Ärzte Zeitung, 10.06.2011

Der Standpunkt

EHEC: Viel besser geht es nicht

Von Wolfgang Geissel

EHEC: Viel besser geht es nicht

Der Autor ist Redakteur im Ressort Medizin der Ärzte Zeitung. Schreiben Sie ihm wolfgang.geissel@springer.com

© ill

Die EHEC-Epidemie hat viele Menschen in Deutschland paralysiert. Irrationale Ängste vor einer unbekannten Quelle eines gefährlichen Erregers brechen sich Bahn. Dabei ist die Chance für eine Infektion viel geringer als bei der Schweinegrippe, bei der im Winter 2009/2010 immerhin 250 Todesfälle registriert wurden. Angesichts einer vertrauten Grippesituation wurde dies damals aber als milder Ausbruch gewertet.

Bei EHEC richtet sich die Kritik jetzt - mangels Ergebnissen bei der Ursachenforschung - gegen die Politik. "EHEC-Chaos" und "Politiker gurken nur rum" titeln die Gazetten und listen widersprüchliche Aussagen von Politikern auf. Zugegeben: Deutschland hat ausgesprochen zersplitterte Zuständigkeiten im öffentlichen Gesundheitsdienst und Verbraucherschutz.

Der Ruf nach einer zentralen Behörde mit klaren Ansagen mag da probat erscheinen. Die Erfahrungen mit dem ehemaligen Bundesgesundheitsamt als einer solchen Einrichtung waren hier aber auch nicht optimal.

Bei aller Kritik an den Warnungen vor Gurken, Tomaten, Sprossen sowie Salat und auch angesichts des wirtschaftlichen Schadens, der in die hunderte Millionen Euro geht: EHEC ist gefährlich. Mehrere hundert Menschen sind lebensbedrohlich an HUS erkrankt und 26 bereits gestorben. Die Quelle der Erreger sind Lebensmittel.

Jeder begründete Verdacht auf einen Ursprung der Keime muss öffentlich gemacht werden. Das erfordert viel Mut von den zuständigen Behörden: Dass sie im Nachhinein für ein angebliches Über-Engagement abgewatscht werden, ist so gut wie sicher.

Und auch, dass jetzt einige Lobbyisten die Krise für ihre Interessen instrumentalisieren, etwa für Kritik an Biogasanlagen oder an der biologischen Landwirtschaft.

Die Verbraucher sind verunsichert, aber das liegt nicht an den Behörden, die jetzt angesichts der Faktenlage keine klareren Ansagen machen können. Ob es zur Bewältigung solcher Krisen künftig andere Strukturen im Gesundheitsdienst braucht, sollte nach dem Ausbruch mit kühlen Kopf überdacht werden.

[10.06.2011, 09:14:47]
Dr. Joachim Malinowski 
Über-Engagement ist auf keinen Fall schlechter als Abwiegelung...
Über-Engagement ist auf keinen Fall schlechter im Vergleich zur Abwiegelung, wie wir es zeitweise von den Politikern erleben. Da hilft dann nur ein HUS-Fall im Politikerkreise, und schon werden wir ein neues Engagement zu sehen.

Das ist meine Meinung, egal was Abwiegler zu was auch immer für ein Problem dazu sagen.

Und natürlich ist bei etwas Neuem viel Engagement erforderlich und hoffentlich auch vorhanden. Eine "bedächtige" Reaktion auf eine bis dato unbekannte Gefahr kann die bevorstehende Katastrophe nur anheizen.

Wenn ich mit dem Auto in Bedrängnis gerate, muss ich sofort und effektiv reagieren, z.B. unverzüglich eine Vollbremsung einleiten.
Alles andere an Überlegungen fordert immer mehr vermeidbare Opfer.

Nach der Katastrophe kann man ja seine Reaktionsweisen kritisch reflektieren und ggf. anpassen. Das wäre der von mir geforderte Lernprozeß seitens der Behörden.

Wenn wir schon die Bevölkerung an der Ursachensuche so wie jetzt über die Medien beteiligen, dann muss man auch mit einer gewissen Menge an Unfug rechnen. Das gilt es dann schnellstmöglich zu sondieren, um einen maximalen Benefit aus den eingegangenen guten Informationen zu bekommen. "Nicht das Kind mit dem Bade ausschütten..."

Und dazu bedarf es offenbar einer viel besseren Logistik und Ausstattung (z. B. in der Internetpräsenz des RKI = lahm wie eine Schnecke) bei Katastrophen und Epidemien, als wir das immer wieder erleben.

 zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Antibiotika gegen Rückenschmerzen

Verursachen Bakterien heftige Bandscheiben-Beschwerden? Für Forschungen zur Behandlung von Rückenschmerzen mit Antibiotika wurde jetzt der Deutschen Schmerzpreis verliehen. mehr »

QuaMaDi wird fortgesetzt

Aufatmen im Norden: KV und Kassen haben sich auf den Fortbestand des Brustkrebsfrüherkennungsprogramm QuaMaDi geeinigt. mehr »

Ethikrat sucht nach dem goldenen Mittelweg

Wann ist eine medizinische Zwangsbehandlung fürsorglicher Schutz, wann ein unangemessener Eingriff? Diesen Fragen widmet sich aktuell der Deutsche Ethikrat. mehr »