Ärzte Zeitung, 23.03.2005

1990: Auszeichnung für das erste Mittel gegen HIV

Preisträger Retrovir® mit dem Wirkstoff Azidothymidin

Modell des Aids-Erregers HIV. Im Zentrum die Reverse Transkriptase, Angriffspunkt für Azidothymidin. Foto: dpa

Der Gewinner des Galenus-Preises der Kategorie A von 1990 steht am Anfang einer Reihe von inzwischen neun Hemmstoffen eines Schlüsselenzyms von HIV. Ausgezeichnet wurde damals Retrovir® mit dem Wirkstoff Azidothymidin (Zidovudin). Das ist ein Nukleosid-Analogon, das als falscher Baustein das Enzym Reverse Transkriptase des Aids-Erregers hemmt.

Dieses erste Mittel gegen das Virus, das erst Anfang der 80er Jahre als Auslöser der Immunschwäche-Krankheit identifiziert worden war, wurde bereits Mitte 1985 erstmals Patienten verabreicht und dann im Jahre 1987 in Deutschland zugelassen.

Drei Jahre später wurde das Medikament Retrovir® von dem Unternehmen Wellcome, heute GlaxoSmithKline, mit dem von der "Ärzte Zeitung" gestifteten Galenus-Preis gewürdigt.

Bei der Preisverleihung auf dem Berliner Ärzte-Kongreß sagte Professor Ellen Weber, damals Vorsitzende der Jury, daß das erste zugelassene Arzneimittel gegen die erworbene Immunschwäche ein guter Anfang für die Lösung des Aids-Problems sei. Bei der Entwicklung habe es geradezu einen Wettlauf mit dem Tod gegeben.

Für Oliver Price von dem Unternehmen Wellcome war es besonders erfreulich, daß auch der Wert der niedrigen Dosierung und die Anwendung im frühen Stadium der Infektionskrankheit gesichert gewesen sei. Die Verleihung des Galenus-Preises an das Virostatikum sei eine ganz besonders große und auch unerwartete Ehre.

1990 gab es auch Preise in den Kategorien B und C. In der Kategorie B wurden Dr. Norbert Dereu, Dr. Hartmut Fischer, Dr. Erich Graf, Dr. Peter Kuhl, Dr. Sigurd Leyck, Dr. Michael J. Parnham, Dr. Axel Römer, Dr. Rolf Terlinden und Dr. Helmut Wetzig vom Kölner Forschungszentrum des Unternehmens Rhône-Poulenc / Nattermann sowie Professor Helmut Sies von der Universität Düsseldorf und Professor Dr. Albrecht Wendel von der Universität Konstanz ausgezeichnet.

Die Forscher entwickelten das antioxidative Präparat Epselen, eine niedermolekulare organische Selenverbindung, die dem natürlichen Enzym Glutathionperoxidase nachgebaut wurde. Das Enzym ist am Abbau und der Entgiftung von Wasserstoffperoxid und organischen Hydroperoxiden beteiligt.

Mit dem Galenus-Preis der Kategorie C wurde schließlich die Arbeitsgruppe um Privatdozent Dr. Walter Jens Zeller vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg ausgezeichnet, und zwar für ihre Arbeit mit dem Titel "Liposomen und Polylaktid-Carrier - Möglichkeiten der lokalen Chemotherapie maligner Gehirntumoren". Die Wissenschaftler forschten an Glioblastom-Modellen.

Die Heidelberger Arbeitsgruppe entwickelte Medikamententräger - auch als Carrier bezeichnet -, die nach einmaliger intratumoraler Injektion eines Medikamenten-Depots eine kontinuierliche Freigabe des Zytostatikums gewährleisten. An Tumoren in Nagetieren untersuchten die Forscher sowohl Liposomen als auch Polylaktid-Stifte als Carrier für Methotrexat.

Die Galenus-Preisträger konnten nachweisen, daß beide Präparationen als Trägersysteme für Zytostatika in der Lage sind, nach intratumoraler Applikation eine verlängerte Verweildauer und eine verzögerte Freisetzung des Chemotherapeutikums zu bewirken.

Die Versuche belegten, daß durch die kontinuierliche Freisetzung der Medikamente aus geeigneten Carriersystemen die wirksame Dosis von chemotherapeutischen Substanzen erheblich reduziert werden kann.

Weitere Beiträge zur Serie:
"Chronik der Preisträger"

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