Ärzte Zeitung, 20.05.2010
Klinikstreiks:
"Der Osten hat ein psychologisches
Problem"
Ein Blick auf den Streikatlas der Ärzte
Zeitung zeigt: In ostdeutschen Kliniken wurde noch nicht gestreikt.
Doch warum -schließlich sind die Probleme überall
dieselben?
Von Aline Klett
NEU-ISENBURG. Im Osten wie auch
Westen gilt: Die Arbeit verdichtet sich, es gibt zu wenig
Ärzte und Bereitschaftsdienste sind schlecht bezahlt. Eine
Erklärung ad hoc auf die Frage gibt es nicht, dafür
aber eine Reihe von Faktoren, die die bisher geringe Streiklust der
Ostkollegen erklären. "Im Osten gibt es zum Beispiel eine
geringere Zahl an Krankenhäusern, die über den
Tarifverbund der Kommunalen Arbeitgeber (VKA) organisiert sind", sagt
Marburger Bund-Sprecher Hans-Jörg Freese.
Mitte der 90er Jahre gab es eine starke Privatisierungswelle.
Ostdeutsche Kommunen waren klamm und konnten ihre Kliniken wegen des
hohen Investitionsbedarfs allein nicht mehr tragen. 22 Betreiber in
fünf Ländern sind übriggeblieben. Berlin ist
ganz draußen.
Weniger Kliniken bedeuten aber auch weniger Ärzte in
kommunalen Kliniken, die im Osten mit dem Marburger Bund streiken
könnten.
Ein zweiter wichtiger Faktor: "Der Organisationsgrad ist rund
um die Hälfte geringer", sagt Freese. 40 bis 50 Prozent der
Klinikärzte sind im Osten im Marburger Bund organisiert, 80
Prozent sind in den alten Ländern. Und das ist auch historisch
bedingt: Nach der Wende war das Verständnis über die
Aufgabe einer Gewerkschaft in der Demokratie "noch nicht in den
Köpfen", sagt Sylvana Donath,
Geschäftsführerin des Kommunalen Arbeitgeberverbands
(KAV) Thüringen. "Damals gab es auch viele
Kündigungen und es ging um den Arbeitsplatzerhalt des
Einzelnen", sagt Donath. Gewerkschaftsforderungen nach mehr Lohn,
wären da falsch am Platze gewesen.
Und schließlich: Bei der Abwägung - Streik
oder nicht - entscheiden nicht nur historische Faktoren. "Es kann ein
psychologisches Problem sein", vermutet Dr. Jörg-Peter
Vandrey, MB-Chef von Mecklenburg-Vorpommern. Skrupel, zu streiken, sind
größer. So gab es 2008 die Lohnangleichung von Ost-
auf Westniveau. Auch gehören Klinikärzte auf dem Land
zu den Besserverdienern. Die Diskrepanz zum Rest der
Bevölkerung ist oft höher als im Westen.
Lesen Sie dazu den Standpunkt:
Auch Ärzte können rechnen