Ärzte Zeitung, 01.09.2011

Per Gen-Check mehr Durchblick bei Krebs?

Per Gen-Check mehr Durchblick bei Krebs?

Forscher in Heidelberg wollen in wenigen Jahren bei Krebskranken routinemäßig das komplette Genom sequenzieren. Doch viele Fragen sind noch ungeklärt.

HEIDELBERG (gvg). Über personalisierte Medizin wird viel geredet. Die am individuellen Genotyp ausgerichtete Arzneitherapie gilt vielen als neue Ära der klinischen Medizin. Andere wittern vor allem Profitinteressen der Pharma- und Diagnostikhersteller.

Krebsexperten des Nationalen Centrums für Tumorerkrankungen (NCT) in Heidelberg wollen bei der personalisierten Medizin jetzt Nägel mit Köpfen machen. Im Schulterschluss mit dem Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) möchte man in etwa fünf Jahren eine Komplettsequenzierung des Genoms von Krebspatienten quasi als Eingangsuntersuchung routinemäßig anbieten.

Molekularbiologisch ist fast jeder Tumor anders

"Anfangen wollen wir mit Hirntumoren sowie Prostata- und Pankreaskarzinomen", betont DKFZ-Chef Professor Otmar Wiestler. Wenn sich das bewährt, sollen weitere Tumorentitäten folgen. Aber ist das Ganze sinnvoll? "Die Grundlage dieses Konzepts ist die Erkenntnis, dass Krebs eine erworbene genetische Erkrankung ist", betont Professor Christof von Kalle, Leiter der Sektion "Translationale Onkologie" am NCT/DKFZ.

Ursprünglich intakte Zellen häufen über die Jahre aus unterschiedlichen Gründen Genmutationen an und geraten irgendwann außer Kontrolle: Krebs. Eine wichtige Erkenntnis der letzten Jahre: Diese genetischen Veränderungen sind höchst variabel. Aus der Perspektive der Molekularbiologie ist fast jeder Tumor anders.

"Im Mittel sind etwa 15 bis 20 Genveränderungen nötig, bis eine Zelle maligne wird", so Wiestler. Diese zu finden und damit ein individuelles genetisches Profil des Tumors zu erstellen, das ist der tiefere Sinn der angestrebten Genomsequenzierung bei Krebspatienten.

Aufbauend darauf könnten dann "personalisierte" Therapien ausgewählt werden: Kombinationstherapien, die genau diese oder jene Enzyme aktivieren oder blockieren, die beim individuellen Patienten als Folge der Genveränderungen fehlgesteuert sind.

Datenschutz ist ein wichtiger Faktor zum Erfolg

Dass solche Diagnostik- und Therapiekonzepte in klinischen Studien auf ihren Erfolg hin überprüft werden müssen, liegt auf der Hand. Es stellen sich aber auch noch ganz andere Fragen. Ein wichtiges Thema ist der Datenschutz. Was die Heidelberger Experten planen, erfordert eine Komplettsequenzierung des Tumorgenoms und zusätzlich des Genoms einer gesunden Körperzelle.

Denn letztlich interessiere nur das, was sich im Rahmen der Krebsentstehung verändert habe, betont von Kalle. Diese "Differenz" aus gesundem und krankhaft verändertem Genom wäre die Grundlage der personalisierten Onkologie.

Für den Datenschutz ist das insofern günstig, als die Onkologen in einem solchen Szenario im Therapiealltag nicht mit kompletten genetischen Datensätzen hantieren, sondern nur mit tumorspezifischen Profilen, die über den Menschen dahinter kaum etwas aussagen.

Der Umgang mit den Daten müsste dann so gestaltet werden, dass außer der genetischen Differenz keine Daten nach außen gelangen. Denkbar wäre etwa, das komplette Genom eines Patienten- ein Datensatz von etwa 400 Gigabyte - auf eine Festplatte zu speichern und sie als einzige existierende Kopie in einen Safe zu sperren.

Eine andere Variante wäre, den Datensatz in die Hand des Patienten zu geben und diese Daten überall sonst zu löschen.

Als lösbar betrachten die meisten Experten die technischen und finanziellen Herausforderungen. Die enormen Rechen- und Speicherkapazitäten, die die routinemäßige Genomsequenzierung erfordert, werden längst aufgebaut. In Heidelberg, wo seit einiger Zeit 15 modernste Sequenzierungsroboter im Rahmen des internationalen Krebsgenomprojekts ihren Dienst tun, geschieht das unter Beteiligung von Unternehmen wie IBM.

Die Kosten für die Komplettsequenzierung befinden sich derzeit im Sinkflug, und ein Ende ist nicht abzusehen.

"Im nächsten Jahr dürften wir 3000 Euro für ein Komplettgenom erreichen, oder 10.000 Euro, wenn die Prozessierungskosten mitgerechnet werden", so von Kalle. Es gilt als sicher, dass das noch nicht das Ende der Fahnenstange ist. Und wenn die Kosten noch etwas fallen, ist man vielleicht schon in fünf Jahren in einer Region, in der sich auch die apparative Großgerätediagnostik abspielt.

Lesen Sie dazu auch:
Revolution in der Therapie durch personalisierte Medizin

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