Ärzte Zeitung, 04.04.2005

1999: Effektives Mittel gegen die Gier nach Alkohol

Gewinner ist das Anti-Craving-Medikament Campral®

Mit dem seit 1993 nur noch alle zwei Jahre vergebenen Galenus-von-Pergamon-Preis in der Kategorie A wurde 1999 ein Medikament ausgezeichnet, das Alkoholkranken hilft, nach einer Entgiftungstherapie trocken zu bleiben: das Anti-Craving-Medikament Campral® mit dem Wirkstoff Acamprosat des Unternehmens Merck KGaA aus Darmstadt. Gewürdigt wurde damit zugleich, daß Alkoholabhängigkeit nicht mehr ausschließlich als psychische Erkrankung betrachtet wurde.

Auf der Nervenzellen verhindern Acamprosatmoleküle (lila), daß von Glutamat (G) vermittelte Signale durch Rezeptoren in die Zelle gelangen und die Zelle stimulieren. Es können keine Kalziumionen (Ca) hineinströmen.

Der Vorsitzende der Jury für den von der "Ärzte Zeitung" gestifteten Galenus-Preis 1999, Professor Ernst Mutschler aus Frankfurt am Main, sagte damals in seiner Laudatio aus Anlaß der Preisverleihung bei der Medica in Düsseldorf: "Die ungeheure Bedeutung der Alkoholkrankheit sowohl für die Patienten als auch für ihre Angehörigen und für die Gesellschaft hat den Ausschlag dafür gegeben, daß 1999 dem Anti-Craving-Medikament Campral® der Galenus-von-Pergamon-Preis zugesprochen worden ist."

Es sei das erste Medikament, das die Aufrechterhaltung der Abstinenz nach vorausgegangener Entzugsbehandlung signifikant verbessere.

Acamprosat unterdrückt die Gier nach Alkohol. Die Substanz ähnelt den Aminosäuren Taurin und Gamma-Aminobuttersäure - Neurotransmitter des glutamatergen Systems im Gehirn. Acamprosat heftet sich auf der Zelloberfläche an einen Subtyp der Glutamat-Rezeptoren, den NMDA-Rezeptorkomplex. Das Akronym NMDA steht für N-Methyl-D-Aspartat, das ebenfalls an diesen Rezeptor andocken kann.

Die Bindung von Acamprosat hat vor allem einen antagonistischen Effekt: Sie hemmt die Übererregung von Neuronen durch den exzitatorischen Rezeptor. Von diesem Rezeptortyp gibt es bei Alkoholkranken durch den chronischen Alkoholkonsum viel zu viele. Worauf beruht das?

Alkohol selbst hemmt Ionenströme, die durch Glutamat über den NMDA-Rezeptor fließen. Das lassen sich die Neuronen gewissermaßen nicht gefallen und kompensieren das: Sie präsentieren zusätzliche NMDA-Rezeptoren auf der Zelloberfläche. Folge ist, daß Glutamat effektiver wird, die Ionenströme nehmen zu, es kommt zur zentralnervösen Übererregung.

Der Galenus-Preis in der Kategorie B wurde 1999 wieder nicht verliehen. In der Kategorie C - eine Medaille und ein Preisgeld von 25 000 DM - ging der Preis an vier Wissenschaftler aus Berlin: Professor Hermann Haller, Professor Friedrich C. Luft, Privatdozent Dr. Volker Homuth sowie Dr. Gerd Wallukat. Sie sind damit für ihre Forschungsarbeit zu den molekularen Mechanismen der Präeklampsie geehrt worden. (ple)

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Weitere Beiträge zur Serie:
"Chronik der Preisträger"

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