Das Gutachten der Prognos-AG mit Hauptsitz in Basel (CH) kann man nachlesen unter:
https://www.gkv-spitzenverband.de/upload/Gutachten_Aufkauf_Arztpraxen_110630_16991.pdf
Gleich zu Anfang wird die Katze aus dem Sack gelassen:
„Der Aufkauf von Arztpraxen als Instrument zum Abbau der regionalen Ungleichverteilung in der vertragsärztlichen Versorgung“ ist der Titel.
"Im Auftrag des GKV-Spitzenverbandes hat die Prognos AG dieses Instrument analysiert und kommt zu dem Ergebnis, dass bis zu 12.000 Arztsitze aufgekauft werden könnten, ohne dass die Versorgung für Patienten beeinträchtigt werden würde."
Dabei versteht sich fast schon von selbst, dass nur und ausschließlich
„vom GKV-Spitzenverband zur Verfügung gestellte Umsatzwerte" der Vertragsärzte Datengrundlage waren und n i c h t etwa Gewinn/Verlust-Rechnungen als betriebswirtschaftliche Analyse (BWA). Zur Dramatisierung wurden 1993, also mitten im Aufbau-OST, "im gesamten Bundesgebiet
115.469 Vertragsärzte" mit "bis zum Jahr 2010 ... auf aktuell 138.472 erhöht“ verglichen. Also alle später zusätzlich ermächtigten Krankenhausärzte, Ambulanzen, ambulant tätige Unikliniken mit eingerechnet.
Der Berechnungsansatz lief vereinfachend so:
„Überversorgung in der jeweiligen Arztgruppe liegt vor, wenn die Allgemeine Verhältniszahl um 10% über der Einwohner/Arzt-Relation vor Ort liegt. Dies entspricht dann einem Versorgungsgrad von 110%. Eine Unterversorgung wird dagegen ab einem Versorgungsgrad von 75% (Hausärzte) bzw. 50% (übrige Fachärzte) vermutet.“ Eigentlich logisch, Ü b e r versorgung bereits ab plus 10%, U n t e r versorgung erst bei minus 25 % bzw. minus 50 % anzunehmen, oder?
Bei den H a u s ärzten war das Prognos-Gutachten nicht sehr ergiebig: Wenn der hausärztliche Versorgungsgrad bundesweit auf 130 % eingeschmolzen würde, müssten nur 32 Hausarztsitze in den Kreisen München, Starnberg und Freiburg geschlossen werden. Bei einem Versorgungsgrad von 110 % wären theoretisch 765 hausärztliche Sitze in diesen drei Regionen zu viel. Denn der hausärztliche Haken kommt auch für die PROGNOS-AG: Bundesweit liegt der Versorgungsgrad der hausärztlichen Praxen g e n e r e l l nur bei 100% u n d darunter!
Bei den F a c h ärzten läuft Prognos zu voller Form auf: Ein Versorgungsgrad von 130 % als Höchstgrenze würde bundesweit die Auflösung von 9.902 Facharztsitzen, bei 110 % Versorgung die Aufgabe von 16.196 (i. W. über sechzehntausend) fachärztlichen Sitzen bedeuten!
Dann werden natürlich statistische Feinkorrekturen wie Überalterung der Praxisinhaber regional wie fachgruppenspezifisch (Anästhesisten sind durchschnittlich die Jüngsten) und sonstige Unterschiede aufgedröselt. Pikant ist auch das Detail bei den Psychotherapeuten: Lt. Prognos könnten in Tübingen, Dachau und Garmisch-Partenkirchen 78 % dieser Fachpraxen geschlossen werden, und es gäbe immer noch 130 % Versorgungsgrad. Auch ist den Gutachtern der schweizerischen Prognos-AG wohl nicht bekannt, dass die Kinderärzte hierzulande zur hausärztlichen Versorgung gezählt werden.
Wie o. a. wurden beim vorliegenden Gutachten die Umsatzzahlen der Vertragsarztsitze durch den GKV-Spitzenverband der Krankenkassen als Datengrundlage geliefert. Das ist dann spannend, wenn das Allheilmittel des A u f k a u f s von Arztsitzen durch die KBV oder Länder-KVen von Prognos propagiert wird: Pro Praxissitz
KV-Übernahmekosten für Radiologen 211.000 bis 324.000 Euro,
fachärztliche Internisten 108.000 bis 246.000 Euro,
Kinderärzte 75.000 bis 116.000 Euro,
Hausärzte 75.000 bis 107.000 Euro und,
als Schlusslicht, für Psychotherapeuten 31.000 bis 44.000 Euro.
Treuherzig wird dazu noch ein 'Trostpflaster' verabreicht: „In den derzeit überversorgten Gebieten würde sich durch den Aufkauf von Arztpraxen der Anteil aus der Gesamtvergütung für die verbleibenden Ärzte erhöhen, da sich die Gesamtvergütung nicht an der Zahl der praktizierenden Ärzte orientiert.“ Diese Prognos-Anmerkung liest sich jedoch wie die dringende Aufforderung zu einem Folgegutachten, mit dem man das sofort ändern sollte.
Zu guter Letzt, als Gute-Nacht-Geschichte sozusagen, zitiere ich noch zur eigenen Urteilsbildung das Fazit der Prognos-AG:
„3.3.4 Fazit
Aus der Diskussion der möglichen Auswirkungen lässt sich ein überwiegend positives Fazit ziehen: Der Zugang zu einer qualitativ hochwertigen und wohnortnahen vertragsärztlichen Versorgung würde insgesamt gesteigert, wenn es gelingt die regionale Ungleichverteilung abzubauen. In den von
Unterversorgung bedrohten Gebieten würde sich der Zugang überproportional verbessern. Dem stehen sehr wahrscheinlich nur geringe Einbußen in den bisher überversorgten Regionen gegenüber. Überdies könnte die angespannte Personalsituation in den Krankenhäusern gemildert werden.
Die Arbeitssituation der Ärztinnen und Ärzte würde ebenfalls positiv beeinflusst werden. Zum Teil könnten sie auch finanziell profitieren, da sich der Verkaufswert ihrer Praxen erhöhen dürfte. Für die Versichertengemeinschaft der Gesetzlichen Krankenkassen ist der Gesamteffekt derzeit nicht eindeutig zu bestimmen. Den positiven versorgungspolitischen Effekten steht gegenüber, dass sich die regionalen Niederlassungsmöglichkeiten für die nachkommende Ärztegeneration deutlich einschränken würden. Es verbleibt die Aufgabe der Politik, diese Effekte gegeneinander aufzuwiegen.“
Ich weiß nicht, wie es Ihnen jetzt geht? Aber ich sehe mir jetzt zum Abreagieren den Film mit den drei einarmigen Skatspielern an: "Mission impossible"!
Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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