Ärzte Zeitung, 21.03.2005

1988: Preis für die erste rekombinante Vakzine

Impfstoff gegen Hepatitis B zum Gewinner gekürt

Modell des Virus-Erregers der Hepatitis B. Foto: Aventis-Pasteur MSD

Eine erneute große Innovation in der Arzneimittel-Forschung - 1988 mit dem Claudius-Galenus-Preis der Kategorie A ausgezeichnet - war der erste gentechnisch hergestellte (rekombinante) Impfstoff gegen Hepatitis B, Gen H-B-Vax®, von dem Unternehmen MSD Sharp & Dohme. Es war zugleich der erste gentechnisch mit Hilfe von Mikroorganismen produzierte Impfstoff.

Bevor dieser Impfstoff zur Verfügung stand, mußten virale Antigene aus dem Plasma von Menschen, die mit dem Hepatitis-B-Virus (HBV) infiziert waren, für einen Impfstoff herhalten. Das Neue an der ausgezeichneten Vakzine: Sie enthält nur das Oberflächen-Antigen HBsAg von HBV und läßt sich somit sicher herstellen und verabreichen.

Professor Ellen Weber aus Heidelberg, damals Jury-Vorsitzende, nannte in Berlin bei der Verleihung des Preises auf dem Kongreß für ärztliche Fortbildung die Vorteile der Vakzine: Zum einen bedeute sie die Schaffung einer neuen Generation von Impfstoffen; zum anderen werde der Impfstoff von harmlosen Wirtssystemen produziert. Schließlich lasse sich die Übertragung infektiöser Bestandteile des Virus bei der Impfung vermeiden.

Bei der Preisverleihung prophezeite schließlich Cornelius Janse Lemmer, damals Vorsitzender der Geschäftsführung des Unternehmens, daß die Gentechnik in den nächsten Jahrzehnten neue Arzneimittel hervorbringen werden, die "therapeutische Gewohnheiten in der Medizin" verändern würden. Tatsächlich sind in Deutschland derzeit sechs gentechnisch hergestellte Impfstoffe auf dem Markt.

Die Entwicklung des Impfstoff baute auf der Entdeckung des als Australia-Antigen bezeichneten HBsAg durch Dr. Baruch S. Blumberg von der Medizinischen Hochschule der Universität von Pennsylvania in Pittsburgh Anfang der 60er Jahre auf. Isoliert wurde es erstmals aus dem Plasma eines australischen Ureinwohners, daher die ursprüngliche Bezeichnung Australia-Antigen. Blumberg wurde 1976 für seine Forschung zu Hepatitis B, die früher als Serum-Hepatitis bezeichnet wurde, mit dem Nobelpreis für Medizin geehrt.

MSD hat das aus dem Plasma chronisch Infizierter gewonnene HBs-Antigen anfangs für die Impfstoff-Herstellung verwendet. Gleichzeitig forschten die Wissenschaftler des Unternehmens intensiv an einem rekombinanten Impfstoff. 1983 wurde schließlich die erste gentechnisch hergestellte Vakzine klinisch erprobt. Die klinischen Studien ergaben, daß der rekombinante Impfstoff genauso verträglich, immunogen und protektiv wirksam ist, wie die Impfstoffe der ersten Generation mit den Virusbestandteilen aus dem Plasma chronisch Infizierter.

Im Jahre 1988 wurden die Galenus-Preise der beiden Kategorien B und C nicht vergeben. Stattdessen gab es einen Forschungsförderpreis, mit dem die Wissenschaftler um Professor Gerhard Eisenbrand aus Kaiserslautern und Professor Dietrich Schmähl aus Heidelberg ausgezeichnet worden sind.

Die damals zusätzlich zum Galenus-Preis geschaffene Auszeichnung war mit insgesamt 10 000 DM dotiert. Sie wurde für die Arbeit mit dem Titel "Synthese und Prüfung neuer Zytostatika auf der Basis von Nitrosoharnstoffen sowie Synthese und Prüfung trägerverknüpfter Zytostatika" vergeben. Die mit dem Preis geehrten Wissenschaftler schufen Methoden zur Synthese von weniger toxischen und tumorspezifischeren Zytostatika. (ple)

Weitere Beiträge zur Serie:
"Chronik der Preisträger"

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