Dienstag, 22. Juli 2014
Ärzte Zeitung online, 05.07.2011

EHEC - Sprossen vom Nil unter dringendem Verdacht

Ägyptische Sprossensamen sollen es gewesen sein: Sie sollen die EHEC-Epidemie ausgelöst haben, glauben Lebensmittelfahnder. Nun gilt ein Importstopp, Samen werden aus dem Handel gerufen. Die Kontrolleure warnen: Die verdächtigen Sprossensamen könnten weiter für Ausbrüche sorgen.

EHEC-Sprossen - Experten erhärten Spur an den Nil

Sprossen von der Speisekarte gestrichen: Die Spur nach Ägypten verdichtet sich.

© dpa

PARMA (nös). Die Spur der EHEC-Keime wird immer klarer. Einen ersten großen Durchbruch konnten europäische Lebensmittelkontrolleure vergangene Woche vermelden.

Jetzt haben sie nachgelegt und ihre Erkenntnisse bestätigt: Die EHEC-Keime kamen höchstwahrscheinlich über verunreinigte Sprossensamen von Bockshornklee aus Ägypten nach Europa.

Tagelang haben die Experten der europäischen Lebensmittelsicherheitsbehörde EFSA im italienischen Parma Lieferlisten aus den EU-Staaten ausgewertet und Spuren zurückverfolgt. Das Ergebnis: Bockshornklee aus Ägypten ist "die am ehesten gemeinsame Verbindung".

Warnung vor der Sprossencharge

Nun warnt die europäische Behörde vor den Sprossen: "Es scheint angebracht, alle Chargen von Bockshornklee des identifizierten Exporteurs als verdächtig zu betrachten" (EFSA 2011, online 5. Juli).

Die Zahl der Länder, die Samen der verdächtigen Charge erhalten haben, ist laut EFSA viel größer als vorher bekannt war. Österreich soll unter anderem von der Lieferung erhalten haben, auch weitere Abnehmerländer seien nicht auszuschließen. Auch andere Chargen könnten betroffen sein.

Die Empfehlung an die EU-Kommission lautet daher auch, "alle Anstrengungen zu unternehmen, um eine weitere Exposition der Verbraucher zu verhindern".

15 Tonnen Saatgut stehen im Verdacht

In der Konsequenz müssten die verdächtigen Samenchargen aus dem Handel gezogen werden. Doch das könnte eine große Herausforderung werden, denn die Rede ist von insgesamt 15 Tonnen Bockshornkleesamen.

Und: Sie wurden bereits im Dezember 2009 aus Ägypten importiert. Ein großer Teil könnte bereits verbraucht oder aber mit anderen Chargen vermischt sein.

Zunächst ging der Weg der Sprossen per Schiff nach Antwerpen und von der mit dem LKW zu dem Großhändler nach Nordrhein-Westfalen.

Ende Dezember 2009 und im März 2010 wurden insgesamt zehn Tonnen davon an einen weiteren deutschen Zwischenhändler geliefert. Von ihm gingen 75 Kilogramm an den Biohof in Niedersachen - die Epidemiologen nennen ihn "Betrieb A". Sprossen dieses Herstellers gelten als Hauptverdächtige für den Ausbruch in Deutschland.

Parallel lieferte die nordrhein-westfälische Großhändler im Januar 2010 insgesamt 400 Kilogramm der Bockshornkleesamen an einen Lieferanten nach Großbritannien.

Verpackt in 200 Beutelchen und verteilt in Frankreich

Der Saatguthändler Thompson & Morgan in Ipswitch verpackte die Samen schließlich an rund 2000 Beutel à 50 Gramm um, die er an einen Zwischenhändler in Frankreich lieferte.

Das Unternehmen hatte jüngst bestätigt, dass die Quelle dieser Samen Ägypten ist. Derzeit warte man auf Laborergebnisse der britischen Lebensmittelbehörde. Thompson & Morgan bestätigte allerdings, dass die Produkte ausschließlich nach Frankreich geliefert wurden. Dort gingen sie an etwa 200 Läden.

Ein Abnehmer dort waren die Veranstalter, die am 8. Juni einen Tag der offenen Tür in Bègles bei Bordeaux ausgerichtet hatten. Eingeladen hatte der Kindergarten der Gemeinde.

Sprossen im Kindergarten gegessen

Auch ans Essen hatten die Organisatoren gedacht: Auf dem kalten Buffet standen neben Gemüsen, Dips und Gazpacho auch Kaltschalen - garniert mit den Sprossen, gezogen aus den ägyptischen Bockshornkleesamen (Eurosurveillance 2011; 16(26): 30 Juni).

Zwei Wochen später wurden aus Bordeaux acht Fälle des hämolytisch-urämisches Syndrom (HUS) gemeldet, kurze Zeit später erkrankten acht weitere Personen an blutigen Durchfällen.

Französische Seuchenexperten fuhren nach Bordeaux in das Robert Picqué Hospital, an dem alle Patienten behandelt wurden. Erste Befragungen ergaben keine konkreten Hinweise auf die zuvor gegessenen Lebensmittel.

Zweite Befragung brachte das Ergebnis

Doch die Fahnder gaben nicht auf und besuchten die Patienten ein zweites Mal. Nun hatten sie ihren Fragebogen gezielt auf die Sprossenhypothese hin überarbeitet. In Deutschland waren zu dem Zeitpunkt bereits Sprossen als Einträger der EHEC-Keime in den Fokus gerückt.

Und tatsächlich konnten sich neun Erkrankte nun daran erinnern, Sprossen gegessen zu haben. Sie waren alle zu Gast bei der Veranstaltung in dem Kindergarten. Zwei weitere Patienten, die ebenfalls bei dem Tag der offenen Tür waren, konnten wegen ihres Gesundheitszustands noch nicht umfassend befragt werden.

Bei vier Patienten konnte zudem der derzeit zirkulierende E.-coli-Serotyp O104:H4 nachgewiesen werden. Ein genetischer Abgleich der Proben aus Frankreich mit Proben aus Deutschland zeigte, dass beide Stämme verwandt sind und dieselben Virulenzmerkmale aufzeigen.

Lesen Sie alle Berichte und Hintergründe in unserem Special zur EHEC-Welle.

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[07.07.2011, 00:00:50]
Dr. Hussein Al Shami 
Wieder mal so eine Gurkenbeurteilung
wie kann man so eiene Aussage treffen ohne einen direkten EHEC-Nachweis von den Samen zu haben.....oder will man hier die Quelle aus Europa entfernen damit in Europa die Ruhe einkehrt. Ein Schuldiger ist gefunden, geaandet und jetzt iat die (europäische) Welt in Ordnung....etwas dünn. zum Beitrag »

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