Ärzte Zeitung, 21.07.2011

EHEC überfordert Gesundheitsämter nicht

EHEC überfordert Gesundheitsämter nicht

Der öffentliche Gesundheitsdienst fühlt sich in der EHEC-Epidemie falsch beurteilt. Eine Zentralisierung des Meldewesens beim Robert Koch-Institut sei falsch.

BERLIN (af). Die Forderung der Universitätskliniken, die Meldewege bei Infektionskrankheiten wie EHEC ausschließlich zum Robert Koch-Institut (RKI) zu leiten, stößt auf den Widerspruch der Ärzte des öffentlichen Gesundheitsdienstes (ÖGD).

Nicht nur das RKI, sondern auch die Gesundheitsämter vor Ort hätten einen wichtigen Beitrag zur Bewältigung der EHEC-Epidemie geleistet und verfügten über das epidemiologische und infektiologische Know How zur Bewältigung von Infektionskrankheiten, teilte Dr. Ute Teichert-Barthel mit, die Vorsitzende des Verbandes der Ärzte des ÖGD.

Der Vorsitzende des Medizinischen Fakultätentages, Professor Dieter Bitter-Suermann hatte gefordert, den Kommunikationswirrwarr auf den Epidemie-Meldewegen zu beseitigen.

Sein Vorschlag lautete, dass Ärzte Verdachtsfälle zusätzlich zu den lokalen Gesundheitsämtern auch direkt an das RKI melden sollten. Dort sei das erforderliche Wissen konzentriert. Den Gesundheitsämtern hatte er vorgeworfen, zur Meldung von Infektionskrankheiten noch die Briefpost zu nutzen.

Von einem solchen Wirrwarr könne keine Rede sein, sagte Dr. Claudia Kaufhold vom Berlin-Brandenburger Verband der Ärzte des öffentlichen Gesundheitsdienstes der "Ärzte Zeitung".

Die Daten eines Ausbruchs würden binnen Tagesfrist über ein behördeninternes Email-System an die Landesämter und das RKI übermittelt.

Die Hauptaufgabe der Gesundheitsämter liege darin, die Weiterverbreitung von Infektionskrankheiten zu verhindern, sagte Dr. Claudia Kaufhold von der Berliner Sektion des Verbandes der "Ärzte Zeitung". Dafür könnten die Mitarbeiter auf ihre Ortskenntnisse zurückgreifen.

Der ÖGD-Verband beklagte, dass selbst die Universitätsmedizin zu wenig über den Gesundheitsdienst wisse und forderte Lehrstühle für das öffentliche Gesundheitswesen.

[12.09.2011, 10:19:41]
Amadeus Schubert 
10 Jahre IfSG in der Praxis erfolgreich - und nun "Alle Macht dem RKI"?
Mit großem Befremden hat der Vorstand des BVH e.V. die Aussagen des Professor Bitter-Suermann, Präsident des Medizinischen Fakultätentages, in Ihrem Artikel "Alle Macht dem RKI" zur Kenntnis genommen.

Offenbar ist es „schick“, sich in den Mainstream der fachfremden Beurteilungen einzureihen. Die Öffentlichkeit wird ohne Gleichen desinformiert: zunächst wird die Arbeit des RKI madig gemacht, weil nicht binnen Stunden die Infektionsquelle für die EHEC/HUS-Erkrankungen bekannt gegeben werden kann, dann wird den Hygieneinspektoren im TV jegliche fachliche Fähigkeit abgesprochen und obendrein vom Präsidenten des RKI und der Bundesgesundheitsministerin unwidersprochen hingenommen und am Ende wird nicht nur den Gesundheitsämtern sondern gleich dem gesamten öffentlichen Gesundheitsdienst jegliche Kompetenz versagt.

Im Falle des Herrn Bitter-Suermann können die Mitglieder unseres Bundesverbands, die als Hygieneinspektoren in den über 420 deutschen Gesundheitsämtern und Landesämtern gemeinsam mit den Ärzten tagtäglich nicht nur den Infektionskrankheiten begegnen, diesen Äußerungen nur kopfschüttelnd Unverständnis entgegen bringen. Es stellt sich jedem Mitarbeiter mindestens die Frage, wo denn das Fachwissen über den öffentlichen Gesundheitsdienst eigentlich geblieben ist. Es ist für informierte Fachleute klar ersichtlich, dass alle am jüngsten Ausbruch Beteiligten ihren Job gemacht haben. Und dies nicht im Sinne von „Dienst nach Vorschrift“, sondern hochmotiviert und engagiert, auch nachts und wochenends, wie jegliche Ausbrüche und ihre Be- und Aufarbeitung in der Vergangenheit zeigten.

Das Infektionsschutzgesetz, was bekanntlich seit 10 Jahren in der Praxis umgesetzt wird, hat sich, im Kommunikationsverbund Arzt/Klinik – Gesundheitsamt – Landesamt – RKI, grundlegend bewährt. Änderungen sind, auf Grund der gesammelten Erfahrungen, durchaus sinnvoll, wenn nicht gar erforderlich. Das kann jedoch nicht bedeuten, dass allen versierten Fachleuten jenseits des RKI die Kompetenz en abzusprechen sind.

Bevor man sich in der Öffentlichkeit äußert und eine vermeintliche Lösung präferiert, sollte man zunächst mit allen Experten des öffentlichen Gesundheitsdienstes eine Bestandsaufnahme machen, um zu sinnvollen und praktikablen Erkenntnissen zu kommen. In der föderalen Demokratie bringen weder Axt noch napoleonisches Gerassel die erforderlichen Fortschritte.

Mit freundlichen Grüßen

Amadeus Schubert
stellv. Vorsitzender
Bundesverband der Hygieneinspektoren e.V. zum Beitrag »
[25.07.2011, 10:46:51]
Dr. Michael Dörr 
Alles korrekt
Die Gesundheitsämter nutzen selbstverständlich moderne Meldeverfahren. Außerdem sind sie hinsichtlich ihrer Ermittlungstätigkeit bei Infektionskrankheiten auf Grund der regionalen Kenntnisse alternativlos.
Es bleibt völlig unverständlich, wie Pressemitteilungen über tagelange Versandzeiten von Arzt- oder Labormeldungen zustande kommen.

Mit freundlichen Grüßen
Dr. M. Dörr zum Beitrag »

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