Ärzte Zeitung, 27.06.2011

EHEC-Report: ein Steckbrief mit vielen Kuriositäten

Das Wort "ungewöhnlich" dominiert die vorläufige Bilanz des EHEC- Ausbruchs. Es gilt für den Erreger selbst, den hohen Anteil an HUS und an erkrankten Erwachsenen.

Von Angela Speth

EHEC-Report: ein Steckbrief mit vielen Kuriositäten

HAMBURG. Bei einem Viertel der EHEC-Patienten eskalierte die Infektion zum Hämolytisch-Urämischen Syndrom HUS, im Vergleich etwa zu 6 Prozent bei einer US-Epidemie.

89 Prozent dieser Erkrankten waren Erwachsene im Alter von median 43 Jahren, wogegen sonst hauptsächlich Kinder gefährdet sind. Und mit 68 Prozent traf HUS vor allem Frauen - so die Kernaussagen im jetzt veröffentlichten Report des Robert Koch-Instituts (NEJM online).

Wie das RKI berichtet, meldete die Uniklinik Hamburg am 19. Mai, dass am selben Tag gleich drei Kinder mit HUS aufgenommen worden waren. Am folgenden Tag reisten die RKI-Mitarbeiter an. Rasch zeichnete sich ab, dass die Ausbreitung im vollem Gang war, und sie begannen, den Verlauf zu dokumentieren.

Bis zum 18. Juni wurden in Deutschland 3222 Patienten mit EHEC gemeldet, 39 starben. Weiter aufgeschlüsselt: Bei 2412 blieb es bei einer Gastroenteritis, die trotzdem bei 12 - medianes Alter: 83 Jahre - tödlich endete (0,5 Prozent). Bei 810 kam es zum HUS, das bei 27 - medianes Alter: 74 Jahre - letal verlief (3,3 Prozent).

Der Ausbruch begann am 1. Mai und spitzte sich ab dem 8. Mai zu. Der räumliche Schwerpunkt lag in Norddeutschland, der zeitliche zwischen dem 21. und 23. Mai. Die Inkubationszeit betrug acht Tage, wogegen für andere EHEC-Ausbrüche drei bis vier Tage geschätzt wurden.

Vom Beginn der Diarrhoe bis zum HUS dauerte es fünf Tage. Die HUS-Inzidenz war bei Frauen zwischen 30 und 34 Jahren am höchsten, bei Männern zwischen 25 und 29. Nur ein Prozent der HUS-Patienten war jünger als 5 Jahre, dagegen war dies genau das mediane Alter aller HUS-Patienten von 2001 bis 2011.

Bei wem sich ein HUS entwickeln würde, war nicht vorauszuahnen - nicht einmal an der Schwere der Anfangssymptome ließ sich die Komplikation ablesen. Meist entwickelte sie sich sehr unvermittelt, mehrere Patienten hatten sich schon seit Tagen von den blutigen Durchfällen erholt.

Sicheres Indiz ist allein eine plötzliche Veränderung der Laborwerte, weshalb die Forscher für eine frühe Diagnose tägliche Messungen von Plättchenzahl, Kreatinin und Laktatdehydrogenase empfehlen.

Die höchsten HUS-Raten gab es in Hamburg mit 10,1 Patienten auf 100.000 Einwohner, gefolgt von Schleswig-Holstein mit 6,7, Bremen mit 2,7, Mecklenburg-Vorpommern mit 2,2 und Niedersachsen mit 1,7.

Wenn Menschen anderer Bundesländer erkrankten, dann Reisende, die in Norddeutschland gewesen waren. Ausnahme: Cluster in Nordrhein-Westfalen und Südhessen, die mit Restaurantbesuchen verknüpft sind. Auch aus 15 weiteren Staaten wurden Fälle gemeldet, meist ebenfalls mit deutscher Infektionsquelle.

Den Forscher zufolge ist der Keim besonders virulent. Mögliche Gründe, warum Erwachsene und Frauen überrepräsentiert sind: häufiger Kontakt mit dem Bakterium oder dessen spezifische Eigenschaften.

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