Ärzte Zeitung online, 22.09.2011
Pflegereform: Behinderte fühlen sich außen vor
MÜNSTER (dpa). Im Streit über die Pflegereform verschließt die Politik nach Expertenansicht die Augen vor der rasant wachsenden Zahl pflegebedürftiger behinderter Menschen.
Während die Bundesregierung über mehr Leistungen für Demenzkranke streite, blieben Menschen mit Behinderung in der Diskussion außen vor, sagte der Bundesvorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft überörtlicher Sozialhilfeträger, Matthias Münning, der Nachrichtenagentur dpa.
"Dabei kann man Demenz und geistige Behinderung ab einem gewissen Stadium gar nicht mehr trennen. Die behinderten Menschen müssten die gleichen Leistungen aus den Pflegekassen bekommen."
Weil Behinderte heute eine höhere Lebenserwartung hätten, werde das Problem der Pflege im Alter immer dringender.
Münning: "In zehn Jahren werden wir viermal so viele Menschen mit geistiger Behinderung über 60 Jahren haben wie im Jahr 2010." Das Geld dazu soll der Bund nach Münnings Ansicht aus den Pflegekassen beisteuern.
Ein CSU-Modell, das Leistungen für Menschen mit Handicap aus neuen Steuern finanziert, nehme Behinderte zwar in den Blick. Aber zwei Finanzierungsmodelle parallel zu betreiben, leuchtet Münning nicht ein.
"Besser wäre es, die behinderten Menschen einfach mit in die Pflegeversicherung zu nehmen. Warum sollte es da auch Unterschiede geben?"
Rund eine Milliarde Euro müssten nach seinen Schätzungen für Menschen mit Behinderung zusätzlich aufgebracht werden.
"Und da sollte man genauso um eine Finanzierungslösung ringen wie bei den Demenzkranken." Für die hatte CDU-Gesundheitsexperte Jens Spahn erst kürzlich zwei Milliarden Euro eingeplant.