Ärzte Zeitung, 02.03.2016

Patienten in Handschellen

Klinikalltag hinter Gittern

Im Justizvollzugskrankenhaus in Lingen kümmern sich sieben hauptamtliche Ärzte um die Gesundheit Inhaftierter. Dabei sind sie häufig auch auf die Unterstützung von niedergelassenen Kollegen in der Umgebung angewiesen.

Von Christian Beneker

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Dr. Kerstin Ebbecke (v.l.n.r.), Meik Portmann, Dr. Salomon Nadjiri, Dr. Heinrich Werner Siemer und Björn Jäger kümmern sich im Justizvollzugskrankenhaus (JVK) Lingen um erkrankte Menschen in Haft. Christian Beneker

LINGEN. Rote hohe Ziegelwände umgeben fensterlos das Gelände, ein großes Metalltor, fünf Meter hoch dürften die Gitterzäune sein und unüberwindbar die Rollen aus Nato-Draht obendrauf. Selbst die GSG-9 habe es probehalber versucht, auszubrechen - und ist gescheitert, heißt es.

Ein Beamter kontrolliert Eingang und Ausgang. "Ihren Ausweis, bitte". Telefone sind abzugeben. Kaum ist man eingetreten, steht man nach den ersten Schritten durch einen kleinen Innenhof auf dem von Haftgebäuden umgebenen Platz der 150 Jahre alten Justizvollzugsanstalt Lingen an der Ems. Wer hier einsitzt, hat noch mal Glück gehabt.

Das geht aus den Berichten hervor, die Chefarzt Dr. Salomon Nadjiri und seine Kollegen über ihre Arbeit geben. Sie versorgen im Krankenhaus der Anstalt die Häftlinge. Wer ernstlich krank wird unter den Gefangenen in Niedersachsen und Bremen und stationär behandelt werden muss, kommt hierher, in das 1975 gegründete Justizvollzugskrankenhaus (JVK).

Weiße Flure, bunte Bilder an den Wänden - das Krankenhaus macht auf den ersten Blick einen ganz gewöhnlichen Eindruck. Die Fenster jedoch sind vergittert und die Krankenzimmer heißen Hafträume und sind abgeschlossen.

Patienten aus aller Welt

Rund 5500 Menschen sitzen in den beiden Bundesländern im Nordwesten hinter Gittern, 300 von ihnen sind Frauen, berichtet der Anstaltsleiter Meik Portmann. Hier im JVK bilde man alles ab, was strafmündig ist. Das Krankenhaus bietet 77 Betten, eine Abteilung für innere und Allgemeinmedizin, für Chirurgie und Psychiatrie.

"Wir machen hier für die Häftlinge genau die gleiche Medizin, wie sie alle anderen Patienten draußen erhalten", erklärt Nadjiri das so genannten "Äquivalenzprinzip". "Mit einem Unterschied - die freie Arztwahl gibt es hier nicht." Dafür eine lange Dolmetscherliste für die Patienten aus gut 35 Ländern.

Wer im JVK versorgt wird, der bekommt gesundheitlich die zweite Chance. Denn das Leben vieler Häftlinge war hart und oft ruinös für ihre Gesundheit, als sie noch "draußen" waren. "Schlechte Gebisse, schwer heilende Wunden, Suchtmittel", zählt der Chirurg, Dr. Heinrich Werner Siemer, auf. Eigentlich können die Häftlinge froh sein, hinter Gitter geraten zu sein. So leiden zum Beispiel viele neue Patienten seit Monaten und Jahren an nicht heilenden Wunden.

Im JVK nimmt sich Wundexperte und Pflegedienstleiter Björn Jäger der Verletzungen an. Viele Patienten leiden an Hepatitis C, nehmen seit Jahren Drogen oder sind Alkoholiker. "Gerade für Suchtkranke ist der Entzug hinter Gittern Gold wert", meint Dr. Kerstin Ebbecke, Allgemeinmedizinerin im JVK.

"Heroinabhängige werden substituiert. Alkoholiker sind eigentlich in jeder Notaufnahme der Albtraum. Bei uns aber sind sie friedlich, weil sie genau wissen, woran sie sind." Regelmäßiges Essen und Duschen, frische Kleidung und ein strukturierter Tagesablauf tun ein Übriges. Eine Sucht allerdings wird im Krankenhaus geduldet - das Rauchen. Sonst würden die Patienten überhaupt nicht kommen, sagen die Ärzte.

Einen besonderen Dienst übernimmt regelmäßig die Chirurgie. Sie entfernt die martialischen Tattoos der Gefangenen. "Die Ops sind praktische Hilfe für die Wiedereingliederung", erklärt Siemer. "Wer würde schon gerne einen neuen Mitarbeiter mit SS-Runen oder Hakenkreuzen auf den Armen einstellen?" Ein spezielles Leiden nimmt allerdings durch die Haft zu und wird durch sie nicht besser. Die Rede ist von psychischen Erkrankungen, allen voran die Depression. "Haft bedeutet Stress, besonders für solche Häftlinge, die erstmals im Gefängnis sitzen", weiß Ebbecke.

Stress in der Gefangenschaft

"Und Stress kann krank machen." Das sich psychische Erkrankungen hinter Gittern häufen "bewegt die Anstaltsleitungen allgemein in Deutschland sehr", sagt Portmann. Allerdings sei oft unklar, ob die Erkrankungen in und durch die Gefangenschaft erworben wurden oder ob die Häftlinge wegen bereits bestehender psychischer Erkrankungen erst straffällig geworden sind. Die Psychiatrie des Lingener Hauses jedenfalls hält insgesamt zwölf Haftplätze vor und ein eigenes zweiköpfiges Ärzteteam.

Dennoch: Die gesamte medizinische Klaviatur kann im JVK nicht gespielt werden. Deshalb arbeiten die Ärzte mit niedergelassenen Kollegen aus der Umgebung zusammen. Zahnarzt, Urologe, HNO-Arzt oder Dermakologe kommen möglichst ins Haus. Bei Bedarf werden zwar die Gefangenen auch im Rahmen von sogenannten Ausführungen in die Praxen der Fachärzte oder etwa zum MRT ins kooperierende Bonifatius-Krankenhaus in Lingen gebracht. "Wir wollen das Spektrum ja möglichst breit halten", sagt Nadjiri.

Fesselungsaspekt im Wartezimmer

Allerdings ist es für die anderen Patienten bei den niedergelassenen Ärzten ein verstörender Anblick, wenn ein Patient in Handschellen ins Wertezimmer geführt wird. Es sei schon deshalb einfacher, die Patienten im Hause zu versorgen, "weil dann der Fesselungsaspekt wegfällt", erläutert Jäger.

Auch eine Palliativversorgung sei im JVK kaum zu machen. Außerdem gelte innerhalb der Europäischen Union Geburt und Tod hinter Gittern als Folter. Anfang und Ende des Lebens sollen deshalb nicht in Gefangenschaft stattfinden. "Im Zweifel streben wir für todkranke Patienten eine Enthaftung an", so Chefarzt Nadjiri. "Es sei denn, ein Patient möchte hier sterben."

Rund 50 speziell für den Strafvollzug ausgebildete Schwestern und Pfleger arbeiten in der Klinik und sieben hauptamtliche Ärztinnen und Ärzte. "Wir brauchen dringend weitere Kollegen", sagt Nadjiri. Wie überall ist auch im JVK das Personal knapp.

Immerhin locke die Arbeit im JVK mit geregelten Arbeitszeiten und zwei weiteren unschlagbaren Vorteilen, wie die Ärzte versichern. "Hier gibt es Zeit genug, sich wirklich mit dem Patienten zu befassen", berichtet Siemer. Und es gibt keine DRGs. Portmann: "Wir verhandeln einfach das Budget, das wir brauchen, jährlich mit dem Justizministerium."

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