Ärzte Zeitung, 16.10.2007

HINTERGRUND

Nachfolger zahlen für die Übernahme einer Allgemeinarzt-Praxis weniger als für Neugründung

Von Monika Peichl

Die Praxiserlöse sinken weiter. Das zeigt die Existenzgründungsanalyse für die Jahre 2005 und 2006, die das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (ZI) und die apoBank soeben veröffentlicht haben. Der negative Trend gilt für den Durchschnitt aller Fachgruppen und auch für Allgemeinärzte sowie Internisten.

Viele ältere Kollegen machen sich Sorgen: Werden sie beim Verkauf ihrer Praxis
einen akzeptablen Preis bekommen?
Foto: digitalstock, gettyimages, comstock

Dabei taucht in dem Zahlenwerk das Problem überhaupt nicht auf, das die Gesundheitspolitiker und die Kassenärztlichen Vereinigungen zunehmend beunruhigt (oder beunruhigen sollte): nämlich dass immer mehr Hausärzte auf dem Land mangels Nachfolger ihre Praxis zusperren und die noch brauchbaren Geräte und Einrichtungsgegenstände dem Roten Kreuz spenden.

Diese Fälle sind in der Statistik nicht enthalten, denn die Analyse basiert auf 2600 Praxisfinanzierungen. Wo aber nichts zu finanzieren ist, weil die Ärzte keine Kaufinteressenten finden, werden auch keine Bankkredite benötigt und damit keine Daten erhoben.

Preis für ideellen Wert von Arztpraxen sinkt um elf Prozent

In der Analyse sind Finanzierungsdaten folgender Arztgruppen enthalten: Allgemeinärzte, Anästhesisten, Augenärzte, Chirurgen, Dermatologen, Gynäkologen, HNO-Ärzte, Internisten, Kinderärzte, Nervenärzte/Neurologen, Orthopäden, Psychotherapeuten/Psychiater und Urologen. 57,5 Prozent der Auswertungen betrafen Allgemeinärzte, Internisten und Gynäkologen.

Auf dem Gipfel der Nachfrage nach Einzelpraxen in den Jahren 2001 und 2002 wurden im Schnitt aller Arztgruppen gut 88 000 Euro für den ideellen Wert gezahlt. In den Jahren 2005 und 2006 waren es rund 78 000 Euro. Das ist ein Rückgang von immerhin 11,1 Prozent in nur fünf Jahren. Beim Substanzwert der Praxen hält der Trend nach unten schon länger an, da gehen die Erlöse seit 1995/1996 kontinuierlich zurück -und zwar von rund 46 000 Euro auf knapp 37 000 Euro.

Auch die Allgemeinärzte haben in den Jahren 2005/2006 wiederum Einbußen bei den Praxiserlösen erlitten. Wies die Analyse schon 2004 und 2005 bei Einzelpraxis-Übernahmen einen Durchschnittserlös von 79 522 Euro aus (ideeller Wert plus Substanzwert), waren es in den Jahren darauf nur noch 75 911 Euro. Die Differenz von 3611 Euro wirkt sich sicherlich nicht auf den Lebensstandard der Allgemeinärzte im Ruhestand aus. Doch es ist bedenklich, dass sich der Abwärtstrend fortgesetzt hat.

Der ärztliche Nachwuchs lässt sich offenbar nicht täuschen von den Beteuerungen der Politiker, sie wollten die Stellung des Hausarztes stärken. Was zählt, sind die Honoraraussichten und die Arbeitsbelastung. Und da ist eine Wende noch nicht in Sicht. Zentralinstitut und apoBank deuten das vorsichtig an: "Im Berichtszeitraum 2005/2006 ging der immaterielle Praxiswert unter Umständen auch bedingt durch eine geringere Nachfrage an Praxisübernahmen (Stichwort: Ärztemangel) zurück."

Wie in der vorhergehenden Analyse lag der Schwerpunkt der Existenzgründungen in den Jahren 2005 und 2006 in den Städten: Im Westen entfielen 50 Prozent auf Großstädte, 29 Prozent auf mittelgroße Städte und 17,5 Prozent auf Kleinstädte. Lediglich 3,5 Prozent der Existenzgründer entschieden sich für eine Praxis auf dem Land. Im Osten war der Anteil der Groß- und Mittelstädte mit je rund 30 Prozent etwa gleich groß, Kleinstädte waren mit fast 28 Prozent gefragter als im Westen. Nur 8,5 Prozent der niederlassungswilligen Kollegen im Osten wollten auf dem Land arbeiten.

Im Durchschnitt brauchten die Ärzte für eine Einzelpraxis-Neugründung ein Finanzierungsvolumen von 75 951 Euro, wobei es große Unterschiede gab, etwa zwischen Psychotherapeuten/Psychiatern (31 647 Euro) und Internisten (134 456 Euro). Die Übernahme einer Praxis erforderte bei fast allen Arztgruppen einen höheren Kredit als die Neugründung. Ausnahmen bildeten neben den Dermatologen und den HNO-Ärzten auch die Allgemeinärzte. Ihr Kreditbedarf betrug bei Einzelpraxis-Neugründung 104 511 Euro und bei Einzelpraxis-Übernahme 91 882 Euro. In dieser Summe sind außer dem Finanzbedarf für Goodwill und Substanzwert der übernommenen Einzelpraxis noch Betriebsmittelkredite und Kredite für Bau- oder Umbaukosten enthalten.

Zahl der Kooperationen legt zu, ist aber immer noch gering

Kooperationen haben auch in den Jahren 2005 und 2006 zugenommen. 9,7 Prozent der Niederlassungsfinanzierungen durch die apoBank entfielen auf Beitritte zu Gemeinschaftspraxen und 8,6 Prozent auf Überführungen von der Einzel- zur Gemeinschaftspraxis (Daten für Westdeutschland). Damit lag der Anteil der Kooperationen nur noch knapp hinter dem Anteil der Einzelpraxis-Neugründungen (10,3 Prozent). Die dominierende Form der Existenzgründung der Ärzte im Westen ist aber mit einem Anteil von 43,2 Prozent immer noch die Übernahme einer Einzelpraxis.

Kollegen, die ihre Praxis in den nächsten Jahren abgeben wollen, können also nach wie vor hoffen: Denn die Einzelpraxis ist immer noch gefragt - falls sie am richtigen Standort liegt.

FAZIT

Junge Ärzte, die sich niederlassen, setzen zunehmend auf Kooperationen. Inzwischen entfällt jede zehnte Finanzierung auf den Beitritt zu einer Gemeinschaftspraxis und fast neun Prozent auf die Überführung einer Einzel- in eine Gemeinschaftspraxis. Gleichwohl ist die Übernahme einer Einzelpraxis noch immer die gängige Form der Existenzgründung. Das geht aus der Existenzgründungsanalyse hervor, die das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung und die Apobank vorgelegt haben. Basis sind 2600 Praxisfinanzierungen.

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