Ärzte Zeitung online, 14.11.2011

EHEC: Zahlen, eine Hypothese und Entsetzen

Wochenlang hatte EHEC Deutschland im Griff. Ärzte sprechen jetzt von Erfolgen mit ihrer Rescue-Therapie. Ein Medienbericht sorgt derweil für Verwirrung: Die Bakterien könnten erst in Deutschland "aktiviert" worden sein. Der zitierte Experte ist entsetzt.

EHEC: Zahlen, eine Hypothese und Entsetzen

Biohof in Bienenbüttel: Die Toiletten neben dem Brunnen.

© dpa

PHILADELPHIA/HAMBURG/BONN (nös). Die Zeit der EHEC-Nachlese geht in die nächste Runde. Nachdem die Behörden jüngst ihre Abschlussberichte vorgelegt und die deutschen Nephrologen ein erstes Fazit gezogen hatten, gibt es jetzt neue Daten zur Rescue-Therapie.

Auch der Weg, auf dem die Bakterien die Epidemie ausgelöst haben sollen wird nun angeblich infrage gestellt. Der Bericht sorgt für Verwirrung - der zitierte Experte ist entsetzt.

Während der Epidemie mit enterohämorrhagischen Escherichia coli (EHEC) infizierten sich seit Anfang Mai alleine in Deutschland 3842 Menschen. Die meisten Erkrankten bekamen wässrige bis blutige Durchfälle.

Von den Infizierten entwickelten 855 ein hämolytisch-urämisches Syndrom (HUS), rund die Hälfte von ihnen mit neurologischen Ausfällen bis hin zur Beatmungspflicht. Weltweit starben 53 Patienten, die sich mit dem EHEC-Serotyp O104:H4 infiziert hatten.

Hoffnungsschimmer Antikörper

Bei den teils sehr schweren HUS-Verläufen kamen die Klinikärzte schnell mit ihrem Latein ans Ende. Ein Hoffnungsschimmer war ab Ende Mai der Antikörper Eculizumab (Soliris®), der die terminale Komplementkaskade blockiert.

Ein internationales Autorenteam, darunter der Heidelberger Nephrologe Professor Franz Schaefer, hatte kurz zuvor von Erfolgen mit dem Wirkstoff bei drei Kindern berichtet.

Von einem Erfolg mit der Therapie sprach nun auch Professor Rolf Stahl vom Uniklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) am Freitag in Philadelphia.

Auf der "Kidney Week" der amerikanischen Nephrologengesellschaft ASN hatte er erste Daten einer klinischen Studie mit dem Antikörper Eculizumab vorgestellt. Am Montag präsentierte er die Daten auch in Hamburg.

Patienten aus sieben Zentren

In der offenen nicht-randomisierten Studie waren 148 HUS-Patienten der EHEC-Epidemie aus insgesamt 7 Zentren eingeschlossen. Sie alle erhielten Eculizumab über acht Wochen.

Anfangs hatten die Hamburger Kollegen zunächst noch den Plasmaaustausch eingesetzt - er war bislang Standard in der Therapie. Da der Erfolg ausbliebt, wurden später eingewiesene Patienten direkt mit Eculizumab behandelt.

Laut Stahls Zwischenergebnissen konnten alle Patienten nach der Therapie von der Dialyse genommen werden. Bei 95 Prozent verbesserte sich der Gesundheitszustand, bei 94 Prozent die Nierenfunktion, bei 85 Prozent gingen die neurologischen Ausfälle zurück.

Von den mit Eculizumab behandelten Patienten starben laut den in Philadelphia präsentierten Daten drei. Die Todesursache muss aber nicht zwingend auf die Therapie zurückgehen.

Studie läuft seit Sommer

Die einarmige nicht-kontrollierten Studie ist noch nicht abgeschlossen. Die Studie, die von dem Eculizumab-Hersteller Alexion unterstützt wird, soll Mitte 2012 präsentiert werden. Laut Protokoll sollen bis dahin bis zu 400 HUS-Patienten eingeschlossen sein.

Das UKE und Alexion hatten die Studie im Juni 2011 angekündigt, kurz nachdem deutsche Ärzte mit dem Einsatz des Antikörpers begonnen hatten.

Größtes Manko der Studie, das betont Studienautor Stahl selbst, ist die fehlende Kontrollgruppe. Experten hinterfragen zudem die lange Therapiedauer von acht Wochen.

Unterschiede bei der Therapiedauer

In der Schaefer-Studie erhielten die drei Kinder jeweils zwei bzw. vier Infusionen - jeweils im Abstand von einer Woche.

Die Hoffnung auf umfangreichere Daten zur HUS-Therapie während der EHEC-Epidemie ruht nun auf dem Register, das die deutschen Nephrologen aufgelegt hatten.

Dort sind 589 Patienten aus 79 Kliniken und Praxen eingeschlossen - die Patienten der Hamburger Studie werden nicht mit einbezogen.

Registerdaten erwartet

Rund 93 Prozent aller Registerpatienten hatten während der Erkrankung eine Plasmapherese erhalten und rund 36 Prozent den Antikörper Eculizumab. Knapp 60 Prozent wurden während der Therapie dialysiert, oft wegen Hypervolämie.

Bei einer ersten Auswertung ergab sich abhängig der gewählten Therapie kein deutlicher Unterschied bei der Dauer der Hospitalisierung.

Unter den Nephrologen scheint allerdings Konsens zu herrschen, dass der alleinige Plasmaaustausch nur einen geringen Nutzen hat. Endgültige Ergebnisse sollen Ende des Jahres vorliegen.

Durch die Toilette aktiviert?

Unterdessen zitierte der Focus den Bonner Hygieneexperte Professor Martin Exner mit einer neuen Hypothese über den Eintragungsweg der EHEC-Keime.

Die europäische Lebensmittelbehörde EFSA, wie auch die deutschen Fachinstitute BfR und RKI sehen die Quelle in Ägypten. Überträger sollen verunreinigte Bockshornkleesamen gewesen sein.

Exner soll einem Vorabbericht des "Focus" zufolge die Personaltoiletten auf dem Biohof in Bienenbüttel als wesentlich für die "Aktivierung" der Keime gehalten haben. Von dem Hof waren die gekeimten Sprossen in den deutschen Handel gelangt.

Lebensfähig aber nicht kultivierbar

Dem Hygieneexperten zufolge könnten die Bakterien im VBNC-Status nach Deutschland gelangt sein - sie waren zwar lebensfähig aber nicht kultivierbar.

Exner widerspricht dem Vorabbericht des Magazin: Er sei entsetzt, sagte er der "Ärzte Zeitung". "Ich habe nie mit dem Focus gesprochen."

Tatsächlich hatte das Nachrichtenmagazin über einen Kongress berichtet, auf dem Exner seine Hypothese vorgestellt hatte. Erst in dem Vorabbericht hieß es schließlich, Exner habe die Vorwürfe im Gespräch mit dem "Focus" erhoben.

Es gehe allerdings lediglich um eine Hypothese, sagte Exner. Laut "Focus" soll der Brunnen für die Bewässerung der Sprossen im Biohof zu dicht an Personaltoiletten liegen. Dies, so schreibt das Magazin, könnte laut Exners Auffassung die Verseuchung der Sprossen ausgelöst haben.

Die EU-Behörden hatten tausende Proben von Bockshornkleesamen untersucht - bislang ohne positiven Befund. Auch eine Erkundungsmission in Ägypten bliebt ohne positive Ergebnisse.

Lesen Sie dazu auch das Update:
EHEC - Waren es Hygienemängel?

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