Sonntag, 12. Februar 2012
Ärzte Zeitung, 20.05.2010

Klinikstreiks: "Der Osten hat ein psychologisches Problem"

Ein Blick auf den Streikatlas der Ärzte Zeitung zeigt: In ostdeutschen Kliniken wurde noch nicht gestreikt. Doch warum -schließlich sind die Probleme überall dieselben?

Von Aline Klett

Klinikstreiks: "Der Osten hat ein psychologisches Problem"

Zwischenstand: Der Streikatlas auf www.aerztezeitung.de am Donnerstag macht deutlich, dass in ostdeutschen Kliniken bisher noch Zurückhaltung geübt wird. © Karte: Google

NEU-ISENBURG. Im Osten wie auch Westen gilt: Die Arbeit verdichtet sich, es gibt zu wenig Ärzte und Bereitschaftsdienste sind schlecht bezahlt. Eine Erklärung ad hoc auf die Frage gibt es nicht, dafür aber eine Reihe von Faktoren, die die bisher geringe Streiklust der Ostkollegen erklären. "Im Osten gibt es zum Beispiel eine geringere Zahl an Krankenhäusern, die über den Tarifverbund der Kommunalen Arbeitgeber (VKA) organisiert sind", sagt Marburger Bund-Sprecher Hans-Jörg Freese.

Mitte der 90er Jahre gab es eine starke Privatisierungswelle. Ostdeutsche Kommunen waren klamm und konnten ihre Kliniken wegen des hohen Investitionsbedarfs allein nicht mehr tragen. 22 Betreiber in fünf Ländern sind übriggeblieben. Berlin ist ganz draußen.

Weniger Kliniken bedeuten aber auch weniger Ärzte in kommunalen Kliniken, die im Osten mit dem Marburger Bund streiken könnten.

Ein zweiter wichtiger Faktor: "Der Organisationsgrad ist rund um die Hälfte geringer", sagt Freese. 40 bis 50 Prozent der Klinikärzte sind im Osten im Marburger Bund organisiert, 80 Prozent sind in den alten Ländern. Und das ist auch historisch bedingt: Nach der Wende war das Verständnis über die Aufgabe einer Gewerkschaft in der Demokratie "noch nicht in den Köpfen", sagt Sylvana Donath, Geschäftsführerin des Kommunalen Arbeitgeberverbands (KAV) Thüringen. "Damals gab es auch viele Kündigungen und es ging um den Arbeitsplatzerhalt des Einzelnen", sagt Donath. Gewerkschaftsforderungen nach mehr Lohn, wären da falsch am Platze gewesen.

Und schließlich: Bei der Abwägung - Streik oder nicht - entscheiden nicht nur historische Faktoren. "Es kann ein psychologisches Problem sein", vermutet Dr. Jörg-Peter Vandrey, MB-Chef von Mecklenburg-Vorpommern. Skrupel, zu streiken, sind größer. So gab es 2008 die Lohnangleichung von Ost- auf Westniveau. Auch gehören Klinikärzte auf dem Land zu den Besserverdienern. Die Diskrepanz zum Rest der Bevölkerung ist oft höher als im Westen.

Lesen Sie dazu den Standpunkt:
Auch Ärzte können rechnen

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