunken, die wegen EHEC-Symptomen behandelt werden müssen.

Am Mittwoch seien in den Krankenhäusern Pinneberg und Elmshorn insgesamt 58 Patienten behandelt worden. Bei 23 von ihnen hätte sich der Verdacht auf den Gefährlichen Darmkeim bestätigt.

Ärzte hoffen auf Durchbruch

Unterdessen haben Ärzte der Universitätskliniken Greifswald und Bonn Hinweise auf die Ursache schwerer Verläufe bei EHEC-Patienten mit HUS gefunden.

Vieles deute darauf hin, dass neben dem Giftstoff Shigatoxin auch die Bildung von Autoantikörpern für schwere Schädigungen verantwortlich sei, sagte der Transfusionsmediziner Andreas Greinacher vom Universitätsklinikum Greifswald.

Die Autoantikörper verursachten einen Anstieg eines Gerinnungsfaktors, wodurch die Durchblutung wichtiger Gehirnregionen und der Nebennieren eingeschränkt sei. Sie werden nur von einigen EHEC-Patienten gebildet.

Inzwischen wurden erste schwer erkrankte Patienten mit einer speziellen Blutwäschetherapie behandelt. "Die ersten Entwicklungen bei den Blutwerten stimmen uns optimistisch."

UKE ruft zu Blutspenden auf

Das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) rief erneut zum Blutspenden auf. In den vergangenen drei Wochen seien allein am UKE mehr als 6000 Plasmakonzentrate für die Versorgung der HUS-Patienten eingesetzt worden, berichtete eine Sprecherin.

"Das entspricht etwa der Menge an Plasma, die sonst in drei bis vier Monaten gebraucht wird." Die Reserven müssten vor allem mit Blick auf die nahenden Sommerferien möglichst schnell wieder aufgefüllt werden.

Landwirte in Not – Entschädigung für Gemüsebauern angekündigt

Weil die Verbraucher aus Angst vor dem gefährlichen Darmkeim EHEC Gurken und Co. weiter meiden, geraten viele Bauern in Existenznot. Die Schäden für die Produzenten sind immens.

Nach Angaben des Deutschen Fruchthandelsverbands ist der Handel mit Salat, Gurken und Tomaten inzwischen fast komplett zusammengebrochen. Bauernpräsident Gerd Sonnleitner sprach von einer „extrem explosiven und deprimierten Stimmung“. Allein den Schaden der deutschen Gemüsebauern bezifferte er im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa auf bislang weit über 65 Millionen Euro.

Die EU-Kommission kündigte an, die Gemüsebauern wegen der EHEC-Krise deutlich besser entschädigen als bisher geplant. Für Umsatzeinbußen sollen die europäischen Landwirte 210 Millionen Euro statt der bisher vorgeschlagenen 150 Millionen Euro erhalten, wie EU-Landwirtschaftskommissar Dacian Ciolos am Mittwoch in Brüssel sagte.

„Wir müssen so rasch wie möglich handeln“, sagte EU-Landwirtschaftskommissar Dacian Ciolos am Mittwoch in Brüssel. „Das Geld wird bis Juli bereitstehen.“ Die EU-Staaten müssen dem Vorschlag noch zustimmen.

Nach Ansicht der betroffenen Bauern reicht die von der EU vorgesehene Entschädigung für Europas Landwirte nicht aus.

Lesen Sie alle Berichte und Hintergründe in unserem Special zur EHEC-Welle.

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