Ärzte Zeitung, 09.06.2011

Gastkommentar

EHEC zeigt auf: Amtsärzte wurden lange unterschätzt

Die Kritik an der staatlichen Bewältigung von EHEC nimmt zu. Beklagt wird ein zu spätes Handeln, eine unkoordinierte Vorgehensweise und eine unzureichende Aufklärung der Bevölkerung.

Von Fritz Beske

Professor Dr. med. Fritz Beske

Was EHEC lehren könnte: Verantwortung übernehmen

© IGFS

Aktuelle Position: Leiter des Instituts für Gesundheits-System-Forschung (IGSF) Kiel.

Ausbildung: Medizinstudium, Promotion 1951, Assistent am Hygiene-Institut der Uni Kiel bis 1958, 1954/55 Public Health Studium in den USA, MPH.

Karriere: Beamter im Innenministerium, in der WHO, Staatssekretär im schleswig-holsteinischen Gesundheitsministerium 1971 bis 1981, 1975 Gründung des IGSF und dessen Direktor.

Es ist müßig, Kritik mit dem Hinweis zu üben, dass dies in früheren Zeiten hätte anders ablaufen können. Jede Zeit hat eigenen Gesetzmäßigkeiten und Entwicklungsprozesse führen zwangsläufig zu Veränderungen. Trotzdem lohnt sich ein Blick zurück.

Infektionskrankheiten spielen heute in der Gesundheitsversorgung eine eher untergeordnete Rolle. Es ist gelungen, mit umfassender Hygiene und mit Schutzimpfungen die Voraussetzungen für das Auftreten von Infektionskrankheiten weitgehend zu eliminieren. Noch vor wenigen Jahrzehnten und besonders in der ersten Nachkriegszeit sah dies völlig anders aus. Unzureichende Hygienebedingungen und eine unterernährte Bevölkerung waren ein Nährboden für Infektionskrankheiten.

Die Gesundheitsämter sind heute geschwächt

Die Situation verbesserte sich mit steigendem Wohlstand und verbesserter Hygiene, durch Schutzimpfungen, aber auch durch den Umgang mit Infektionskrankheiten. Es gab einen funktionierenden öffentlichen Gesundheitsdienst. Jeder Kreis hatte ein Gesundheitsamt. Leiter eines Gesundheitsamtes musste ein Arzt mit der Befähigung zur Ausübung dieses Amtes sein.

Diese Befähigung wurde durch die Weiterbildung zum Amtsarzt mit dem abschließenden Amtsarztexamen erworben. Teil der Weiterbildung zum Amtsarzt war der Umgang mit Infektionskrankheiten und dabei insbesondere das umgehende Aufspüren einer Infektionsquelle bei der Meldung einer meldepflichtigen Infektionskrankheit. Gehandelt wurde sofort.

Die Methode war ein epidemiologisch orientiertes Vorgehen mit dem Ziel, die Kontakte eines an einer Infektionskrankheit Erkrankten festzustellen, den Infektionsweg herauszufinden und bis zur Quelle der Ansteckung zurück zu verfolgen.

Auf Landesebene fand das Gesundheitsamt Unterstützung durch die Gesundheitsabteilung eines Landes, die ebenfalls von einem Arzt mit der Befähigung zum Amtsarzt geleitet wurde. Jede Gesundheitsabteilung hatte einen Hygienereferenten, der über besondere Kenntnisse im Umgang mit Infektionskrankheiten verfügte.

Auf der Bundesebene stand das 1952 aus dem früheren Reichsgesundheitsamt entstandene Bundesgesundheitsamt zur Verfügung, das von einem Präsidenten geleitet wurde und dessen Funktion Wikipedia wie folgt beschreibt:

"Das Bundesgesundheitsamt war die zentrale staatliche Forschungseinrichtung der Bundesrepublik auf dem Gebiet der öffentlichen Gesundheit... Es hatte den Auftrag, Risiken für die Gesundheit von Mensch und Tier früh zu erkennen, diese zu bewerten und im Rahmen seiner gesetzlichen Kompetenzen einzudämmen." Im Bundesgesundheitsministerium war die Hygiene fest verankert.

Die Zeiten haben sich geändert. Immer weniger Gesundheitsämter werden von einem Amtsarzt geleitet. Das gleiche trifft für die Gesundheitsabteilungen der Länder zu. Ärzte mit einer umfassenden Hygieneausbildung sind heute im öffentlichen Gesundheitsdienst eher die Ausnahme. Die Gesundheitsämter sind, vorsichtig ausgedrückt, geschwächt.

Das Bundesgesundheitsamt wurde 1994 aufgelöst, genauer gesagt zerschlagen. Damit fehlt auf der Bundesebene ein als Person und als Institution für alle Fragen der öffentlichen Gesundheit zuständiger Ansprechpartner so, wie es der Präsident des Bundesgesundheitsamtes gewesen ist.

Die Ära der Infektionen ist nicht beendet

Die Zeit lässt sich nicht zurückdrehen. Gerechtfertigt ist jedoch die Feststellung, dass es sich bei EHEC um eine Infektionskrankheit handelt, und für Krankheiten ist in erster Linie das Gesundheitswesen zuständig: in der Behandlung, der Verhütung und in der Verantwortung beim Auftreten gehäufter Fälle einer Infektionskrankheit.

Es ist Aufgabe der Gesundheitsminister auf Bundes- und Landesebene, die Federführung in der Bewältigung der Auswirkungen einer Infektionskrankheit wie EHEC zu übernehmen und auch die Öffentlichkeit laufend über alles zu informieren, was die Bevölkerung im Umgang mit einer Infektionskrankheit wissen muss.

Die Erfahrungen mit EHEC gehen über die Augenblickssituation hinaus. Wir lernen, dass auch in Deutschland die Ära von Infektionskrankheiten nicht beendet ist. EHEC bleibt kein Ausnahmefall. Wir werden auch in Zukunft Häufungen von Infektionskrankheiten bis hin zu seuchenartigen Ausbrüchen zu erwarten haben, verursacht durch mutierte Erreger von Infektionskrankheiten, gleichgültig ob Bakterien oder Viren.

Deren Bekämpfung ist vorrangig eine Aufgabe des Gesundheitswesens, insbesondere auch des öffentlichen Gesundheitsdienstes.

[10.06.2011, 09:39:32]
Dr. Joachim Malinowski 
Ein klares Wort zur richtigen Zeit!
Ich stimme Hr. Beske vollkommen zu. Wir sind bzgl. der seit Anbeginn der modernen Medizin weniger aufgetretenen Infektionskrankheiten (Dank neuer Medikamente und hoher Impfraten) über die vielen Jahre lasch und verwöhnt worden.

Nun erleben wir aber schon viele Jahre immer öfter, dass unsere Medikamente nicht mehr wirken und das zusätzlich alte Erkrankungen wie z.B. Masern und Polio etc. sowie auch neue biologische Herausforderungen gehäuft auftreten.

Durch die deutlich engere Verzahnung der Lebensmittel- und Touristikindustrie, der gestiegenen Bevölkerung und der Enge, auf der diese lebt kommt es aber heutzutage im Gegensatz zu "früher" sehr schnell zu gefährlichen Ausbrüchen mit potentiell hohen Opferzahlen, auch über Kontinente hinaus.

Das ist im Gegensatz zu früher n e u und erfordert unbedingt eine Anpassung unserer Abwehrmaßnahmen.

Wo auf der Welt gibt schon effektive Systeme, die ggf. adaptiert werden müssen ("wir müssen ja das Rad nicht neu erfinden")?


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