Ärzte Zeitung, 19.12.2005

Stehen Monozyten am Anfang der Entwicklung eines Morbus Crohns?

Galenus-Preis für Ergothionein-Forschung

NEU-ISENBURG (gvg). Warum kommt es zu einem Morbus Crohn? Die Antwort darauf kennt bisher niemand, doch mit dem Galenus-Preis ausgezeichnete Wissenschaftler aus Köln haben jetzt zumindest eine interessante, neue Hypothese aufgestellt: Das Problem könnte bei Monozyten liegen, die zu wenig Ergothionein aufnehmen.

Ergothionein ist eine Substanz, die von Pilzen und Mykobakterien synthetisiert wird. Sie gelangt über einen spezifischen Transporter in das Zellinnere, unter anderem in die Frühformen von Erythrozyten im Knochenmark. Das entsprechende Gen war schon länger bekannt.

DIE PREISTRÄGER

Für ihre Arbeit zum Ergothionein-Transporter werden mit dem
Galenus-Preis der Kategorie B
geehrt:

Von der Abteilung für Pharmakologie der Universität Köln:
Privatdozent Dirk Gründemann
Privatdozent Reinhard Berkels
Dr. Andreas Lazar
Stephanie Harlfinger
Professor Edgar Schömig

Von der Abteilung für Innere
Medizin I der Universität Köln:
Privatdozentin Andrea Rubbert
Dr. Norma Jung

Von der Abteilung Pharma-Forschung - Molekulare Screening Technologie des Unternehmens Bayer HealthCare:
Dr. Stephan Golz
Dr. Andreas Geerts
 

Für den Nachweis, daß dieses Gen, das mit einem erhöhten Risiko für die Entwicklung eines Morbus Crohn einhergeht, für einen Ergothionein-Transporter codiert, erhielt Privatdozent Dirk Gründemann von der Universität Köln mit seinen Kollegen, wie berichtet, den von der "Ärzte Zeitung" gestifteten Galenus-von-Pergamon-Preis 2005 in der Kategorie B.

Keine Mangelerscheinungen bei ergothioneinfreier Diät

Warum besitzen Lebewesen ein Transportmolekül für eine Substanz, die im eigenen Körper natürlicherweise gar nicht vorkommt? Bei Vitaminen ist das zwar ähnlich, doch anders als bei Folsäure oder Vitamin B12 sind bei ergothioneinfreier Ernährung bisher keinerlei Mangelerscheinungen bekannt. Die Substanz scheint also nicht lebensnotwendig zu sein. "Es gibt dazu bisher nur Theorien", so Gründemann im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung".

Die aber haben es in sich. Ergothionein könnte demnach eine antioxidative Substanz sein, die der Organismus in bestimmten Zellen für Extremsituationen von oxidativem Streß gewissermassen bunkert. Erythrozyten zum Beispiel werden im Knochenmark mit Ergothionein geradezu angereichert, obwohl mit Glutathion und Ascorbat potente Antioxidantien in Hülle und Fülle zur Verfügung stehen.

Doch die sind mit dem Schutz des Hämoglobins überfordert, wenn es zum Beispiel zu einer Nitratbelastung kommt. Aufgrund der molekularen Struktur des Ergothioneins werde vermutet, daß es spezifisch Eiweiße mit eisenhaltiger Hämgruppe schützt, so Gründemann, und zwar dann, wenn andere Schutzmechanismen versagen.

Monozyten mit Schlüsselfunktion bei Darmwandentzündung

Was hat das alles mit Morbus Crohn zu tun? Erythrozyten sind nicht die einzigen Zellen, die einen Ergothionein-Transporter haben. Auch Monozyten gehören dazu, denen bei den Darmwandentzündungen bei der Darmerkrankung eine Schlüsselrolle zufällt.

Deren Funktion könnte gestört sein, wenn der schützende Ergothionein-Transporter defekt ist. Dadurch könnten die Monozyten dann so aus dem Gleichgewicht geraten, daß sie pathologische Entzündungsreaktionen wie die beim Morbus Crohn beobachteten Granulome verursachen.

Bisher ist das alles noch Spekulation. "Niemand ist bisher auf die Idee gekommen, zu untersuchen, ob Patienten mit Morbus Crohn darauf achten müssen, wie viel Ergothionin sie zu sich nehmen", so Gründemann.

Vor klinischen Studien steht die Grundlagenforschung: "Wir suchen jetzt gezielt Moleküle mit Häm-Gruppen, die in den Monozyten vorkommen". Denn die könnten bei defektem Ergothionein-Transporter eventuell jene Probleme machen, die am Anfang des Morbus Crohn stehen.

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